Heftiger Wellenschlag

in Jugendbuch

Jugendbuch | Elisabeth Herrmann: Seefeuer

Ein dramatischer Schiffsuntergang, eine verwickelte Familiengeschichte über drei Generationen, moderne Piraten, eine junge Frau am Ende der Pubertät und vor den ersten Anforderungen des Lebens als Erwachsene, gestrandete Robben samt einer süßen Romanze sorgen im dritten Jugendthriller von Elisabeth Herrmann ›Seefeuer‹ für heftigen Wellenschlag und bei den Leserinnen für reichlich Spannung. Von MAGALI HEISSLER

Elisabeth Herrmann: SeefeuerMarie möchte Meeresbiologie studieren. Die Vorbereitungen dazu sind zunächst einmal ein Praktikum in der Seehundaufzuchtstation Friedrichskoog. Dem soll ein freiwilliges ökologisches Jahr folgen, wenn sie die heißbegehrte Stelle überhaupt bekommt. Darauf richtet Marie all ihr Denken. Das ist auch besser so, denn wenn sie an ihre Familie denkt, fallen ihr vor allem Konflikte ein. Und Trauer. Ihr Vater, Inhaber des Teehandels Vosskamp, ist bei einer Tee-Einkaufsreise verschollen. Marie vermisst ihn schrecklich. Mit ihrer Mutter Viola, die nur für ihre Malerei lebt, versteht sich Marie nicht besonders gut. Das Verhältnis hat sich noch verschlechtert, seit der neue Freund der Mutter, Magnus, in die Villa in Cuxhaven eingezogen ist. Die gegenseitige Eifersucht macht die Beziehung zwischen Magnus und Marie nicht einfacher. Am liebsten hat Marie ihre Großmutter Clara.

Doch Clara liegt nach einem Herzanfall im Sterben. Als wäre das nicht genug, ereignen sich um Marie und ihre Mutter plötzlich merkwürdige Dinge. Violas Bilder werden zerstört, Zimmer durchwühlt, Türen verschmiert, eine Puppe taucht auf. Dazu engagiert sich Magnus plötzlich auffallend stark für den Erhalt des Familienunternehmens.

In Friedrichskoog dagegen herrscht höchste Aufregung, weil sich ein Schiffswrack, das sechzig Jahre zuvor vor der Küste gesunken ist, bemerkbar macht. Kaum dass feststeht, um welches Schiff es sich handelt, tauchen professionelle Schatzsucher auf, die, mit modernstem Gerät ausgerüstet, den Schatz heben wollen. Der allerdings gehörte Maries Familie. Eine Rettungsaktion für gestrandete Robben bringt Marie an Bord des Schatzsucherschiffs. Dabei geraten nicht nur ihre Gefühle wegen eines attraktiven Tauchers durcheinander, auch ihr Leben ist in Gefahr. Plötzlich muss so viel mehr gerettet werden als ein vor über sechzig Jahren versunkener Schatz.

Rettungsaktionen

Herrmann lässt das Drama mit einem Paukenschlag beginnen, die Leserin erlebt den Sturm 1951, in dem die ›Trinity‹ unterging, von einem besonderen Aussichtsort mit. Das setzt schon das Tempo fest, mit dem die Geschichte vorwärtsgetrieben wird. Bestimmendes Thema ist Rettung. Von gestrandeten Robben, von Schiffbrüchigen, von gesunkenem Gut. Vor den Folgen böser Fehler der Vergangenheit, vor der Trauer, die eine zu verschlingen droht, vor bösen Taten der Gegenwart. Das verbindet die doch zahlreichen Fäden der Handlung recht geschickt. Zu erkennen, wer und was gerettet werden muss, die richtigen Aktionen einzuleiten, beschäftigt die Figuren dieser Geschichte gewaltig. Vor allem Marie, die recht patent mit Robben umgehen kann, ihren Mitmenschen aber hilflos und viel zu oft blind gegenübersteht.

Hineingepackt ist in den Roman sehr viel, an manchen Stellen ein bisschen zu viel. Da die Handlung in Deutschland spielt, darf auch der Nationalsozialismus nicht fehlen. Der Familienkonflikt, der sich bald nicht nur auf Marie, Viola und Magnus bezieht, nimmt viel Raum ein. Die Beschreibungen der Seehundstation Friedrichskoog wie auch der Methoden modernder Schatzsucher sind durchaus interessant zu lesen, aber auch breit angelegt. Manche Charakterentwicklung bleibt da auf der Strecke. Das rasante Erzähltempo überdeckt dabei manches Manko.

Beherrschung der Genre-Regeln

Jugendthriller sind nicht mehr ganz neu, aber noch keineswegs eine traditionelle Erscheinung auf dem Buchmarkt. Dem jungen Zielpublikum angemessen müssen gewisse Grenzen gewahrt werden. Das bekommt den Geschichten grundsätzlich, da statt auf Blut auf klassischen Spannungsaufbau gesetzt wird. Das merkt man bei ›Seefeuer‹ sehr gut. Was man auch erkennt, ist, wie gut die Autorin die Regeln des Genres beherrscht. Man schaut beim Lesen einer Könnerin zu. Es gibt kaum ein Versatzstück, das nicht geradezu lustvoll hervorgezogen und eingesetzt wird. Selbst die Stimme der bösen Macht, die die Fäden zieht, ist zu hören, was jede junge Leserin nur noch mehr um das Wohl der Hauptfigur bangen lässt.

Marie ist recht überzeugend in ihrer Naivität, Unsicherheit und ihrer Trauer, erst um den Vater, dann um Clara. Die Liebesgeschichte ist erstaunlich zart, der Akzent liegt etwas stärker auf der Beziehung zwischen Marie und Viola, auch wenn dabei am Ende einiges etwas schnell nachgefüttert werden muss.

Die Nebenfiguren gewinnen allerdings nicht so recht an Leben. Sie bleiben eher Namen. Das liegt daran, dass sich die Autorin hat verlocken lassen, Menschen aus ihrem Alltag direkt im Roman auftreten zu lassen. Das rächt sich immer. Man übersieht, dass man die Lebendigkeit, die tatsächlich existierende Menschen für eine haben, auf dem Papier noch einmal erschaffen muss, um sie für die, für die diese Menschen tatsächlich nur Figuren sind, authentisch werden zu lassen.

Insgesamt aber bleibt dieser Roman als temporeicher, emotional packender Thriller in Erinnerung, mit faszinierenden und zum Teil ungewöhnlichen Schauplätzen.

| MAGALI HEISSLER

Titelangaben
Elisabeth Herrmann: Seefeuer
München: cbt 2014
413 Seiten. 14,99 Euro
Jugendthriller ab 15 Jahre

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