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Karttinger 4

TITEL-Textfeld | Wolf Senff: Karttinger 4

Als die Karttinger Nahstoll in seiner Klause zwischen Ahrensburg und Rahlstedt besuchte, unangekündigt besuchte, das brachte ihn auf, schilderte sie ihm, wie in der Vendée das Land, ein weitläufiges Flußdelta, dem Meer abgetrotzt worden sei, das Kanalsystem sei weitläufig erhalten und gehöre ins Ressort Denkmalpflege,  der Sumpf sei trockengelegt, die Hautevolee aus der Hauptstadt habe sich dort eingenistet, sie habe Bücher gelesen, Filme gesehen, erzählte ihm von der Bartholomäusnacht und den Feldzügen gegen die Hugenotten, als hätte er das nicht selbst gewußt, er fand das aufdringlich, doch ihre Stimme schmeichelte seinen Ohren, vom Aufbegehren der Royalisten gegen die Jakobiner, die Vendée sei immer schon widerständig gewesen, auch dieser Tage im Kampf gegen die Rentenreform, doch die Unruhen nähmen überhand.

Er verstand, daß sie dieses Land liebte, seine reiche Kultur, die natürliche Schönheit, die aus blutgetränkten Böden wachse, aus Bitternis, aus der Jahrhunderte Leid, und versicherte ihr höflich, daß er sie allzu gern begleiten würde, sie solle ihm ein Datum vorschlagen, er werde prüfen, ob es ihm recht sei.

Doch ehrlich – nichts zöge ihn in die Ferne, denn Behaglichkeit und Wärme, die fände er zu Hause. Draußen lauere Ungewißheit, kein Verlaß sei auf die Witterung, nicht einmal in der Vendée, nein, nirgends, da könne sie ihm viel erzählen, und das Klima beginne eh an allen Ecken und Enden verrückt zu spielen, der Planet sei heruntergewirtschaftet, dem Menschen fielen seine närrischen Technologien auf die Füße.

Deshalb war Nahstoll geblieben, verwurzelt in seinem nördlichen Stadtteil, und spielte ihnen von ferne den Ratgeber, säte Zweifel, riß und knüllte an all ihren glattgefalteten Geschichten und empfand diebische Freude daran.

Unterdessen näherten sich parallel zur Europastraße 60 – sie führte von Brest am Atlantik über einige tausend Kilometer bis nach Irkeschtam, Kirgisistan, an der Grenze zu China, zwischen Rumänien und Georgien war sie durch das Schwarze sowie zwischen Aserbaidschan und Turkmenistan durch das Kaspische Meer getrennt und die Überfahrt jeweils per Fähre vorgesehen – zwei blonde Männer den weitläufigen Feldern am Rande der Sümpfe südwestlich Niorts, wo Jahrhunderte zuvor blutrünstige Schlachten tobten, Sie werden das aushalten müssen, ich komme darauf zurück.

Milde Sonne ergoß sich über hügeliges Land. Die zwei Männer tourten auf erstklassigen Maschinen mit Einundzwanzig-Gang-Ketten-Systemen von Shimano.

Nach diesen Bildern habe er sich gesehnt, brach es aus Nahstoll hervor, endlich setze die Spannung ein, was werde geschehen, in welchem Kapitel befinde man sich.

Wollmann stimmte ihm zu. Es sei nun einmal zwingend, daß jemand die Fäden in der Hand halte, unbedingt, sagte er, Ordnung müsse sein, allein, das wolle er anmerken, er bedaure die Sprünge und vermisse das chronologische Erzählen.

Nahstoll lachte.

Der Moderator und der Geheimrat seien jedoch ein Meisterstück, lobte Wollmann.

Absolut, sagte Nahstoll.

Herausragende Persönlichkeiten, sagte Wollmann und lächelte: Eckpfeiler der Leitkultur.

Sie seien zwar nicht die jüngsten, monierte Nahstoll, zeigten sich aber wagemutig wie sonst kaum jemand.

Daß der Geheimrat sich in Frankreich aufgehalten habe, sagte Wollmann, sei allerdings nicht verbürgt, im Gegenteil, und kam ins Raisonieren, vermerkt sei lediglich ein Treffen mit Napoleon Bonaparte, der ihn im Oktober des Jahres1808 anläßlich eines Fürstentages zum Frühstück empfangen und ihn als ersten Deutschen mit dem Kreuz der Ehrenlegion ausgezeichnet habe, sie hätten einander sehr geschätzt, der Franzose habe den Deutschen bewundert, seitdem er dessen ›Werther‹ gelesen habe.

In Erfurt, ergänzte Nahstoll, in Erfurt seien sie einander begegnet – in Erfurt seien 2013/14 zwei ›Tatort‹-Folgen gedreht worden, Benjamin Kramme, Alina Levshin, Friedrich Mücke –, doch zu behaupten, der Geheimrat habe seinen Fuß auf französischen Boden gesetzt, sei ein Irrtum, denn die Stadt sei zwar von französischen Truppen okkupiert gewesen, doch sei sie deswegen kein französisches Territorium, es werde zu oft fake news verbreitet, mit ChatGPT werde dem leider Vorschub geleistet, überdies stehle das System geistiges Eigentum, es richte Unheil an und gehöre strikt reguliert, wenn nicht gänzlich rückgebaut.

| WOLF SENFF

[Karttinger 5 am nächsten Sonntag – vorhergehende Folgen sind hier zugänglich]

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