Blutdurst und Rachehunger

Comic | A. Jodorowsky/F. Boucq: Bouncer (Gesamtausgabe 1)

Der ›Bouncer‹ stammt aus der Feder von Alejandro Jodorowsky und dem Tuschepinsel von Francois Boucq – und zählt zu den wohl härtesten Western auch abseits des Mediums Comic. Die laufende Reihe wird aktuell von Boucq alleine fortgeführt. Der Verlag ›Schreiber & Leser‹ bringt sie in deutscher Sprache heraus – auch in Form einer mehrbändigen Gesamtausgabe, deren ersten Band sich CHRISTIAN NEUBERT näher angeschaut hat.

Jodorowsky/Boucq: Bouncer Wie hieß es einst bei Schlagerbarde Gus Backus? »Wild ist der Westen, schwer ist der Beruf.« Davon kann auch der ›Bouncer‹ ein Lied singen: Obwohl er nur noch einen Arm hat, ist er der Rausschmeißer in einem heruntergekommenen Saloon in einem verkommenen Nest in einem Westen, der wilder kaum sein könnte – wobei man das wild hier bitteschön als erbarmungslos, bestialisch, unmenschlich und grausam lesen soll.

Tatsächlich zählt ›Bouncer‹ wohl zu den härtesten Westernstoffen, die es gibt. Die ersten neun Bände der von Alejandro Jodorowsky geschriebenen und von Francois Boucq gezeichneten Serie erschienen hierzulande zwischen 2002 und 2014 bei Egmont. Nun hat sich der Verlag ›Schreiber & Leser‹ der Reihe angenommen – und bringt neben den neuen Ausgaben, die inzwischen komplett von Boucq umgesetzt werden, auch eine mehrbändige Gesamtausgabe heraus – jeweils im Überformat und in neuer Übersetzung.

Üble Gewalt im Überformat

Der erste Sammelband erschien im Sommer. Er enthält die ersten beiden Geschichten der Reihe nebst opulenter Bildergalerie als Bonusmaterial. Sie bieten eine in sich geschlossene, vertrackte Rache-Story, eingebettet in eine bittere, vollkommen desaströse Familiengeschichte. Ihre Ingredienzien: körperlich und psychisch versehrte Protagonisten, fragwürdige Initiationen, spirituelle Erweckungsmomente, rabenschwarzer Zynismus und brachiale Gewaltausbrüche. Man erkennt also schnell: Der ›Bouncer‹ ist ein typischer Jodorowsky.

Im Gegensatz zu seiner umwerfenden Space-Opera-Reihe ›Der Incal‹, die er mit Jean Giraud alias Moebius sozusagen als Zweitverwertung eines gescheiterten Filmprojekts realisierte, oder zu seinen cineastischen Solo-Traumtänzen ›El Topo‹ oder ›Montana Sacra‹ nimmt sich der ›Bouncer‹ trotz seiner brachialen Härte allerdings sehr konventionell aus. Den Anspruch an eine rauschhafte Erfahrung, die man von Jodorowsky durchaus erwarten darf, kann man an den ›Bouncer‹ nicht stellen. Den an ein dicht gewobenes, packend erzähltes und schonungsloses Stück Genre-Kost hält der erste Band der Gesamtausgabe jedoch definitiv ein.

Konventionell trotz Überhärte

Zusammengenommen erzählen die beiden kompilierten Geschichten »Ein Diamant fürs Jenseits« und »Die Gnade der Henker« von einem marodierenden Söldneranführer am Ende des Sezessionskriegs, der eine alte Rechnung begleichen will. Von einem Jungen, der dadurch seine Eltern verliert, weswegen sich neue Rechnungen auftun. Und eben vom Bouncer, der dadurch in eine alte Geschichte aus Rache, Verlust, Habgier und Wahnsinn zurückgeworfen wird, mit der das alles zusammenhängt – und in die sich auch die Liebe einen Platz erobert.

Konterkariert wird die grimmige Story inklusive ihrer Gewaltexzesse durch Boucqs schiere Bildgewalt, die den Wilden Westen detailverliebt ausgestaltet – gerne auch in breitformatigen Panorama-Panels, die das Cinemascope-Format der Italowestern zweckdienlich ins Medium Comic überführen.

Wobei man in diesem Zuge auch die Arbeit der Koloristen Ben Dimagmaliw und Nicolas Fructus erwähnen muss, die nicht nur die vielen Schattenseiten des Comics trefflich illustrieren, sondern die Weiten der Prärie im gleißenden Sonnenlicht sprichwörtlich strahlen lassen. Obgleich das die düstere Stimmung dieses Racheepos nur bedingt aufhellt.

Jodorowsky/Boucq: Bouncer
Jodorowsky/Boucq: Bouncer
Abb: Schreiber&Leser

Der zweite Sammelband der Gesamtausgabe erscheint bereits im November …

| CHRISTIAN NEUBERT

Titelangaben
Alejandro Jodorowsky (Text) / Francois Boucq (Zeichnungen): Bouncer – GA 1
Aus dem Französischen von Resel Rebiersch
Hamburg: Schreiber&Leser 2019
136 Seiten, 29,80 Euro
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