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Gesellschaft | Markus Morgenroth: Sie kennen dich! Sie haben dich! Sie steuern dich!

Big Brother. Ursprünglich ist das keine Fernsehsendung, sondern eine lückenlose gesellschaftliche Überwachungsinstanz in einem Staat der Zukunft. Die RTL-Veranstaltung setzt den Zuschauer selbst in die Situation der überwachenden Instanz und amüsiert sich über jegliche Überwachungsgefährdung. Der Zuschauer erlebt einen derbe lustigen Ringelpiez mit Anfassen, dem sich u. a. ein Ex-Senator aus Hamburg aussetzt, was also soll daran schlimm sein. Von WOLF SENFF

DatenSie streuen uns Sand in die Augen. Sie werfen Nebelkerzen. Das ist eine wichtige Aufgabe von Medien und Mainstream. Auf dass uns bloß nicht die bedrückende Realität vor Augen tritt. Partys auf allen Ebenen, Sommermärchen auch bei Schneesturm, auf Klima ist eh kein Verlass, was ist das überhaupt, Klima, wen interessiert so was, ein Thema für Spaßbremsen.

Einsame Witwen

Morgenroth ist so ein Typ Spaßbremse. Überwachung ist für ihn ein ernstes Thema. Wir sind bereits, sagt er, den überwachenden Systemen ausgeliefert, treten ein in die Ära »Informationskapitalismus«, in dem eine Firma wie ›Schober Comsumer TargetBase‹ lückenlos Daten speichert: fünfzig Millionen Privatanschriften mit jeweils über dreihundert Detailangaben zu Konsumverhalten, Wohn- und Lebenssituation.

Die führen tatsächlich einen Link ›Adressenshop‹, wo jeder Hans und Franz Datenpakete erwerben kann. Hört sich ertstmal nichtssagend an. Der ›Stern‹ hat’s ausprobiert. Eingabe: Hamburg. Eingabe: Stadtteil Eppendorf. Eingabe: Frauen, älter als sechzig Jahre, alleinstehend, wohlhabend. ›Stern‹ hat 95,98 Euro hingeblättert und erhielt von ›Schober Comsumer TargetBase‹ postwendend eine Liste mit neunundfünfzig Namen einsamer Witwen. Na wunderbar. Das erleichtert die Planung von Einbrüchen erheblich.

Auch die Jäger wollen dabei sein

Unsere finanziellen Verhältnisse sind bestens bekannt. Sind wir verschuldet? Geben wir im Versandhandel auffällig oft Ware zurück? Kommen wir unseren Zahlungspflichten regelgerecht nach? Wie und was – Kundenkarte sagt’s weiter – konsumieren wir? Alkohol?

Es ist abenteuerlich. Im öffentlichen Raum existieren kaum noch Ecken, die nicht per Videokamera überwacht werden, und zwar nicht nur staatlicherseits, nein auch private Firmen sind dabei. Auch die Jäger wollen nicht draußen stehen, der rheinland-pfälzische Datenschutzbeauftragte schätzt, dass in den Wäldern seines Bundeslandes etwa dreißigtausend Kameras installiert sind.

Die Krake greift zu

Dass mittels Mobiltelefon/Smartphone Bewegungsprofile erstellt werden – ein alter Hut, und längst gibt es für eifersüchtige Ehepartner die Überwachungssoftware mSpy, ein Schnäppchen, verglichen mit den Kosten für einen Privatdetektiv. Sogenannte Tracking-Cookies werden gern seitens der Werbeindustrie eingesetzt, um Internetnutzern zu folgen und sie anschließend mit entsprechender Werbung zuzumüllen. Kein Wunder auch, dass auch das Auto, das wir fahren, digital vernetzt ist und von Datensammlern abgegriffen wird, oh schöne neue Welt.

Es ist eine Krake. Auch gesundheitsmäßig sind wir voll erfasst, jeder Krankenhausaufenthalt, jede Verschreibung – ist sie gespeichert, kann sie abgerufen werden, vom potentiellen Arbeitgeber zum Beispiel per ›Background Check‹.

Zweihundertdreißig Seiten Zustandsbeschreibung plus – immerhin – dreiundzwanzig Seiten, wie man sich vorsichtig dagegen behaupten kann. Markus Morgenroth arbeitete als Software-Ingenieur im Silivon Valley, er wechselte 2013 die Seiten und berät seitdem Unternehmen zu Fragen rund um den Datenschutz.

| WOLF SENFF

Titelangaben
Markus Morgenroth, Sie kennen dich! Sie haben dich! Sie steuern dich! Die wahre Macht der Datensammler
München: Droemer 2014
272 Seiten. 19,99 Euro

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1 Comment

  1. […] orientiert, wo bereits rund drei Viertel der täglichen Zahlungen bargeldlos abgewickelt werden. Auf diese Weise entstehe der gläserne Bürger, eine völlige Transparenz, und in der Bewertung dieser Transparenzgesellschaft schließt sich […]

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