Anleitung zur Erschließung eines bizarren Universums

Comic | Max Andersson: Container Gesamtausgabe

Für das Comic-Gesamtwerk des Schweden Max Andersson braucht man zwar keinen Waffenschein, aber eine Bedienungsanleitung könnte nicht schaden. BORIS KUNZ hat sich an dem schon vor einer ganzen Weile erschienenem Werk versucht.

ContainerVerlag und Autor beschreiben den Inhalt von ›Container‹ folgendermaßen: »Pixy, Vakuumneger, Der Tod, Bonus, Nachwort, Papier, Leim, Leinseile, Druckfarben (Zyan, Magenta, Gelb, Schwarz, Pantone 877c, Pantone 186c), Drucklack.«

Das sagt dem eifrigen Comicleser hierzulande schon viel: An das großformatige, kafkaeske Album ›Pixy‹ oder die dreiteilige Heftreihe ›Container‹ (in der hauptsächlich ›Car-Boy‹, der Junge mit dem Autokopf gefeatured wurde), die in den 90ern bei Jochen Enterprises erschienen sind, kann man sich noch erinnern. Die Heftchen damals, das waren verdaubare Häppchen jener bildgewaltigen, bizarren und durchweg morbiden Fantasien des skandinavischen Künstlers. Aber jetzt kommt das alles geballt in einer dicken Gesamtausgabe auf einen zu. Da muss man schon aufpassen.

In kleinen Dosen genießen!

Wenn man das 280 Seiten starke Werk in einem Rutsch durchlesen wollte, bräuchte man sowieso mehr als einen ausgiebigen Nachmittag dafür, aber das ist darüber hinaus auch nicht empfehlenswert.
 
Am reinen Inhalt liegt das nicht. Natürlich sind die Geschichten bösartig und blutig, aber gleichzeitig so überhöht, dass die reine Skurrilität der Einfälle zunächst sehr humorvoll und erst nach einer Weile auch als bitterer Kommentar zur Gesellschaft wirkt. Zudem wird in diesem Comicuniversum so viel gestorben, dass der Tod eigentlich schon gar nicht mehr existent ist: Abgetriebene Föten machen in ihrem privaten Teil des Totenreichs Party und belästigen ihre noch lebenden Eltern mit obszönen Anrufen, Pistolen-Johnnys Freundin Gloria steckt Großkaliber-Löcher im Kopf locker weg, und – wie man in einer Geschichte erfährt – ist der Tod selbst sowieso schon längst aus dem öffentlichen Dienst wegrationalisiert worden und arbeitet als knuffiger Outlaw in einem Kindergarten.

Zudem ist auch das Leben selbst keineswegs nur mehr Menschen, Tieren und Pflanzen vorbehalten: Geld ist lebendig und scheißt einem den Anzug voll, Mietshäuser bekommen den Gnadenschuss, wenn sie zu sehr mit Graffiti beschmiert sind. Man kann seine Mitesser durch den Kontakt mit Sperma in Kopien seiner selbst verwandeln, aus den Leichen von Car-Boys Eltern erwachsen hungrige Fleischbäume, und selbst das Vakuum im Staubsauger kann in dieser Welt zum niedlichen Haustier werden.
 
Man ahnt es schon: Die Welt von Max Andersson zieht einen weniger runter, als dass sie einen irgendwann mit ihrer Ideenfülle einfach überfordert. Von dem albenlangen ›Pixy‹ aber abgesehen bestehen die Comics glücklicherweise aus zahlreichen Short Storys, Einzelseiten und Comicstrips, sodass man sie häppchenweise, in kleinen Stücken, genießen kann. Nur dann kann sich der Geschmack dieser ganzen fiesen Spinnereien so richtig entfalten, und Einzelheiten gehen nicht in der schieren Masse des Grotesken unter.

Während der Lektüre von scharfen oder spitzen Gegenständen fernhalten

Die Auflösung der geschlossenen Einheit des Körpers, und die erschreckende Wirkung, die diese Auflösung auf den Menschen hat, ist ein Grundbaustein des Horrorfilms. Zwar fehlt den simplifizierten, expressiven, bewusst naiv gehaltenen Zeichnungen jene Detailverliebtheit, die man für wahren Gore und Splatter braucht. Dennoch geht es in Anderssons Comics ständig um diese Auflösung.
 
container2Car-Boy sieht nicht nur aus wie eine Spielzeugfigur, er hat auch einen abschraubbaren Kopf, und wo immer sich in Container ein Körper auseinandernehmen lässt, da wird er auch auseinandergenommen – etwa, um darin Bomben zu verstecken oder andere Wesen zu beheimaten. Eine besonders faszinierende Geschichte handelt dann auch von einer Untergrundorganisation von Organen, die das Dasein in ihrem Menschen satthaben. Sie lassen sich von Komplizen in Nahrungsmitteln versteckte Rasierklingen in den Körper schmuggeln, mit denen sie sich dann selbst einen Weg in die Freiheit schneiden können.
 
Allein falls Ihre Leber, Lunge oder Milz während der Lektüre dieser Story auf dumme Gedanken kommen, oder falls durch Missachtung der ersten Regel bei einem völligen Abtauchen in das Andersson-Universum eine fatale Fehleinschätzung der Wichtigkeit körperlicher Unversehrtheit bei Ihnen eingetreten ist, empfiehlt es sich, während der Lektüre von Container nicht in der Nähe von Rasierklingen, Küchenmessern, Schraubenziehern und Ähnlichem zu sein.
 
Davon, dass ich hier nicht übertreibe, legt eine Passage in Anderssons Nachwort Zeugnis ab, in der es um den auch als Plüschfigur erhältlichen Pistolen-Johnny (ein Mensch mit einem überdimensionalen Pistolenkopf) geht: »Eine Frau aus den USA bestellte eine Pistole. Im Gegenzug schickte sie mir eine Dankeskarte und ein schweres Paket mit einer in Plastik eingeschlagenen Keksdose; Blut sickerte aus dem Plastik hervor. Ich habe die Dose nicht geöffnet.«

Für Kinder unzugänglich aufbewahren

Dies sollte man sicherheitshalber wohl tun, auch wenn das Werk aufgrund seines recht neutralen Titelbildes, seines Formats und seiner Dicke rein äußerlich auch mit irgendeinem Katalog verwechselt werden kann.
 
Auch inhaltlich hat ›Container‹, vor allem auf den letzten Seiten, durchaus die Anmutung eines Kataloges. Mit einer wunderbaren Bedachtheit auf Vollständigkeit wird hier sozusagen alles zusammengetragen, was das Comicschaffen von Max Andersson hergibt. Es fehlen eigentlich nur noch Storyboards zu seinen Trickfilmen, sonst ist (zwar nicht wirklich, aber gefühlt) alles da; jedes Titelbild, jede Illustration, Abbildungen eines jeden irren Spielzeugs, das es aus dem Andersson-Universum in die Wirklichkeit geschafft hat. Und das ausführliche Nachwort von Max Andersson ist dann, auch wenn es amüsant geschrieben ist und zuweilen nette Anekdoten aufweist, hauptsächlich noch einmal eine lückenlose Aufzählung dessen, welche Geschichte in welchem Jahr für welches Comicmagazin mit welchem Bleistift gezeichnet worden ist.
 
Auf eine gewisse Weise wirkt diese Abgeschlossenheit angesichts der Tatsache, dass Andersson 2012 gerade seinen fünfzigsten Geburtstag gefeiert hat, auch ein wenig seltsam. Rechnet er mit seinem baldigen Ableben, oder hat er vor, keine Comics mehr zu zeichnen? Letzteres wäre angesichts der unbestreitbar hohen Qualität und Originalität seines Werks sehr schade. Wenn er aber weitermacht, was zu hoffen ist, dann ja vielleicht mit ganz neuen Sachen, die nicht mehr in die Car-Boy-Periode passen, sondern neuen Grund erschließen – denn der alte, auch das zeigt Container einigermaßen deutlich, ist bereits sehr weiträumig erschlossen.

| BORIS KUNZ

Titelangaben
Max Andersson: Container Gesamtausgabe
Aus dem Schwedischen von Beatrice Fassbender
Berlin: Reprodukt, 2012
280 Seiten, 29 Euro.

Reinschauen
| Homepage von Max Andersson

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