SCHWEINEGEIL, ALTER

Comic | Fil: Didi & Stulle. Die Gesamtausgabe

Comiczeichner Fil hat mit Didi und Stulle zwei Schweine geschaffen, die so sehr Berlin sind wie der Bär. 18 Jahre lang begleiteten sie die Hauptstädter im Stadtmagazin ›zitty‹, 2015 war Schluss. Eine opulente Gesamtausgabe spürt nun ihren irren Abenteuern nach. CHRISTIAN NEUBERT sagt´s mit Didi: »Dit muss jefeiat wern.«

Didi und Stulle Reprodukt Gesamtausgabe›Didi und Stulle‹, das sind Dieter Kolenda und Andreas Stullkowski. Sie sind aus Berlin, man hört das mit jedem ihrer Worte, zwei ungleiche Freunde aus´m Märkischen Viertel, das kennt man, graue Trabantenstadt, »dem Sido sein Block« steht dort. Die beiden sind Helden ihrer eigenen Comicserie, jeder sollte sie eigentlich kennen. Ihre Abenteuer erschienen von Januar 1997 bis Mai 2015 im Berliner Stadtmagazin ›zitty‹. Über 18 Jahre lang also, alle zwei Wochen eine Seite, zwischendurch immer wieder in Albenform, bei ›Reprodukt‹.

Ganz schön mächtig für zwei Schweine. Das sind ›Didi und Stulle‹ nämlich, wortwörtlich jetzt, aber auch im übertragenden Sinne: Sie sind Vorzeigeprolls, denen nichts und niemand heilig ist, Assis für die anderen Assis, Abgehängte fürs Establishment. Obwohl Stulle Abitur hat, zwischendurch studiert er sogar mal, was Didis Spott auf ihn zieht. Mehr noch als sonst, denn wenn die beiden mit ´ner Molle Bier abhängen, greift der grobschlächtige Hüne Didi sogar jede nichtvorhandene Möglichkeit auf, um den kleingewachsenen, notorischen Ja-Sager Stulle als schwul zu bezichtigen. Wobei Didi wohl eigentlich verliebt ist. In Stulle. Schwierig, angesichts seiner ausgeprägten Homophobie.

Schweinewelt voller Schweinetypen

Das Abhängen bestimmt ihren Alltag wie sonst nichts. Wenn da nicht so Leute wie der Rainer wären, Leiter einer Jugendselbsthilfegruppe zum Thema Drogenkonsum, seit ´95 keine staatliche Förderung. David Bowie. Verteidigungsminister Peter Struck. Arabella Kiesbauer. Gott, der sich meist für gepunktete Boxershorts entscheidet, wenn er sich blicken lässt. Oder Angela Merkel, deren Wahlkampf Didi und Stulle managen sollen. Machen sie, war ja klar, Keule. Merkel kommt ja schließlich aus Hamburg, das ist in der ehemaligen DDR, das Kennzeichen dort ist HH. Warum die alle so Nazinummernschilder haben, fragt Stulle. Didi weiß es. Weil das deren Art ist, zu sagen, dass sie auch noch da sind.

Didi ist immer am Meckern, immer laut und aggressiv, aber selbst in seinen abwegigsten Behauptungen schimmert oft ein Hauch Wahrhaftigkeit durch. Wenn nicht, bringt Stulle die Sache auf den Punkt, übernimmt das Steuer, wenn Didi, harte Schale, rauer Kern, von seinen Gefühlen übermannt wird. Rettet seinen Kumpel auch mal aus der Hölle, wenn es sein muss. Schreibt dafür einen Fan-Brief an Marion Manson (sic), zum Glück antwortet der. Die Hölle ist übrigens in Moabit, sie schaut zumindest so aus, wie die Perleberger Straße. Die haben eine scharfe Vorzimmerdame dort, mein lieber Schwan.

Saustark, in jeder Hinsicht

18 Jahre ›Didi und Stulle‹, das sind 18 Jahre rauschhafter Comic-Wahn in Serie. Fil, Autor und Zeichner von ›Didi und Stulle‹ und Punk seit immer schon, hat das Ding so lange durchgezogen, bis für ihn die Luft raus war – und damit nach und nach einen gewaltigen Kosmos irrer, waghalsiger, absurder, schreiend komischer Kalauer-Kurzcomics geschaffen, durchweg in hartem Berliner Slang, gerne mit Hang zu erstaunlicher Tiefe. Die durchgedrehten Geschichten, die ›Didi und Stulle‹ stoisch, weil stänkernd erleben, sind in einen psychedelischen Farbrausch gepackt, mal überbordend, mal auf kaum mehr als nichts reduziert; nach etwa zwei Dritteln übernimmt Zeichnerkollege Thomas Gilke das Kolorieren.

Didi und Stulle Reprodukt LeseprobeSämtliche bisher veröffentlichte Alben plus die (bisher) nur im ›zitty‹ erschienen Episoden gibt’s nun als opulente Gesamtausgabe im Schuber, mehrere Pfund schwer, obenauf noch schön editiertes Bonuszeugs zwischen Blick ins Archiv, kommentiertem Outtake und Poster. Und, ach ja, dem Mini-Album ›Danger in Moskau‹, das Didi und Stulles Beginn markieret, irgendwann mal für 2007 angekündigt war und nun mit fast zehnjähriger Verspätung erscheint. Perlen vor die Säue, der Bringer unterm Weihnachtsbaum, ein starkes Stück deutscher Comic-Kunst.

Ist es schade, dass Fil das Kapitel Didi und Stulle beendet hat? Geschah der Ausstieg zu rechten Zeit? Hoffen wir, dass Fil sich irgendwann wieder an seinen Schweinen abarbeitet? Unbedingt, jeweils.

| CHRISTIAN NEUBERT

Titelangaben
Fil: Didi & Stulle. Die Gesamtausgabe
Drei Sammelbände im Schuber
Berlin: Reprodukt 2016
736 Seiten. 99 Euro (Subskriptionspreis bis zum 10.1.2017, dann: 120 Euro)
| Erwerben Sie dieses Buch portofrei bei Osiander

Reinschauen
| Leseprobe auf der Verlagshomepage
| Website des Künstlers

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Voriger Artikel

Nimm den Stein, hau den Schleim 

Nächster Artikel

Getrieben von Hurerei und Wollust

Weitere Artikel der Kategorie »Comic«

Anziehend schräg

Comic | François Schuiten (Zeichnungen) / Benoît Peeters (Text): Das schräge Mädchen Mit ›Das schräge Mädchen‹ ist eine weitere faszinierende, wunderbar aussehende Episode aus Schuitens und Peeters‘ Comicreihe ›Die geheimnisvollen Städte‹ in deutscher Sprache erhältlich. CHRISTIAN NEUBERT hat sich den Band vorgenommen. PDF erstellen

Man lese und staune

Comic | Néjib: Stupor Mundi – Das Staunen der Welt Néjibs Comic ›Stupor Mundi – Das Staunen der Welt‹ ist in luftigen, monochrom kolorierten Tuschestrichen zwischen Joann Sfar und Walter Moers festgehalten. Er inszeniert sich schnell als Historienthriller zwischen Umberto Eco und Dan Brown. Und ist ein großer Wurf. Ein ganz großer! Von CHRISTIAN NEUBERT PDF erstellen

Easy Going

Comic | Tommi Musturi: Sozusagen Samuel Vor sieben Jahren erschien bei ›Reprodukt‹ der Comic ›Unterwegs mit Samuel‹. Nun kommt der Folgeband ›Sozusagen Samuel‹, der nahtlos an seinen Vorgänger anknüpft. In abstrakter Form erzählt er ohne Worte vom nackten Leben in knalligen Farben. Von CHRISTIAN NEUBERT PDF erstellen

Knollennasen und gebrochene Identitäten

Comic | Matthias Lehmann (Texte und Zeichnungen): Die Favoritin In hoher Frequenz ist inzwischen auch die Kunstszene dazu gezwungen, laut »Gender« zu rufen und mit einem kruden Konstruktivismus respektive der ›political correctness‹ dem Publikum auf die Nerven zu gehen. Umso erfreulicher ist es, wenn eines der Werke, die sich mit dem Geschlecht und seinen sozialen Konstruktionen beschäftigen, einmal unaufgeregt, vielschichtig und mit viel Phantasie der Thematik annimmt und unter den Genderisten vor allem deswegen positiv hervorsticht, indem auch andere soziale Konfliktlinien behandelt werden. Die Rede ist von Matthias Lehmanns neuem Comic ›Die Favoritin‹, der von einer isolierten Kindheit in der

Adaption und Orient

Comic | Tod auf dem Nil / Gilgamesch Eine aus dem Orient stammende und eine dort angesiedelte Geschichte, die beide als Comic adaptiert wurden: Gilgamesch und Tod auf dem Nil. Ob die Comic-Landschaft durch diese beiden Titel bereichert wird? CHRISTIAN NEUBERT hat nachgesehen. PDF erstellen