Es gibt nicht Nichts

Kinderbuch | Øyvind Torseter: Das Loch

Es gibt absichtliche Löcher, die da sind, wo sie hingehören und sein sollen: das Loch in der Minigolfbahn zum Beispiel, in das man den Ball versenken soll. Oder das bei der Gitarre, damit die überhaupt klingen kann. Es gibt Löcher, über die man sich ärgert – wie das in der neuen Jeans. Oder solche, die schmerzen, wie das im Zahn. Ein Loch, wie es uns hier begegnet, ist allerdings ungewöhnlich. ANDREA WANNER staunte.

Øyvind Torseter: Das LochEine neue Wohnung, ein Umzug mit Kisten, die zunächst einmal zu improvisierten Möbeln werden. Das erste selbstgebrannte Spiegelei im neuen Domizil. Nach all der Plackerei gönnt sich der neue Mieter erst mal eine kleine Pause. Unser Held ist eine schlaksige, mausähnliche Gestalt und wie er da so in der Küche sitzt, fällt ihm plötzlich ein Loch in der Küchenwand auf. Er scheint ein gründlicher, systematischer und ordentlicher Typ zu sein, so sehen zumindest seine beschrifteten Umzugskartons aus. Also geht er der Sache nach, will sich das Loch auch von der anderen Seite anschauen. Und erstarrt. Das Loch ist weg. Nein, falsch, es ist nicht weg, es ist an einer anderen Stelle. Gut getarnt sitzt es im Guckloch der Waschmaschine, so dass er es dort schlicht übersieht. Aber als er in die Küche zurückkehrt, wartet das Loch dort schon auf ihn. Mitten auf dem Fußboden, so dass er auch prompt versehentlich hineintritt und stolpert. Jetzt ist er mit seinen Nerven endgültig am Ende. Was ist das für ein Loch, das sich bewegen kann? Er braucht Hilfe, holt sie sich telefonisch von kompetenter Stelle und wird aufgefordert, das Loch dorthin zu bringen, damit es untersucht werden kann.

Viel Lärm um – Nichts?

Der norwegische Bilderbuchkünstler Øyvind Torseter hat ein faszinierendes Abenteuer geschaffen, dessen spielerischer Witz sich von Seite zu Seite auf höchst vergnügliche Weise entfaltet. Leuchtend Gelb das Cover und mittendrin: ein Loch. Ein ganz echtes, durchgestanzt durch alle Buchseiten, so dass man durchschauen kann. Es ist DAS LOCH, das unseren Helden verfolgt – als Rätsel, als Mysterium, als Unerklärliches. Und es zieht alle, die das Buch anschauen, genauso in seinen Bann. Denn zum einen, ist es da, wo man es sieht: in der Buchmitte. So wie in der Küchenwand. Und dann ist es eben Seite um Seite woanders. Es wandert, sucht sich seine Orte, spielt mit uns.

Zunächst hat unser Held seine liebe Mühe, das Loch einzufangen und in eine Schachtel zu packen. Tja. Geht das denn? Kann man ein Loch einfangen und in eine Schachtel packen? Man kann. Und gleichzeitig aber auch nicht. Die Dialektik des Lochs als ein Seiendes und eben per Definition als ein Abwesendes wird zum philosophischen Denkspiel, das einen packt. Wo ist es? Auf dem Weg zur Untersuchung in einem wissenschaftlichen Labor wähnt es der Held gut verwahrt im Karton. Wir entdecken es als Baugrube, als Nasenloch, als Ampelrot und Ampelgrün, als Autoreifen, als Türspion, als Straßenlampe, als Überwachungskamera, als Scheinwerfer, als Auge … Und je nachdem, wo es auftaucht, nehmen wir es als »da« oder »nicht da« wahr. Jede Seite eine neue Perspektive, das Loch entzieht sich, taucht auf, taucht ab, verwirrt, irritiert, neckt. Längst ist aus dem Objekt »Loch« der eigentliche Held der Geschichte geworden.

Nichts ist unmöglich

Und dann landet es im Labor und wird mit all den zur Verfügung stehenden Methoden untersucht: vermessen, unter das Mikroskop gelegt, chemisch geprüft, in aufwändigen Apparaturen durchleuchtet. Und schließlich in einem verschlossen Glas in einer Schublade verwahrt. Verwahrt? Das Loch? Wir wissen, dass diese vermeintliche Kontrolle über das Loch eine Illusion ist.

Torseter schafft mit seinen reduzierten Strichzeichnungen, die nur an wenigen Stellen koloriert sind – ein bisschen Braun, ein paar Akzente im Gelb des Covers und Vorsatzpapieres, ein bisschen zartes Himmelblau, gelegentliches Grau – eine eigene Welt, in deren Mittelpunkt sich DAS LOCH befindet. Alles dreht sich um dieses Rätsel, das unlösbar scheint und ist, das den Kopf schwirren macht. Worte braucht es dazu kaum. Wenige Kommentare in Sprechblasen. Dem Loch als Nichts, als einem universellen, abstrakten Konzept, das wir uns eigentlich nicht vorstellen können, wird hier ein Denkmal gesetzt. Ein ebenso witziges wie originelles, das zum Lachen einlädt und zum Philosophieren, Kleine wie Große. Und eben zum Staunen, wie viel hinter vermeintlich Banalem steckt. Genial!

| ANDREA WANNER

Titelangaben
Øyvind Torseter: Das Loch
(Hullet, 2012)
Aus dem Norwegischen von Maike Dörries
Hildesheim: Gerstenberg 2014
64 Seiten. 19,95 Euro
Bilderbuch ab 4 Jahren

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