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Küsse tauschen

Kulturbuch | Henry F. Urban: Die Entdeckung Berlins

Für die einen ist Berlin das Letzte, ein charakterloses Gemisch, für andere ein freiheitlicher Magnet, eine Human-Werkstatt. Je nach Sympathie mal bloß Behauptstadt, mal Überhauptstadt. Wer meint, Berlin-Hype und Berlin-Bashing seien etwas Neues, wird von einem wiederentdeckten Berlin-Buch eines fröhlichen Besseren belehrt. Von PIEKE BIERMANN

Henry F. Urban: Die Entdeckung BerlinsBerolina, die jugendlichste der magnetischen Metropolen, ist eine notorische Narzißtin. Am liebsten spiegelt sie sich in Blicken von Außenstehenden. Und nichts schmeichelt ihr mehr, als wenn Leute von Jottweedee einen schönen Schwan sehen – gern auch mit ein paar gerupften Federn, da ist sie großmütig. Hauptsache, nicht das hässliche Entlein, das sie selbst meistens im Schminkspiegel findet. Zugegeben, die hässlichen Spuren hat sie sich selbst beigebracht. Für die bösesten Schmisse hat sie nur zwölf Jahre gebraucht, manche werden nie ganz verheilen, aber guck mal, wer alles zu ihr ziehen will, sie schreibend, filmend, malend feiert! Wie attraktiv sie ist – mehr als New York, selbst für Israelis und Amerikaner.

London mag das Zentrum der alten Weltherrschaft und Paris die Hauptstadt des 19. Jahrhunderts sein – Berlin und New York, die zwei historischen Grünschnäbel, balgen sich um die Krone der Modernität. Das geht seit über hundert Jahren so, wie man jetzt in Henry F. Urbans Buch ›Die Entdeckung Berlins‹ nachlesen kann. Der unermüdliche Berlin-Archäologe Michael Bienert hat diese klassischen Großstadtfeuilletons wieder ausgegraben, in abenteuerlicher Kleinarbeit die Spuren des Autors recherchiert und nachgezeichnet und das Ganze mit historischen Fotos angereichert.

Spreewälder Ammen und polizeiliche Schmerbäuche

Henry Urban, 1862 in Berlin geboren, in jungen Jahren ausgewandert, kommt als New Yorker Schriftsteller 1910 in die Stadt zurück. Gerade ist in Amerika sein bissiger Roman erschienen, in dem drei Berliner ›Dollarjäger‹ New York entdecken. Jetzt also das Kontrastprogramm: ein New Yorker entdeckt Berlin, und zwar für die Sonntagsausgabe des ›Berliner Lokal-Anzeigers‹. Fünfzehn Folgen schreibt er für das Blatt, vier weitere, als der Scherl-Verlag ein special in Buchform daraus macht. Es erscheint 1911, mit Illustrationen. Um diese Zeit lebte der heute berühmteste Berlin-Flaneur Franz Hessel noch in Paris und sorgte – mit Helen Grund und Henri-Pierre Roché – für den Stoff, aus dem Truffaut 1953 den traumhaften Klassiker der nouvelle vague machen sollte, ›Jules et Jim‹.

Henry Urban also flaniert durch die Stadt, zu Fuß, mit Pferdekutschen und Straßenbahn, damals noch Tram genannt. Er interessiert sich für Tricks beim Pfannkuchenbestellen, beneidenswerte Müllentsorgung, Balkonblumengießen und breite, saubere und gut beleuchtete Straßen ebenso lebhaft vergleichend wie für bräsige Bürokratie, kaiserlich-preußischen Folklore-Pomp, Stadtfluchten mittels Ostsee- und Landpartien und ernährungstechnische Differenzen. Berliner, mutmaßt er zum Beispiel, haben ständig Angst zu verhungern, warum sonst sähe man sie überall mit Stullen? Er staunt, dass die Wohnungssuche doch glimpflicher abläuft als »Klapperschlangenjagd in der Bergwildnis von Pennsylvania« und der Makler auf dem »Zweirad« kommt, und begibt sich irritiert zu einer »Einkommenssteuerveranlagungskommission«, weil er als Ausländer zumindest mal gemeindesteuerpflichtig ist. Er entdeckt auch eine Menge »amerikanisches Berlin« samt Presse auf seinen Streifzügen und erzählt en passant von traditionellen Spreewälder Ammen und polizeilichen Schmerbäuchen. Besonders faszinierend erscheinen ihm die »absonderlich geistige Schärfe« der Berlinerin und die allgemein lockeren Sitten – da werden doch tatsächlich »mitten auf dem Kurfürstendamm am hellen Tage« Küsse getauscht. Undenkbar in New York!

Sinn für Pointen, tiefenscharfer Blick

So wie auch die offensichtliche hiesige Immunität gegen die »Dollaritis«, die Urban bei jeder Gelegenheit am »Dollarika«, in dem er sonst lebt, satirisch geißelt. Berlin dagegen attestiert er erfreut »geschäftliche Virtuosität erster Klasse« und »eine frische, sprudelnden Lebendigkeit«.

Man reibt sich immer wieder die Augen beim Lesen. Und fragt sich, was der Mann heute beschreiben würde. Auf jeden Fall Handfesteres als die übliche Dauerparty-Clubszene und Kreativ-Bohème samt IT-Hype und Medien-Bashing. Er würde sich vermutlich genauer ansehen, wer hier heute sein (gepumptes) Kapital in Immobilien einsteigen lässt. Er würde vielleicht darüber sinnieren, ob der Potsdamer Platz heute so ist, wie er ist, weil er seinerzeit für’n Appel und ’n Ei vertickt wurde. Er würde mit Sicherheit wissen wollen, was die Leute hier so treiben, die nicht das Lied vom »Alles so schön billich hier!« singen können. Denn Urban hat außer einer leichten Schreibhand und Sinn für Pointen vor allem einen tiefenscharfen Blick. Zwar sind die Zeitungskioske heute nicht mehr über-, sondern tendenziell unterfüllt, anstelle von Spreewälder Ammen mitteleuropäische Pflegerinnen und Bauarbeiter getreten, und die Lockerheit der »Sitten« geht weit über Küsse auf der Straße hinaus. Aber was Henry F. Urban damals an »olle Berolina« gesehen hat, zeigt verblüffende Ähnlichkeiten mit der heutigen »Miss Arm-aber-sexy« auf dem ewig wackeligen märkischen Sandboden. Und deshalb kann man ziemlich viel entdecken bei dieser ›Entdeckung Berlins‹.

| PIEKE BIERMANN

Eine erste Fassung der Rezension erschien in der Sendung ›Die Literaturagenten‹ beim rbb am 1. Juni 2014.

Titelangaben
Henry F. Urban: Die Entdeckung Berlins
Herausgegeben von Michael Bienert
Berlin: Verlag für Berlin und Brandenburg 2014
184 Seiten. 18,99 Euro

Lesung
Mittwoch, 27. August 2014, 20:30 Uhr
Buchhändlerkeller
Carmerstr. 1
10623 Berlin

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