//

Maschinen-Wesen

TITEL-Textfeld | Wolf Senff: Maschinenwesen

Wir müssen noch viel lernen, damit wir die Dinge verstehen können, Tilman.

Nein, sie liegen nicht einfach. Bereits der Übergang zur Dampfschiffahrt, so heiße es zurecht, sei ein verhängnisvoller Schritt gewesen, das sähen die Männer auf dem Walfänger genauso, man habe lange nichts von ihnen gehört.

Das Maschinenwesen greife nach der Macht?

Ob sich das so beschreiben lasse, Anne? Maschinenwesen? Vielleicht, daß es vor aller Augen als eine Abfolge technologischer Revolutionen stattfinde und dem Menschen jedesmal mit einer kurzfristigen Erleichterung des Alltags den Schneid abkaufe.

Erleichterung als ein Köder? Anne lächelte. Stimmt, sagte sie, der Mensch falle darauf herein, sagte sie, er habe kein Stehvermögen, eine Süßigkeit bringe ihn zu Fall, ein einnehmendes Wort, sein Widerstand trage nicht, seine Proteste blieben folgenlos.

Die bis dato letzte Stufe technologischer Revolution sei die Digitalisierung.

Wer habe danach verlangt? Wer brauche sie? Außer daß sie das Geschehen verkürze, bringe sie nichts Neues. Sie verwirre mehr, als daß sie zur Ordnung beitrage, die Folgekosten seien nicht bezahlbar, das Maschinenwesen sei, wie es scheine, am Ende mit seinem Latein, Punkt, Stromausfall, der Letzte schließt die Tore.

Aber das Maschinenwesen steuerte die Abläufe, Anne. Der Mensch habe sich ausgeliefert, er sei integriert, sagte Tilman, einerlei, er verkümmere ebenso wie der Planet, den er plündere, und funktioniere wie ein Zahnrad, es sei ein Jammer.

Anne stand auf, der Tag war hochsommerlich, sie trat ans Fenster und warf einen Blick hinüber zum Gohliser Schlößchen, es könnte ein Tag zum Genießen sein, sie goß in der Küche Tee auf, am Wochenende tranken sie gern einen weißen Tee, Yin Zhen, das Service mit dem Drachenmotiv, behauptet Anne, verlange danach.

Tilman stand auf und vertrat sich die Füße. Das zierliche Teeservice rief den Drachen in Erinnerung, doch das Wissen über diese Kreaturen, überlegte er, sei kontrovers, im christlichen Glauben werde der Drache dämonisiert, die Schlange des Paradieses sei ein Drache gewesen, der chinesische Drache sei traditionell von gelber Farbe, die schreckliche Medusa, eine neunköpfige lernäische Schlange, ein Drache, das Orakel von Delphi sei von einem Python bewacht worden, zahllose Episoden seien überliefert, deshalb sei die Zeit reif, eine Drakonologie ins Leben zu rufen, die das vorhandene Wissen sammle und systematisiere.

Auf der Arche Noah sei kein Platz gewesen, sagte Anne, ein Tier seiner Größe habe nicht untergebracht werden können, und seither habe man nicht von ihm gehört. Wenn einst die Apokalypse anbreche, heißt es, werde Satan in Gestalt eines roten, siebenköpfigen Drachen erscheinen, und der erzürnte Erzengel werde ihn auf die Erde schleudern, die Menschheit kränkelt.

Wen wundere das, Anne, und denen, die die Hebel der Macht bedienen und sich in dem Wahn wiegen, sie würden die Geschicke gestalten, wird angst und bange, Stromausfall, sie werden erzittern vor dem Ansturm der Panik, spottete Tilman, und ihr nobles Beinkleid beschmutzen. Hast du gelesen, daß weltweit die Aktienkurse abstürzen? Die Megamaschine gerät ins Stottern, ihr grauenerregendes Gesicht tritt offen zutage.

Die Börse – das wäre ihre Seele?

Ja, der Mammon, ihre abgrundtief schwarze Seele. Die erschöpfte menschliche Immunabwehr werde sich katastrophal auswirken, und zum ersten Mal bange eine Oligarchie um die Arbeitsfähigkeit ihrer lohnabhängigen Massen.

Das Maschinenwesen sei ohne Vernunft, Tilman, es habe sich längst der eigenen Existenzgrundlage beraubt.

Feuersbrünste, Stürme, Erdbeben, Überflutungen – die Energieversorgung werde regional mehr oder minder dauerhaft ausfallen, die Infrastruktur werde erschüttert, die Schäden seien irreparabel, die Megamaschine, hochdifferenziert, sie werde von Tag zu Tag anfälliger.

Ein altes, gebrechliches Weib, spottete Anne: Um die Abläufe zu überwachen, setze sie ferngelenkte Krücken ein und propagiere künstliche Intelligenz, was immer das sei – sie verrecke an ihrem eigenen Wachstums- und Hochleistungswahn!

Über kurz oder lang kommteein weiterer stürmischer Wind auf, sagte Tilman, und was noch geblieben sei von der Zivilisation der ›Moderne‹, werde zusammenfallen.

Das Ende des Maschinenwesens, sagte Anne und schenkte Tee ein. Nein, sagte sie, den lächelnden Blick auf Tilman gerichtet, den Tee genießen wir ohne Zucker.

Anne griff zur Tasse und trank einen Schluck. Auch die Kanne trug einen rostroten Drachen. Ob ein Stövchen mit diesem Motiv erhältlich wäre, lindgrün sogar, das wäre schön.

Sie war vernarrt in diesen Drachen. Einer Schlange wüchsen Füße, sobald sie das Alter von zweihundert Jahren erreiche, und sogar Flügel, werde erzählt, fledermausartige Flügel. Auf diese Weise entstünde der Drache. Geheimnisvolle Geschöpfe lebten unter den Himmeln.

| WOLF SENFF

[Der Begriff ›Maschinenwesen‹ geht zurück auf: Johann Wolfgang von Goethe, Wilhelm Meisters Wanderjahre, 1807-1829, der Begriff ›Megamaschine‹ auf: Lewis Mumford, The Myth of the Machine, 1967-1979.]

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Voriger Artikel

Kleiner Weltuntergang

Nächster Artikel

Szenen einer Ehe

Weitere Artikel der Kategorie »Kurzprosa«

Irrfahrt mit dem Navigator

Kurzprosa | Hartmut Lange: Der Lichthof

»Es gibt kein Problem, das man nicht aus der Welt schaffen kann. Man muss nur verstehen, worum es geht«, lässt der inzwischen 83-jährige Hartmut Lange eine seiner Figuren, den Politologen Ronnefelder gleich zweimal sagen. Das klingt Lange-untypisch, fast simpel, beinahe wie ein Kalenderspruch aus einem philosophischen Ratgeber. Vom Berliner Novellisten ist man anderes gewohnt: jede Menge Düsternis, Rätselhaftigkeiten, tiefe seelische Abgründe und bisweilen schaurige Naturbeschreibungen, die er zumeist an einsamen Ufern der vielen Seen im Berliner Umland angesiedelt hat. PETER MOHR hat den neuen Novellenband von Hartmut Lange Der Lichthof gelesen.

Literarische Kammermusik

Kurzprosa | Peter Stamm: Auf ganz dünnem Eis

»Das Tragische gefällt mir, weil es mehr Nähe ermöglicht als das Komische, es ist viel gegenwärtiger«, hat der Schweizer Autor Peter Stamm vor einigen Jahren in einem Interview mit dem Zürcher Tages-Anzeiger erklärt. Der 62-jährige Stamm hatte zuletzt in seinem Roman In einer dunkelblauen Stunde (2023) von einem gescheiterten Filmprojekt, einer verlorenen Jugendliebe und den Geheimnissen des schriftstellerischen Schaffens erzählt. Sein Roman Agnes wurde 2016 von Johannes Schmid unter demselben Namen verfilmt. Beruhend auf der Kurzgeschichte »Der Lauf der Dinge« war 2019 der Spielfilm Was wir wollten« von Ulrike Kofler entstanden. Über mangelnden Erfolg und fehlende öffentliche Anerkennung kann sich der in Winterthur lebende Autor wahrlich nicht beklagen. Von PETER MOHR

Gelöst

TITEL-Textfeld | Wolf Senff: Gelöst

Einschlafen, konstatierte Farb, sei eine komplizierte Materie.

Anne schenkte Tee nach, Yin Zhen, sah flüchtig auf das zierliche Drachendekor und stellte die Kanne zurück auf das Stövchen.

Tilman setzte sich aufrecht, zog die Arme an und bewegte die Schultern, ihn schmerzte der Nacken, die Sitzhaltung war denkbar unbequem, nicht allein in diesem Sessel, sondern die Hersteller schienen allgemein wenig Wert auf ergonomische Leitlinien zu legen, ihr Niveau ließ zu wünschen übrig, er überlegte, sich Massagen verschreiben zu lassen, der Mensch sei in jeglicher Hinsicht überspannt.

Ungewollt aktuell

Kurzprosa | J.M.G. Le Clézio: Bretonisches Lied

Nobelpreisträger JMG Le Clézio schreibt in Bretonisches Lied über seine Kindheitserinnerungen an den Krieg. Von PETER MOHR

Macher

TITEL-Textfeld | Wolf Senff: Macher

Der Mensch ist ein Macher, verstehst du, sagte Farb, packen wir’s an, verstehst du, der Russe, der Bomben wirft, ist da nur eine Spitze des Eisbergs, ein Macher in Reinkultur, er hat etwas vor und führt es bedenkenlos aus, und der Ukrainer, der steht ihm in nichts nach, Männer, sie zündeln, wie soll das enden.

Tilman lächelte. Romane ließen sich schreiben, sagte er, über diese Kultur der Macher, trial and error, hieß es vor Jahren noch herablassend und rief in Erinnerung, daß jedes Tun wohlüberlegt sein müsse.

Auch sorgfältig geplantes Handeln könne sich als Fehler erweisen, wandte Annika ein.