Berliner Graffiti

Jugendbuch | Patrycja Spychalski: Bevor die Nacht geht

Junge Menschen an einem bestimmten Punkt ihres Lebens, eine Atempause zur Rückschau und zum Genießen der Gegenwart mit allen Sinnen, während von Ferne schon eine neue Zukunft aufdämmert, davon wird immer wieder einmal erzählt. Manchmal trifft eine solche Geschichte eine Generation ins Herz. Patrycja Spychalski lässt in ihrem vierten Jugendroman ›Bevor die Nacht geht‹ zwei Jugendliche knapp vierundzwanzig Stunden Berlin durchwandern und kreiert damit eine Variante mit viel Herz. Von MAGALI HEISSLER

BerlinKim entdeckt ihn in der S-Bahn, morgens Viertel vor neun. Kaum hat sie ihn neugierig beäugt, als ihr schon klar ist, dass sie es ein Leben lang bereuen wird, wenn sie ihn nicht anspricht. Dummerweise schafft sie das nicht, sie versteht es selber nicht. Sie ist doch sonst nicht schüchtern. Als sie ihn dann doch auf sich aufmerksam macht, gerät das peinlich. Aber der junge Mann nimmt es ihr nicht übel. Ein paar Worte werden gewechselt, zu ihrer Empörung muss Kim hören, dass der junge Mann Berlin nicht ausstehen kann. Das gibt es doch nicht! Und ehe er es sich versieht, folgt der junge Mann Kim auf einem Weg durch die Stadt, der ihm zeigen soll, wie wunderschön sie ist. Dass Kims Herz dabei nicht nur vor Aufregung klopft, versteht sich.

Bis kurz vor halb sieben am nächsten Morgen sind sie zusammen, die siebzehnjährige Kim und der ein wenig ältere Jakob. Er will die Stadt verlassen, ein anderer Kontinent wartet auf ihn. Er hätte nie damit gerechnet, dass Berlin ihm im letzten Moment so viel bietet. Vor allem hat er nicht mit Kim gerechnet.

Die Zeit läuft

Die Geschichte ihrer beiden sehr jungen Figuren läuft im Takt der Uhrzeiger ab. Knapp vierundzwanzig Stunden haben die Zwei, in diesen Stunden muss alles passieren. Sie müssen sich kennenlernen, sich vertrauen, sie müssen entscheiden, wie weit sie sich aufeinander einlassen und inwieweit das ihre Zukunft beeinflussen wird. Spychalski lässt die Geschichte langsam beginnen. Kim und Jakob erzählen abwechselnd, wobei Kim deutlich mehr redet. Das passt zu ihr. Sie ist springlebendig, spontan, sprüht vor Ideen. Stillstand macht sie unsicher. Das lässt sie oft jünger erscheinen als ihre siebzehn Jahre. Sie wirkt mitunter kindlich, dem Reiz des immer Neuen verfallen, oberflächlich.
Es ist nicht leicht für die Leserin, Kim zu mögen. Bei Jakob ist es einfacher, er ist der Stille, Nachdenklichere und scheint der Verlässlichere zu sein.

Dass das Leben für beide nicht ganz einfach ist, erfährt man erst im Lauf der Stunden, in den kurzen Pausen zwischen den kleinen Abenteuern, die sie in der Stadt erleben.
Berlin sieht man am ehesten aus Kims Augen, es ist ihr Weg, es sind ihre Stationen. Ganz lebendig wird die Stadt nicht, die doch eigentlich die dritte Hauptrolle spielen sollte. Zu vertraut sind die Geschehnisse, der ganze Ablauf. Ein bisschen Schwarzfahren, ein bisschen Klauen, ein bisschen Hausfriedensbruch, viel Beteuern, dass man trotzdem ganz anständig ist. Aufregung wegen einer Verletzung, eine wilde Party. Zum Aufzeigen, wie sich Kim und Jakob aufeinander zu entwickeln, dient das ganz jedoch gut. Dabei erfährt man ein wenig von ihren Familien und ihren Zukunftsvorstellung, die allerdings gerade bei Kim vage bleiben.

Berlin, sei gut zu mir!

Der Spruch ist natürlich Kims Mantra und ebenso wie Jakob reizt er die Leserin zunächst zum Lachen. Dass er Wirklichkeit wird, erschließt sich erst gegen Ende der Geschichte. Während der Roman über weite Strecken eine zwar herzbewegende, aber recht handelsübliche und daher flache Romanze bleibt, wird Spychalski am Ende wieder mutig und findet ihre eigene Stimme wieder. Die kühlen grauen Morgenstunden lassen gerade Kim reifen, zwischen Sehnsüchten und Realität wird sie erwachsen. Berlin ist gut zu ihr. Ähnliches gilt für Jakob. Die letzte Entscheidung ist schmerzlich logisch und so schön geschildert, dass man viele Klischees, die man bis dahin schlucken musste, verzeiht. Auch in Jakobs Fall ist sie überzeugend. Das Ende ist rundum romantisch von der Art, wie es authentischer kaum geht. Das ist sehr, sehr gut gelungen.

Der schönste Ort ist eben doch der, an dem man mit einem geliebten Gegenüber zusammen ist, ungeachtet, wie alt, wie jung, wie lang – oder kurzlebig diese Liebe ist. Der Augenblick macht alles schön. Die Erinnerung an diesen Augenblick oder auch Augenblicke können ein Paradies noch aus dem tristesten Ort machen. Aber auch der Aufenthalt im Paradies ändert Menschen nicht vollständig. Solche Erkenntnisse geben dem Roman dann doch noch etwa Besonderes, Wahres.

Etwas mehr Sorgfalt wünschte man sich beim Text. Ausrufezeichen gab es offenbar wieder mal zwei Dutzend für 99 Cent, unschuldige ganz eigenständige Verben finden sich verkrümmt und verdreht im Sklavendienst als Inquit-Formel wieder. Und der wesentliche Bedeutungsunterschied zwischen »anscheinend« und »scheinbar« ist allem Anschein nach in einem weiteren Redaktionsbüro verloren gegangen. In einem Jugendbuch darf das alles nicht passieren. Schließlich nimmt man das junge Publikum doch ernst, wenn man ihm eine solche im Grund starke Geschichte präsentiert?
Ein Lob muss man auf jedem Fall für die Covergestaltung aussprechen, ebenso wie für die Vignette der Einzelkapitel.

| MAGALI HEISSLER

Titelangaben
Patrycja Spychalski: Bevor die Nacht geht
2014: München cbt Verlag
Klappbroschur. 280 S. 14,99 Euro
Jugendbuch ab 14 Jahren

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