//

Abgesang

TITEL-Textfeld | Wolf Senff: Abgesang

Wir möchten verstehen, sagte Gramner, wer seien wir denn, daß wir über sie urteilen würden, materiell wie mental herrschen Not und Elend, der Alltag der Moderne erweise sich, sähe man nur aufmerksam hin, stets als das Gegenteil dessen, was in bunten Lettern gepriesen werde oder mit marktschreierischen Tönen verkündet.

Große Worte, dachte London und erschrak.

Es war spät geworden, wie an den Vortagen saßen sie entspannt um das Feuer, die Ojo de Liebre war rundum in schwärzeste Nacht gekleidet, von fernher rief endlos der Ozean, die milde Stimmung lud zu bleiben ein.

Nur daß die Menschen nichts davon merken, oder, fragte LaBelle.

Das Nachdenken ist ihnen fremd geworden, es sei ihnen zuwider, sagte London, ihr Leben kenne keine Pausen, keine Muße, nicht einmal das, was sie Urlaub nennen, unterscheide sich vom Arbeitsprozeß.

Unmöglich, widersprach Pirelli, der Mensch sei ein intelligentes Geschöpf.

Gramner schwieg, die Männer starrten in trotzig lodernde Flammen.

Sie hörten den Blas eines Wals.

Thimbleman hielt vergeblich nach dem Ausguck Ausschau.

Rostock räusperte sich.

Nein, sie merken nicht, was sich abspielt, sie nehmen es nicht ernst, sagte Gramner, sie fassen es nicht in Worte, und allgemein wisse man bekanntlich mehr, als man in Worte fasse.

LaBelle lachte. Urlaub, sagte er, stehe auf ihrer Agenda, Hin- und Rückflug gebucht, sie landen am Zielort, dort sind diverse Exkursionen im Angebot, Stillstand ist nicht vorgesehen.

Sie werden Masken tragen müssen, um sich zu schützen, sagte Gramner.

Die noch zuhörten, blickten erstaunt auf.

Auch im Urlaub, fragte Harmat.

In Risikogebieten, sagte LaBelle.

Fatal, sagte Crockeye.

Vor wem sie sich schützen, fragte Bildoon.

Vor der Luft, die sie atmen, sagte Gramner.

Die Männer waren fassungslos.

London faßte sich an die Stirn.

Wie das geschehen solle, sich gegen die Luft zu schützen, fragte Rostock, die einer atmet.

Die Masken, die sie über Mund und Nase aufsetzen, erklärte Gramner, schützen vor Krankheitserregern, die durch die Luft übertragen werden.

Trotzdem, widersprach LaBelle leidenschaftlich und ballte wutentbrannt die Fäuste.

Das sei kein Zustand, ergänzte Crockeye.

Welch abscheuliche Zeiten, sagte Thimbleman.

Eine Misere, sagte Eldin.

Nackt und bloß, ein Jammer in all seiner Not, sagte Gramner, und suche  verzweifelt nach Obdach, nach Schutz und Zuflucht.

Mitleiderregend, sagte Rostock.

Ob das die Wirklichkeit jener Epoche sei, fragte Sanctus.

Vielleicht habe die Moderne nur vernachlässigt, hinreichend mit ihren Errungenschaften zu prahlen, höhnte der Zwilling, oh die Wunder der Technik, oh künstliche Intelligenz, oh selbstfahrende Autos, alles in allem nicht überzeugend, das moderne Leben öde und leer, ein Produkt ausgefeilter PR-Strategien, wer wird denn gleich in die Luft gehen, und fragte, wie die medizinische Forschung die Herausforderung annehme.

Wann ihren Märkten endlich die Schreihälse ausgingen, fragte Rostock und lachte.

Ein schriller Widerspruch zwischen süßen Worten und rohen Fakten, konstatierte LaBelle.

Was einst Kultur war, genießerisch, sagte Pirelli, werde in jener Moderne als ein schrilles Spektakel präsentiert, lachend, gepflegte Zähne, bestens gelaunt, die Paralympics böten ein verwirrendes Beispiel.

Der Zwilling trank einen Schluck und nickte, die Lagune war ein angenehmer Aufenthaltsort.

Eldin legte einen Scheit Holz ins Feuer.

Man solle die Moderne nicht unnötig schlechtreden, mahnte er, jede Zeit habe ihre guten Seiten, auch die ferne Zukunft, es gebe Initiativen zum Schutz der Natur und zur Pflege des Lebens, und die schädlichen Technologien müßten rückgebaut werden.

Der Mensch sei abhängig, sagte LaBelle, und müsse sich aus dem Maschinenwesen hinausschleichen, als wäre es eine Droge.

Leicht gesagt, sagte Pirelli.

Der Ausguck schälte sich aus der Dunkelheit und setzte sich neben Thimbleman.

Dennoch tue sich nirgends ein Ausweg auf, konstatierte Gramner, der Planet sei in einer beklagenswerten Verfassung, so ausgeplündert wie heruntergewirtschaftet, das Leben ziehe sich zurück, da sei kaum noch etwas zu retten, der Mensch schaue dem eigenen Untergang zu.

| WOLF SENFF

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Voriger Artikel

Postkoloniale Rollenspiele

Nächster Artikel

Hilfe gegen nächtliche Schrecken

Weitere Artikel der Kategorie »Kurzprosa«

Kultur II

TITEL-Textfeld | Wolf Senff: Kultur II

Alles, was recht sei, sagte Farb, aber das halte er doch für weit hergeholt.

Er verstehe nicht genug, um sich ein Urteil zu bilden, sagte Wette, doch ja, er habe Gemälde gesehen, etwa auf einer Ausstellung in Zürich, Museum Riedberg, eindrucksvoll, sicher, aber er sei da auch lieber vorsichtig, nein, er wolle sich nicht aus dem Fenster lehnen.

Farb tat sich eine Pflaumenschnitte auf.

Tilman reichte ihm einen Löffel Schlagsahne.

Farb strich sie langsam und sorgfältig glatt.

Unvergleichlich, heiße es, und daß man gar von einer der wenigen bedeutenden Hinterlassenschaften menschlicher Kultur rede, sagte Farb, das scheine ihm doch alles etwas voreilig.

Leere

TITEL-Textfeld | Wolf Senff: Leere

Das Salzmeer, man muß das wissen, ist ein Ort, an dem nichts geschieht, jedenfalls gilt das für das Lager, ich erwähnte es kürzlich, Sie erinnern sich an den latenten Konflikt um die Ventilatoren, und sofern man die touristischen Ambitionen ins Auge faßt, bildet sich eine Paradoxie heraus, die einer ausführlichen Erklärung bedarf, nicht jetzt, nein, ich werde sie zu gegebener Zeit liefern.

Kollaps

TITEL-Textfeld | Wolf Senff: Kollaps

Haschen nach Wind, sagte Wette, ein Haschen nach Wind.

Farb lachte. Nachdem die Tech-Barone dem Menschen ihre Digitalisierung angedient haben, führen sie nun der Welt vor, was für tolle Kerle sie doch seien, und wirbeln Staub auf.

Verkehrt

TITEL-Textfeld | Wolf Senff: Verkehrt

Das könne er nicht ernst meinen, sagte Harmat.

Sei dir sicher, ihm ist nicht nach Witzen zumute, entgegnete Bildoon und legte einen Scheit Holz ins Feuer.

Es gehe um Zukunft, sagte Touste.

Die Zukunft, von der er spreche, liege in weiter Ferne, sagte Rostock und starrte in die Flammen.

Icke bin ein Berliner

Kurzprosa | Hanns-Josef Ortheil: Die Berlinreise Längst gilt Hanns-Josef Ortheil als Garant für geschmeidig zu lesende, autobiografisch unterlegte Romane, Essays und Reisebeschreibungen (oder einem gekonnten Mix aller Genres). Das jetzt veröffentlichte Reisetagebuch ›Die Berlinreise‹ verfasste der heutige Schriftsteller und Professor für Kreatives Schreiben allerdings schon im erstaunlichen Alter von 12 Jahren. Von INGEBORG JAISER