Von, über und für die hinreichend fürsorgliche Mutter

Comic | Alison Bechdel: Wer ist hier die Mutter?

Die »hinreichend fürsorgliche Mutter« entstammt dem psychoanalytischen Modell Donald Winnicotts. Alison Bechdel zieht ihn und andere Geistesgrößen zu Rate, um in einem ›Work-In-Progess‹-Comic das komplizierte Verhältnis zu ihrer Mutter zu entschlüsseln – mit der literarischen Wucht, mit der sie bereits in ›Fun Home‹ die tragische Geschichte ihres Vaters sezierte. Von Von CHRISTIAN NEUBERT

cleverprinting 2009Die für ihr Comic-Langdebüt ›Fun Home‹ gefeierte Künstlerin Alison Bechdel hat nachgelegt: Bereits 2012 erschien ihr autobiographisches Zweitwerk ›Are You My Mother?‹, das nun – verlegt von Kiepenheuer & Witsch – als ›Wer Ist Hier Die Mutter‹ auch in deutscher Sprache vorliegt. In Erstgenanntem zeichnet sie autobiographisch und mit literarischen Referenzen gespickt ihre Kindheit und Jugend nach. Das Hauptaugenmerk des beachtlichen Werks liegt auf dem schwierigen Verhältnis zu ihrem Vater: In chronologischer Ordnung und einem Aufbau, der sich einer linearen Nachempfindung verweigert, reflektiert die Autorenzeichnerin ihre Homosexualität, während sie die uneingestandene ihres Vaters aufdeckt. Sie schuf das Werk parallel zu ihrer langjährigen Comicstripreihe ›Dykes To Watch Out For‹.

In Sachen autobiographischen Erzählens in Comicform kann man ›Fun Home‹ getrost im gleichen Atemzug mit Art Spiegelmans ›Maus‹ und Marjane Satrapis ›Persepolis‹ nennen. Werke wie diese sind singuläre Erscheinungen, wie es sie vielleicht zwei, drei Mal pro Dekade gibt. Genau da liegt aber nun die Gefahr: Liegt die eigene Messlatte dermaßen hoch, steht es zu befürchten, dass der Nachfolger dem selbst gesetzten Standard nicht gerecht wird.

Messlatte gemeistert

Machen wir’s kurz: Ihr autobiographisches Zweitwerk hält den Vergleich mit seinem Vorgänger stand. ›Wer Ist Hier Die Mutter‹ verfolgt einen ähnlichen Ansatz wie ›Fun Home‹. Bechdel reflektiert ihre eigene Person diesmal im Hinblick auf das Leben ihrer Mutter – mittlerweile als Erwachsene, nach dem vermuteten, aber wahrscheinlichen Selbstmord ihres Vaters. Ihre Vorgehensweise kann man erneut wohl am besten mit akribisch beschreiben, und wieder stößt man auf zahllose Referenzen, die weit über die Funktion bloßer Fingerzeige oder zeitlicher Einordnungen hinausreichen. ›Fun Home‹ sezierte ihre ›Familie Von Gezeichneten‹, so der Untertitel, parallel zu geistreichen Anspielungen auf große Literaten. Nun sind Psychologen ihre Stichwortgeber.

Glocke-700x529Bechdel (de-)konstruiert ihr grafisches Abbild unter Einbezug psychoanalytischer Schriften. Sie bemüht Siegmund Freud und Carl Gustav Jung, vor allem aber Donald Winnicott und Alice Miller, um ihrer Mutter-Tochter-Beziehung auf den Grund zu kommen. Dabei erweist sie sich als beflissene Kennerin derer Schriften. Sie ist im Rahmen ihrer eigenen jahrelangen therapeutischen Behandlung auf sie gestoßen und hat sie parallel zu ihren psychoanalytischen Sitzungen studiert. Ihr Fachwissen bringt sie gewinnbringend egozentrisch ein, um Zusammenhänge zu knüpfen, die als Erklärungsansätze des unterkühlten Verhältnisses herhalten – mal augenscheinlich, mal amüsant, mal abwegig, aber niemals willkürlich.

Intimer Blick in die Tiefe

Die Erzählung selbst entwickelt sie dabei peu à peu während ihrer Entstehung. Vielleicht ist das der große Clou von ›Wer Ist Hier Die Mutter‹: Bechdel münzt die Genese des Comics zum autoreferenziellen Element der Nachzeichnung ihres Mutter-Tochter-Verhältnisses. Sie konstruiert den Band aus dem Stoff von Erinnerungen, Therapiesitzungen, Telefonaten und Traummotiven, die sie aus verschiedenen Perspektiven beleuchtet und die – in Zusammenhang mit theoretischen Konstrukten gebracht – viel über die beiden Frauen andeuten und offenbaren. Wie gut das auf den unterschiedlichen Erzählebenen, die Bechdel gleichzeitig beackert, funktioniert, ist schlichtweg erstaunlich.

›Wer Ist Hier Die Mutter‹ ist ein psychologisches Puzzlespiel; die Lektüre des Bandes erlaubt einen intimen, aber nie voyeuristischen Blick auf die Autorin beim Zusammensetzen der Teile. Sind die Puzzlestücke nach und nach zusammengesetzt, gestatten sie einen tiefen Blick in eine schwierige Beziehung, der einen sich mehr oder weniger auch selbst im Hinblick auf seine Mutter erkennen lässt. Dass sich Bechdel bei diesem außergewöhnlichen Leseerlebnis erneut als Zeichnerin zeigt, die ihren sorgfältigen Strich mit feinem Gespür in den Dienst von Stimmung und Rhythmus zu stellen versteht, setzt dem beachtlichen Werk noch die Krone auf.

| CHRISTIAN NEUBERT

Titelangaben
Alison Bechdel: Wer ist hier die Mutter? (Are you my Mother?)
Aus dem Amerikanischen von Thomas Pletzinger und Tobias Schnettler
Köln: Kiepenheuer & Witsch 2014
304 Seiten, 22,99 Euro

Reinschauen
| Leseprobe auf der Verlagshomepage
| Alison Bechdel im Blog von Kiepenheuer & Witsch
| Homepage der Künstlerin

1 Comment

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Voriger Artikel

Geistreiche Realsatire

Nächster Artikel

Free Jazz & Free Space & Impro

Weitere Artikel der Kategorie »Comic«

Spurensuche im Abgrund

Comic | Interview: Peer Meter (Text), David von Bassewitz (Artwork): Vasmers Bruder Mit ›Vasmers Bruder‹ gibt Peer Meter seiner Serienmörder-Trilogie, die mit Haarmann und Gift begann, ihren furiosen Abschluss. Von BORIS KUNZ

Tauchgang ohne Tiefgang

Comic | Supiot/Beuzelin: Der Narwal Der zynische Profitaucher Robert Narwal schwimmt, schnorchelt, prügelt und meckert sich durch ein Comicalbum voller Abenteuer – oder durch Geschichten, die eines bilden: einen Comic, der trotz vieler Qualitäten von Liebhabern des frankobelgischen Abenteuercomics mit Vorsicht zu genießen ist. BORIS KUNZ ist ein solcher.

Ist der Ruf erst ruiniert, lebt es sich ganz – frei

Comic | Anna Rakhmanko (Text) / Mikkel Sommer: Hinterhof

Dominant, feministisch, menschlich. Die Sexworkerin Dasa Hink gibt in der bei avant veröffentlichten Graphic Novel ›Hinterhof‹ Einblicke in ihren Beruf als Domina in Berlin. Doch statt spicy Storys aus dunklen Dungeons mit verruchten Sexpartys gibt es die nackte Realität: das menschliche Miteinander abseits der sexuellen Norm und die Begegnungen auf Augenhöhe. Von JULIA JAKOB

Die Fabel der neurotischen Katze

Comic | Alexander Braun (Hrsg.): George Herrimans ›Krazy Kat‹ George Herrimans Comic-Strips der Serie ›Krazy Kat‹ gelten als Pionierwerke der Comickunst, noch lange bevor Comic-Hefte oder Graphic Novels gesellschaftsfähig wurden. Über zehn Jahre, von 1935 bis 1944, zeichnete Herriman einseitige Strips in der Sonntagsausgabe der US-amerikanischen Zeitung ›Evening Journal‹. Die Handlungsstränge zwischen einer Katze, einer Maus und einem Hund legen damit das Fundament für viele Zeichner und gelten die Inspiration für viele weitere Geschichten – von »Tom & Jerry« bis zu Charles M. Schulz‘ ikonischem »Charlie Brown«. So war es längst überfällig, dass der Comic-Experte Alexander Braun nun sämtliche Sonntagsseiten

Freizeitbeschäftigung für einen schönen Sonnentag

Comic | Niles/Templesmith: 30 DAYS OF NIGHT 1: Die Barrow-Trilogie Der heiße Gasball, der uns seit einigen Milliarden Jahren treue Dienste erweist, erfährt viel zu wenig Wertschätzung. Im Sommer wird geflucht, wenn er die Stadt in einen Glutofen verwandelt und im Winter wird gejammert, dass er doch endlich wieder scheinen soll. Steven Niles und Ben Templesmith haben mit 30 DAYS OF NIGHT eine 380 Seiten starke Anleitung zur Sonnenanbetung geschaffen. PETER KLEMENT über den Polarkreis, Vampire, Kafka, Remarque und phantasmagorische Bilder.