/

Was weiß man

TITEL-Textfeld |Wolf Senff: Was weiß man

Nahstoll, unmöglich, wer sollte das sein, es gibt keinen Nahstoll, weder hier noch anderenorts, absurd, wer läßt sich so etwas einfallen, eine Schnapsidee, wir verweigern uns, in welchen Zeiten leben wir.

Allein dieser Name, wo stößt man auf solch einen Namen und wer verbirgt sich dahinter, Frau oder Mann, vom Bauchgefühl eher ein Mann, unverheiratet, unbedingt kahl, denn Glatze, noch vor wenigen Jahren peinlich, oberpeinlich, ist stylish geworden, er trägt sie wie andere den Hut, von Beruf Privater Ermittler, durchtrainiert, Mitte vierzig, international bestens vernetzt, mondäne Jugendstil-Villa in Rahlstedt, Toyota Yaris silberfarben, Pilotenschein, leiht sich bei Gelegenheit eine Cessna aus.

Gut, sagen wir es mal so, die Zweifel an seiner Existenz sind vollauf berechtigt, die Karttinger hielt sich seit zwei Wochen in der Vendée auf, sie vermißte ihn, hatte ihm über seinen Zwilling, den Setzweyn, eine nicht minder  dubiose Figur, eine Einladung zugestellt, und der angebliche Zwilling hatte ihr Nahstolls Zusage übermittelt, das lag einige Wochen zurück, mittlerweile zweifelte sie an der Existenz dieser Zwillinge und fragte sich, ob sie nicht auf wenig elegante Art um den Dorfteich geführt werde, heimtückisch, hinterhältig, in welchen Zeiten leben wir.

Nein, aus derartigen Bruchstücken wird keine kohärente Erzählung, kann nicht, die Charaktere sind konstruiert, die Lage ist verfahren, absolut, jeder Versuch wäre vertaner Aufwand, wäre verschüttete Milch, von vornherein eine verlorene Sache, der Setzweyn, sofern er denn existiere, halte sich, wird kolportiert, am Toten Meer auf, was suche er da, die Gegend sei trostlos und darüber hinaus politisch hochgradig angespannt, ein friedliches Ende nicht absehbar, was verschlägt ihn in diese Gegenden, nicht lange sei es her daß in Arrad eine Rakete eingeschlagen sei, was führe den Setzweyn ans Tote Meer,  vielleicht daß er Erkundungen einhole, das rieche verdächtig nach Thriller, nach Attentat, nach Spionage.

Sofern es den Setzweyn denn gebe, oder daß sich jemand ganz anderer hinter dessen Identität verstecke und Setzweyn wäre längst über den Jordan, doch wie wäre das möglich, undenkbar, und wo sei Nahstoll, in welchen Zeiten leben wir.

Wer das Tote Meer kennengelernt hat, weiß, daß sich dort allerlei schräges Volk aufhält, dem wir auch Sergej zurechnen, gewiß doch, Sergej aus Murmansk, der sich selten ohne sein Backgammon-Brett im Lager aufhält, praktisch nie, und um den sich stets eine Menge Schaulustiger sammelt, er spielt um drei- bis vierstellige Euro-Beträge, weißgott keine Einsätze, die ihn ruinieren würden, doch unter den vergleichsweise geregelten Umständen des Lagers mag das, auf En Bokek bezogen, die Spitze eines Eisbergs anzeigen, werde nicht im ›Marriott‹ ein Casino eingerichtet, über zwei Etagen, man werde ein zweites Macao etablieren, doch seien die Informationen zu dürftig, als daß sich daraus eine zusammenhängende Erzählung ergäbe, der Einsatz eines privaten Ermittlers wäre zum Fenster hinausgeworfenes Geld, und beim Publikum stieße auf ein offenes Ohr eh allein die zusammenhängende Erzählung, so spannend wie unterhaltsam.

Doch daraus wird nichts, wir könnten aber Sergej gegen Setzweyn antreten lassen, Sergej hätte leichte Vorteile, die Wetten stünden fünf zu drei, aber was soll das heißen, das Ergebnis wäre in jedem Falle abzuwarten, das Spiel war über Mundpropaganda angekündigt, ein Dutzend Zuschauer drängte sich um den  kleinen runden Tisch im Lager, verfolgte fasziniert jeden Wurf, stöhnte auf bei einem Pasch, sah anfangs klar Sergej im Vorteil, ein dreifacher Block, aber Setzweyn würfelte perfekte Augen, die Blockade riß auf, Setzweyn eilte rasant dem Ziel entgegen, sie zählten die Punkte, und ohne mit der Wimper zu zucken, blätterte ihm Sergej sieben grüne Scheine hin.

Winzige Episoden, ja, Ereignisse, aber keine Zusammenhänge, keine linearen Abläufe, die sich verbinden ließen, die Besetzung im Lager fluktuiert beträchtlich, jeweils freitags wird sie zu etwa einem Viertel abgelöst, das hat zwar im Gegensatz zu den Hotels eine gewisse Regelmäßigkeit, doch wie sollte Kontinuität entstehen, wenn die Leute freitags abreisen, gar eine fortlaufende Erzählung, plötzlich kommt eine Figur abhanden, man weiß das nicht, sie ist einfach verschwunden, von der Bildfläche getilgt, wir erinnern an unseren Streit mit den Introiten, die überaus dogmatisch, beinahe schon verzweifelt an lückenlosen Abläufen von Anfang zum Ende festhielten, sie verwiesen mit überzeugter Geste auf das Modell von Urknall und Evolution, sie weigerten sich beharrlich, Kompromisse einzugehen und sind nun durch die Gegebenheiten am Salzmeer ein für allemal widerlegt, keine Träne, nein, sie werden’s überleben.

Unsere auf je eigene Weise anrüchigen Kontrahenten Sergej und Setzweyn waren einander ebenbürtig, das zeigte sich wenige Tage später, als ihre Revanche von Sergej gewonnen wurde, mit drei Zählern weniger als zuvor Setzweyn, aber in ähnlich überlegener Manier, Setzweyn hatte nie eine Chance, doch dieses ist kein abschließendes Ergebnis, niemand weiß ja, ob sie sich nicht nach weiteren drei Tagen erneut im Lager begegnen werden, die Wahrscheinlichkeit ist groß, und sich spontan für ein entscheidendes drittes Spiel verabreden oder das Remis abhaken und eine neue Runde beginnen, von Anfang an sozusagen, womit sie den Introiten jedoch nur scheinbar ihre Reverenz erweisen, denn die Partien ließen sich fortsetzen, ad infinitum, die Protagonisten würden eigene Vereine gründen und ihr Duell qua Verein weiterführen, post mortem, ja, über den eigenen Tod hinaus, gewiß, in memoriam und ohne Ende, und letztlich wüßte man gern, wie hierzu die Stellungnahme der Introiten lauten würde, sie haben ein unbestreitbar erbärmliches Blatt.

| WOLF SENFF

Weiterlesen: Im Lager

Im Lager

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Voriger Artikel

Ein gruseliges Vergnügen

Nächster Artikel

Frühlingserwachen

Neu in »Kurzprosa«

Übergänge

TITEL-Textfeld | Wolf Senff: Krähe

Wir dürfen die Übergänge nicht geringschätzen, Krähe, keineswegs. Ich weiß nicht, wie es dir geht mit Übergängen, zum Beispiel wenn du aufwachst, reibst du dir die Augen und streckst die Beine, bevor du aufstehst? Es ist wichtig, den Übergang in den Tag nicht zu verpassen, du mußt den treffenden Zeitpunkt erwischen, sonst wird das wird nicht dein Tag werden.

Im Lager

TITEL-Textfeld | Wolf Senff: Im Lager

Bei den zwei verkümmerten Azaleen ging Lassberg zwei Schritte hangauf. Die leichte Böschung strandseitig entlang der Sichtschutzplane war im Spätsommer aufgeschüttet worden. Der Lärm der Raupen klang ihm im Ohr. Ich komme darauf zurück. Ein Erzähler muß das Geschehen ordnen.

Weshalb Bäume gesetzt wurden, das verstehe, wer will. Als ob Wasser beliebig verfügbar wäre. Die ersten Setzlinge waren nach wenigen Wochen vertrocknet. Besser hätte man zusätzlich Sonnendächer installiert, am späten Vormittag wird es brütend heiß.

Dilettantismus

TITEL-Textfeld | Wolf Senff: Dilettantismus

Farb hatte sich nie zum Ziel gesetzt, ein Spezialist zu werden, ein Experte, schon beim jugendlichen Fußballspiel, von dem er erzählte, war er variabel einsetzbar, im Tor habe er eine passable Leistung gezeigt, defensiv habe er seinen Mann gestanden, er habe strategisches Talent bewiesen. In einer Gesellschaft, die Höchstleistung verlangt, in der die Spezialisten gefragt sind und kompromißloses Zupacken als Leitbild propagiert wird, sagte Tilman, habe einer wie er grottenschlechte Karten.

Liebesgeschichte und Tragödie

Kurzprosa | Christine Wunnicke: Nagasaki, ca. 1642

Liebesgeschichte und Tragödie auf Deshima. Im 17. Jahrhundert waren die Holländer die einzigen westlichen Ausländer, mit denen die Japaner Handel trieben. Sie mussten auf einer kleinen Halbinsel vor Nagasaki wohnen, streng kontrolliert. Aber manchmal kam es doch zu kuklturverwirrenden Begegnungen. Christine Wunnicke, eine grandiose Erzählerin von Geschichten aus dem Fernen Osten, erzählt von einer Rache, die sich viel Zeit gelassen hat. Von GEORG PATZER

Irrfahrt mit dem Navigator

Kurzprosa | Hartmut Lange: Der Lichthof

»Es gibt kein Problem, das man nicht aus der Welt schaffen kann. Man muss nur verstehen, worum es geht«, lässt der inzwischen 83-jährige Hartmut Lange eine seiner Figuren, den Politologen Ronnefelder gleich zweimal sagen. Das klingt Lange-untypisch, fast simpel, beinahe wie ein Kalenderspruch aus einem philosophischen Ratgeber. Vom Berliner Novellisten ist man anderes gewohnt: jede Menge Düsternis, Rätselhaftigkeiten, tiefe seelische Abgründe und bisweilen schaurige Naturbeschreibungen, die er zumeist an einsamen Ufern der vielen Seen im Berliner Umland angesiedelt hat. PETER MOHR hat den neuen Novellenband von Hartmut Lange Der Lichthof gelesen.