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Macher

TITEL-Textfeld | Wolf Senff: Macher

Der Mensch ist ein Macher, verstehst du, sagte Farb, packen wir’s an, verstehst du, der Russe, der Bomben wirft, ist da nur eine Spitze des Eisbergs, ein Macher in Reinkultur, er hat etwas vor und führt es bedenkenlos aus, und der Ukrainer, der steht ihm in nichts nach, Männer, sie zündeln, wie soll das enden.

Tilman lächelte. Romane ließen sich schreiben, sagte er, über diese Kultur der Macher, trial and error, hieß es vor Jahren noch herablassend und rief in Erinnerung, daß jedes Tun wohlüberlegt sein müsse.

Auch sorgfältig geplantes Handeln könne sich als Fehler erweisen, wandte Annika ein.

Farb tat sich eine Pflaumenschnitte auf.

Tilman ging zur Küche und holte eine Schale Schlagsahne, die Schale hatte ein ansprechendes Rosendekor, er erstand sie, Relikt einer Haushaltsauflösung, vor einigen Jahren auf einem Flohmarkt.

Annika warf einen Blick auf das Gohliser Schlößchen, der Nachmittag war angenehm sommerlich, sie saßen auf der Terrasse im Schatten des Rhododendron, so ließ es sich aushalten.

Farb tat sich einen Löffel Schlagsahne auf, verteilte sie gleichmäßig und strich sie sorgfältig glatt.

Tilman räusperte sich.

Er frage sich, sagte er, ob das nicht eine überflüssige Debatte sei, und meinetwegen, sagte er gelangweilt, dann fürs Sommerloch.

Farb lächelte. Wer sich gegen eine dermaßen handlungsorientierte Politik ausspreche, werde leicht als Bremser oder Bedenkenträger diffamiert, und seine Argumente würden abgetan.

Fürs Schaufenster, sagte Annika, wohin solle das führen.

Auf die Ukraine bezogen, sei klar, sagte Farb, man müsse unverzüglich Verhandlungen anstreben, die Lieferung von Waffen seitens des Westens müsse wie bisher restriktiv gehandhabt werden.

Was immer das konkret bedeuten möge, spottete Tilman, doch ein treffenderes Beispiel biete die Etablierung neuer Technologien, die Digitalisierung richte gegenwärtig eine Menge Schaden an, dem Mißbrauch seien Tür und Tor geöffnet.

Farb lächelte. Bezeichnend sei, sagte er, daß der Gedanke an eine Kosten-Nutzen-Rechnung nirgends ins Spiel gebracht werde, die Politiker würden sich da nicht herantrauen, das sei ihnen zu heikel, und dennoch sei es an der Zeit, innezuhalten, einen Überblick zu gewinnen, über ein Moratorium nachzudenken.

Die IT-Ingenieure setzen ohne Unterlaß neue Projekte in die Welt, sagte Annika, und man staune, was da alles herumspukt: selbstfahrende Autos, Lufttaxis, Besiedelung des Mars, künstliche Intelligenz, Gesichtserkennung, ChatGPT, Cyberangriffe etc. p. p.

Täglich eine neue Sau durchs Dorf, sagte Tilman, gib den Medien zu fressen, vermutlich ist das ihre Marketingstrategie, ernsthaft, bekräftigte er.

Da gab es ja die Idee, den Haushalt digital zu organisieren, über den Kühlschrank Einkäufe zu tätigen, spottete Farb, davon habe man in der letzten Zeit aber nichts mehr gelesen, das war dann wohl nichts, auch die Rasenmäher sind aus den Schlagzeilen, sensible Technik, anfällig, hochkompliziert, von Staubsaugern ist keine Rede mehr, es geistert allerlei Unfug durch die Köpfe, sagte er, und das alles wäre ja durchaus amüsant, wenn man es nicht so ernst nehmen müßte, Anspruch und Wirklichkeit klaffen weit auseinander, die Eliten leiden an Selbstüberschätzung.

Für Europa wird eine Regulierung bezüglich der künstlichen Intelligenz angestrebt, sagte Tilman, ein entsprechendes Gesetz werde in den politischen Gremien der EU vorbereitet.

Das sei ein Tropfen auf den heißen Stein, sagte Farb, man müsse den Kontext einbeziehen.

Wie er sich das vorstelle, fragte Anne.

Die Digitalisierung stürze gleich einem Tsunami über den Menschen, sagte Farb, sie breche in den Alltag und gestalte ihn um, verwerfe vertraute Gewohnheiten von Kommunikation und Konsum von heute auf morgen mit schwerwiegenden und weitreichenden Konsequenzen, obrigkeitlich veranlaßt – so hätte man früher gesagt – und eben nicht Schritt für Schritt eingeführt, Korrekturen jeweils vorbehalten.

Die Autoindustrie kennt Entwicklungsabteilungen, in denen Projekte entworfen und Versuche modelliert werden.

Das läßt die Digitalisierung nicht zu.

Da sind die Macher tätig, das ist ihr Ideal, ihr Traum, die Konsequenzen spielen für sie keine Rolle, und wie auch anders, es ist ein Batzen Mammon im Spiel.

Die Konsequenzen gilt es für andere auszubaden, Annika, einen kompletten Kulturbruch, den die Erwachsenen zu bewältigen haben, ebenso die Kinder und Jugendlichen, für die die Smartphones mit den verlockend, ja hinterhältig kalkulierten Angeboten sozialer Medien ein gefährliches Spielzeug sind, sagte er, das sei das eine, sagte er, und hinzu komme die Belastung für das Gefüge der Gesellschaft, was etwa den hohen Energieverbrauch betrifft und die gefährliche Gewinnung der für die Geräte unerläßlichen Rohstoffe.

Da sind die Macher tätig, wiederholte Annika, das ist ihr Ideal, ihr Traum, die Konsequenzen spielen für sie keine Rolle, Ehrgeiz frißt, war da was, wer hält sie auf.

Die Zeit ist reif, ein Moratorium zu verordnen und Maßnahmen für einen Rückbau in die Wege zu leiten, alternativlos, konstatierte Farb, in einigen Staaten der USA sei ebenso wie in China der Umgang mit Computern für Heranwachsende eingeschränkt, das seien vernünftige erste Schritte.

| WOLF SENFF

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