Icke bin ein Berliner

Kurzprosa | Hanns-Josef Ortheil: Die Berlinreise

Längst gilt Hanns-Josef Ortheil als Garant für geschmeidig zu lesende, autobiografisch unterlegte Romane, Essays und Reisebeschreibungen (oder einem gekonnten Mix aller Genres). Das jetzt veröffentlichte Reisetagebuch ›Die Berlinreise‹ verfasste der heutige Schriftsteller und Professor für Kreatives Schreiben allerdings schon im erstaunlichen Alter von 12 Jahren. Von INGEBORG JAISER

Hanns-Josef Ortheil: Die Berlinreise - Buchcover Kaum eine Phase in Ortheils Leben, ein Wohnort in seiner Vita, der nicht umfassend ausgeweidet, seziert, zerlegt und neu aufbereitet worden wäre. Sei es die frühe Kindheit in Köln (›Die Erfindung des Lebens‹, 2009), die Studien- und Stipendienjahre in Rom (›Römische Sequenz‹, 1993) oder die vielfach geschätzte Wahlheimat Stuttgart (›Blauer Weg‹,1996). Ein Kosmopolit, Genießer, Forscher und Weltreisender im Geiste ist Ortheil ohnehin.

Kulturschock mit Stulle

Bereits die 2010 veröffentlichte ›Moselreise‹ fördert das frühe Logbuch eines 11jährigen Wanderers und kindlichen Entdeckers zutage, das unter der beschützenden Ägide des Vaters 1963 entstanden ist. Offenbar ist die heitere Männertour so erfolgreich gewesen, dass man im folgenden Jahr eine weitere gemeinsame Reise antritt. Doch die steht unter einem gleichsam bedrückenderem Vorzeichen, führt sie doch in eine geteilte Stadt und zu traurigen Erinnerungen.

Am 30. April 1964 sitzen Vater und Sohn im Nachtzug von Köln nach Berlin, zwischen fremden Menschen mit sehr viel Gepäck und reichlich Proviant. Bereits hier lernt der in den Abteilen herumstromernde Junge wichtige neue Vokabeln kennen: »Icke« und »Bulette«. Noch schreckt der Bub von zwei herzhaften Schwarzbrotscheiben mit reichlich Schinken zurück, die ihm ein Mitreisender in die Hand drückt. Dass er das spontane Geschenk »Pausenbrot« und nicht »Stulle« nennt, sorgt für allgemeines Gelächter.

À la recherche du temps perdu

Neun Tage wollen Senior und Junior im geteilten Nachkriegsberlin zubringen, auf der Suche nach einer verlorenen Zeit. Als jung vermähltes Paar waren die Ortheils 1939 nach Berlin gezogen, wo der Ehemann eine Stelle als Vermessungsingenieur antrat. »Der Umzug aus der ländlichen Einsamkeit des Westerwaldes in die damalige Reichshauptstadt erschien ihnen als ein großes Abenteuer, auf das sie sich sehr gefreut hatten.« Doch die Wirren des Krieges und der frühe Verlust zweier Söhne stellte diese Lebensphase unter ein düsteres Licht.

Nun will der Vater für einige Tage zurückkehren, um alte Freunde wiederzusehen und zurückgelassene Habseligkeiten der Mutter abzuholen – in der Begleitung seines Sohnes, für den diese Expedition einem großen Abenteuer gleicht, fast wie in seiner Reiselektüre ›Winnetou III.‹ Man wohnt in einer Frühstückspension in Lichterfelde, trifft sich täglich mit früheren Freunden, unternimmt Touren mit Bus, Bahn und Auto, nach Ostberlin, in den Botanischen Garten, die Philharmonie, diverse Gaststätten und Cafés. Sogar die 1.Mai-Rede von Ludwig Erhard steht auf dem Programm – samt beachtlichem Menschengedränge (»es war wie bei einem Fußballspiel des FC in Köln«).

Liebesgrüße aus Moskau

Der junge Hanns-Josef saugt alle Eindrücke und Beobachtungen förmlich auf, hält sie (naseweis und etwas altklug) schriftlich fest, in kurzen Notaten, spontanen Aufsätzen und liebevollen Postkarten an die in Köln verbliebene Mutter. Leicht überarbeitet und vom Vater zurückhaltend lektoriert, entsteht aus diesem Konvolut von Aufzeichnungen das Reisetagebuch ›Die Berlinreise.‹

Rührend, mit welch wacher Aufmerksamkeit und unterschwelliger Keckheit der damals 12jährige Junge den offensichtlichen Kulturschock verdaut (»Die Berliner haben viel mehr Zeit als zum Beispiel die Kölner. Sie frühstücken mindestens eine Stunde, und jede Unterhaltung dauert ebenfalls mindestens eine Stunde«), Familiengeheimnissen auf die Spur kommt (stillschweigend in alten Haushaltsbüchern der Mutter lesend) und eigene Wünsche äußert (zum selbst gewählten Kulturprogramm gehört der neue James-Bond-Film ›Liebesgrüße aus Moskau‹ und der Kauf eines ›Pardon‹-Heftes). Und als der Vater eines Abends mit ebenfalls in der Pension wohnenden französischen Gästen ausgelassen parliert, steht auch schon das nächste Reiseziel fest: 1965 soll es nach Paris gehen. Seien wir jetzt schon gespannt auf diese angekündigte ›Tour d´horizon‹!

| INGEBORG JAISER

Titelangaben
Hanns-Josef Ortheil: Die Berlinreise
Roman eines Nachgeborenen
München: Luchterhand 2014
288 Seiten. 16,99 Euro

Reinschauen
| Leseprobe
| Hanns-Josef Ortheil in TITEL kulturmagazin

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Voriger Artikel

Die Erlöserin

Nächster Artikel

Der umgezogene Stadtneurotiker

Weitere Artikel der Kategorie »Kurzprosa«

Idolatrie

TITEL-Textfeld | Wolf Senff: Idolatrie

Nichts, sagte Termoth, das nicht seine Grenze hätte. Die Anzahl an Bildern, sagte er, sei begrenzt, sagte er, sie sei endlich. Das sei, konzedierte er, schwer zu verstehen, er wisse das, dem Menschen erscheine zu Anfang alles endlos. Doch sobald jemand die Anzahl seiner Bilder aufgebraucht habe, werde es keine weiteren Bilder geben.

Eine Brücke zur alten Welt

Kurzprosa | Lejla Kalamujić: Nennt mich Esteban

Lejla Kalamujić blickt in ihrem Prosaband Nennt mich Esteban zurück auf ihre eigene Vergangenheit. Es ist eine mutige, oft schmerzhafte Rückschau auf Begebenheiten von früher. Sie erzählt in den Geschichten von ihren Erinnerungen an ihre Familie, an ihre Mutter und die Zeit vor dem Krieg in früheren Jugoslawien. Jedoch ganz ohne nostalgische Verklärung, ohne jegliche ideologische Bewertung. Die junge bosnische Autorin vermisst vielmehr die Stationen ihres Lebens mal mit großer analytisch klarer Kraft, mal ganz lyrisch und großer Symbolkraft. Eine Empfehlung von HUBERT HOLZMANN

Kleine Prosa ganz groß

Kurzprosa | Marie T. Martin: Woher nehmen Sie die Frechheit, meine Handtasche zu öffnen? Marie T. Martins Einblicke in eine durchwühlte Handtasche – der neue Band mit Kurzprosa ›Woher nehmen Sie die Frechheit, meine Handtasche zu öffnen?‹ ist im ›Leipziger poetenladen‹ erschienen. Von STEFAN HEUER

Jenseits des Koordinatensystems

Kurzprosa | Anette Lang: Things that I won´t do for love Anette Lang hat mit Things that I won´t do for love im Leipziger Birnbaum Verlag einen Band mit sechs erstaunlichen Kurzgeschichten vorgelegt, in denen die üblichen Themen von Liebe und Glück aus einer eigentümlich neuen Perspektive erzählt werden. Ein Leseversuch von HUBERT HOLZMANN

Introiten

TITEL-Textfeld | Wolf Senff: Introiten

Wurde Zeit, sagten sie eilig, wurde höchste Zeit, und ließen dennoch keine Freude erkennen, ich hätte von ihnen durchaus ein Danke erwartet, nicht wahr, ich kann euch jederzeit wieder entfernen, mahnte Farb, so lästig wie ihr euch aufführt, euer unablässiges Geschwätz ist nicht lange zu ertragen, und rufe Heimito von Doderers Roman No. 7 in Erinnerung, in dem er Fini und Feverl, die ihm den letzten Nerv raubten, ich erwähnte es anderenorts, kurzerhand expedierte, es geht, also bitte.