Verloren im Toten Meer

in Comic

Comic | 18 Metzger (Text und Zeichnungen): Totes Meer

Auch ein gestandener Comicrezensent muss nicht unbedingt von sich behaupten können, alle Preisträger des Max und Moritz Preises schon gelesen zu haben. Wenn aber einer darunter ist, von dem er noch nicht einmal etwas gehört hat, selbst wenn dieser auf den skurrilen Künstlernamen ›18 Metzger‹ hört, dann ist das natürlich ein Grund, sich schleunigst ein Rezensionsexemplar zu besorgen und diese Wissenslücke zu füllen. So ist BORIS KUNZ in den Genuss des Sammelbandes von ›Totes Meer‹ gekommen.

totes_meerklBereits in seiner Laudatio für ›Totes Meer‹, dem Preisträger in der Kategorie »Bester deutschsprachiger Comic-Strip«, sagte Christian Gasser nach einer langen Liste von Adjektiven sinngemäß folgendes: »Wenn ein Laudator auf eine so lange Liste von Adjektiven zurückgreifen muss, ist das ein untrügliches Zeichen dafür, dass der Humor des besprochenen Werkes unmöglich zu beschreiben ist.« Das hätte dem Autoren dieser Zeilen ja eine Warnung sein können. Es ist tatsächlich schwer, den eigenwilligen Humor des Strips zu beschreiben, der sich allen Vergleichen und Kategorisierungen weitgehend erfolgreich entzieht – was aber nicht heißt, dass man nicht dennoch beschreiben kann, was den Leser erwartet.

Da fällt zunächst das beeindruckende, liebevoll handgemachte Artwork ins Auge. Der Stil der Zeichnungen ist zwar so bunt und abwechslungsreich, dass man auf den ersten Blick wahrhaftig vermuten könnte, hinter dem Pseudonym des Zeichners verberge sich ein 18köpfiges Kollektiv, doch bei genauerem Hinsehen entdeckt man hinter Bleistiftskizzen, Kreide- und Tuschezeichnungen den gekonnten Strich einer Künstlerhand, die abstrakte Strichmännchen ebenso präzise und lebendig auf das Papier bekommt wie in filigranster Kleinarbeit ausgestaltete Hochseeschiffe. Was uns zum Titel des Strips führt: warum eigentlich ›Totes Meer‹?

Auch hier ist die Antwort zunächst scheinbar simpel: Weil die meisten Strips auf einem Schiff spielen und die meisten Figuren Matrosen sind. Wer jetzt aber glaubt, der Comic würde von der Seefahrt handeln, der täuscht sich. Dass die Figuren sich auf hoher See befinden, ist in den wenigsten Fällen Inhalt der Handlung, sondern lediglich ein Setting, das zwar dem Zeichner erlaubt, in ansehnlicher Weise seinem Seefahrer-Fetisch nachzugehen, ansonsten aber gerade dadurch Komik entstehen lässt, weil das Thema gerade überhaupt nichts mit Nautik zu tun hat. Es geht um Alltägliches, Politisches, Gesellschaftliches, Zeitgeistliches und schlicht Absurdes, das in einem weniger einfallsreichen Comic vermutlich von zwei Strichmännchen an einem Küchentisch vorgetragen würden. Dass genau das nicht der Fall ist, macht ›Totes Meer‹ zu einem Ereignis. Ein Beispiel: Von einer detaillierten, stimmungsvollen Zeichnung eines in industrielle Rauchschwaden gehüllten Frachtschiffes an einem Verladedock kommt die Sprechblase: »Krieg, Krebs, Kinderarmut, was auch immer: Solange du nicht beruflich damit zu tun hast, isses doch eigentlich nur Freizeitstress.«

Oder dieses: Ein Matrose läuft über eine Wiese, stellt im grünen Nirgendwo (»Die Gegend hier ist so gut wie jede andere«) eine Pylone auf die Wiese, und fängt dann mit bloßen Händen zu graben an: »Mit Hitler hat das gar nichts zu tun, wenn man was mit den eigenen Händen schaffen will. Und in mir ist eine Autobahn, die raus möchte.«

Neben der herrlichen Kombination aus trockenem Humor und maritimen Malereien gibt es aber noch eine zweite Ebene, die auch erklärt, warum dieser Strip in der linken Wochenzeitung ›Jungle World‹ seine Heimat gefunden hat: ›Totes Meer‹ ist immer wieder sehr politisch. Manche Strips sind bissige Kommentare zu aktuellen Ereignissen, zur Wahl von Obama oder zu Äußerungen von Wolfgang Clement. Hier passiert es immer öfter, dass die wunderbaren Schiffe und die putzigen Matrosenhüte der Figuren einem politischen Cartoon oder einem illustrierten Wortspiel Platz machen. Und plötzlich stehen mitten auf der Spielwiese eines komischen Zeichentalents scharfe, analytische Statements, die einem die Sprache verschlagen.

Weil einige dieser Späße nur noch schwer zu verstehen sind, weil ihr tagesaktueller Bezug längst verjährt ist, hat der Ventil-Verlag die begrüßenswerte Entscheidung getroffen, die Buchausgabe, die eine Auswahl der besten Strips versammelt, mit Kommentaren der 18 Metzger zu versehen. Diese Kommentare sind zwar manchmal auch nicht sehr viel erhellender als die Strips selbst, machen aber ebenso viel Spaß. Manchmal aber wird tatsächlich relativ konkret der Hintergrund der Gags erklärt. Das ist ein zweischneidiges Aha-Erlebnis, weil man einerseits plötzlich Hintergedanken und Zusammenhänge begreift und eine Message mitnimmt, die einem sonst schleierhaft geblieben wäre, der Strip andererseits durch seine Erklärbarkeit auch ein wenig entzaubert wird.

Zum Glück werden jedoch nur ausgewählte Strips kommentiert – die meisten Seiten bleiben ein kleines, humoristisches Mysterium. Manche sehen verboten gut aus, manche reizen zu lautem Lachen, andere werden einem immer ein Rätsel bleiben. Und manche möchte man am liebsten aus dem querformatigen Büchlein reißen und stante pede als Postkarte an Freunde verschicken, mit denen man den gleichen Humor teilt. Möglicherweise empfiehlt es sich also, gleich zwei Exemplare des Buches zu kaufen, auch wenn es die Comics zusätzlich im Netz gibt.

| BORIS KUNZ

Titelangaben
18 Metzger (Text und Zeichnungen): Totes Meer
Mainz: Ventil-Verlag 2014
140 Seiten, 19,90 Euro

Reinschauen
| Leseprobe
| 18Metzger im Netz

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