»Bei den Schlümpfen sind die Werte einfach mit drin«

in Comic/Porträt & Interview

Comics | Interview mit Uwe Zimmermann

›Die Schlümpfe‹ sind eine sehr gute klassische frankobelgische Comicserie. Und nach Überzeugung von Designer und Mediengestalter Uwe Zimmermann hat sie mehr zu bieten, als man auf den ersten Blick meint: In einem Vortrag beim Internationalen Comic Salon Erlangen zeigte er am Beispiel des Albums ›Schlumpfissimus‹, dass hier gezielt mythologische Symbole eingesetzt werden. ANDREAS ALT hat sich nach der Veranstaltung mit Zimmermann unterhalten.

Comics | Uwe ZimmermannMan kann die Story im Comic als Heldenreise auffassen, ein Konzept des amerikanischen Literaturwissenschaftlers Joseph Campbell: Figuren nehmen die Funktion des Protagonisten und seines Gegenspielers, des Tricksters, Schwellenhüters und des Gestaltwandlers wahr. Letztlich wird eine Bewährungsprobe bestanden. Da wir Leser das Grundmuster kennen, nehmen wir die märchenhafte Geschichte als gegeben hin. Zimmermann zeigte auch, wie Autor Delporte und Zeichner Peyo Gags sorgfältig entwickeln und wirkungsvoll einsetzen.

TITEL: Welche Beziehung haben Sie zu den Schlümpfen? Ist das Ihre Lieblingsserie?
Uwe Zimmermann: Es ist eine lebenslange Beziehung. Eine Lieblingsserie habe ich eigentlich nicht. Ich habe ›Fix und Foxi‹ gelesen, wenn ich die in die Hand bekommen habe, wenn ich ›Micky Maus‹ in die Hand bekommen habe, habe ich die gelesen. In Bezug auf Comics war und bin ich ein Schwarzes Loch. Es kam viel rein aus irgendwelchen Quellen, aber es ging »nie« etwas raus. Ich habe dann die Schlümpfe entdeckt und habe mich gefreut, wenn sie in ›Fix und Foxi‹ drin waren. Ich erinnere mich speziell an eine Folge, nämlich ›Schlümpfe in Not‹. Nach dem ersten Teil habe ich so was von darauf gefiebert, eine Woche später den zweiten zu kaufen. Die kleinen »Kobolde« haben mich begeistert, das stand außer Frage. Aber es kam immer mehr dazu.

Was war der Anlass für Ihren Vortrag – abgesehen vom 90. Geburtstag von Redakteur Yvan Delporte und Zeichner Peyo und von 60 Jahren Schlümpfe?
Blau und SchwarzschlumpfDas kam ergänzend dazu. Meine Motivation war, dass ich schon häufiger erlebt habe, dass despektierlich über die Schlümpfe geredet wurde: »Das ist doch nur was für Kinder.« Bei manchen hat das auch den Beiklang: »Das ist niveaulos.« Da fühle ich mich vor den Kopf gestoßen. Diese Leute bevorzugen meist realistische Comics im Erwachsenenbereich. Die Schlümpfe wurden so wie Prinzessin Lillifee, Diddl-Maus und ähnliche Merchandising-Produkte verortet, die nur dazu da sind, um Geld zu machen, aber nichts dahintersteckt. Bei den Schlümpfen werden Geschichten erzählt, und das hat eine lange Tradition. Erst gab es den Comic, erst die Geschichten. Sie kamen über Peyos Comic-Serie ›Johann und Pfiffikus‹ dazu, und für Delporte war es auch ein Versuchsballon für ein neues ergänzendes Format, das »mini récit«. Die Mittel-Doppelseite von ›Spirou‹-Magazinen war zum Heraustrennen und war so aufgebaut, dass man ein kleines Heftchen daraus falten konnte. Das erste Heft dieser Serie war ›Blauschlümpfe und Schwarzschlümpfe‹. Auch ›Der Schlumpfdieb‹ erschien da.

»Für mich könnte sich die Serie ›Die Schlümpfe‹ noch lange fortsetzen«

War die Serie ›Die Schlümpfe‹ von Anfang an auf einem hohen Qualitätsniveau, oder hat sich die Serie erst im Verlauf einiger Alben entwickelt?
Die Fertigkeiten von Peyo als Zeichner und Erzähler haben sich bereits durch ›Johann und Pfiffikus‹ entwickelt. Er wollte – soweit ich weiß – gern etwas übers Mittelalter beziehungsweise die Zeit der Ritter erzählen, aber gleichzeitig einfach auch Comics machen. Darüber hinaus war Peyo ein großer Fan der Slapstick-Zeichentrickserien und versuchte, diese »Gag-Tradition« ebenfalls in seinen Comics unterzubringen – was ich als absolut gelungen ansehe. Bei den Schlümpfen sind es gerade solche »Running-Gags« wie der in eine Wurst verwandelte Schlumpf (›Die Schlümpfe und das Zauberei‹) oder Schlaubi im Kerker und seine Träume (›Schlumpfissimus, König der Schlümpfe‹), die mich immer wieder die Comics lesen lassen. Diese Reihe könnte sich für mich noch lange fortsetzen.

Hatten denn Peyo und Delporte Zeit, um die Serie sorgfältig auszuarbeiten und zu zeichnen?
Sie waren Profis und hatten jahrelange Erfahrungen, in Comics Geschichten zu entwickeln und erzählen. Sie wussten, was sie wollten. Bei ›Blauschlümpfe und Schwarzschlümpfe‹ gab es noch nicht das ausgearbeitete Schlümpfe-Universum, das entwickelte sich. Ich spekuliere, aber ich denke, die haben sich gesagt: Hey, das sind wunderbare Figuren, da kann man mehr draus machen. Und dann haben sie sich wohl hingesetzt und sich gegenseitig die Bälle zugeworfen. Dann kam Feedback von den Lesern auf vielfältige Weise – Leserbriefe, Fragen: Gibt’s da mehr davon? Die Alben gab es zunächst noch nicht.

»Peyo hat gepencilt und geinkt und nebenbei die Story entwickelt«

Ich kenne die Produktionsbedingungen in den USA besser. Man wundert sich, dass trotzdem manchmal ganz gute Storys dabei herauskamen.
Das ist eben die Comic-Industrie. Aber auch die Zeichner, die zum Beispiel im Comicmagazin ›Spirou‹ veröffentlichten, mussten ihr wöchentliches Pensum an Seiten abliefern. Die amerikanische Arbeitsteilung gab es weniger. Peyo hat die Seiten gepencilt und selbst geinkt und musste parallel dazu noch die Geschichte entwickeln, die Coloration hat lange Jahre seine Frau Nine Culliford gemacht. Den Stress und Druck zu liefern hatten und haben auch die europäischen Comic-Autoren. Aber tiefergehend bin ich in diesem Bereich kein Fachmann.

Wie ging die Serie nach Peyo weiter? Haben seine Nachfolger ihn exakt kopiert?
Comic | Benni BärenstarkPeyo hatte später ein Studio. Es kamen Leute, die Comics zeichnen wollten. Sie machten die Arbeit, die ihnen gegeben wurde, und dadurch lernten sie. Gleichzeitig haben sie Zeit bekommen, ihre eigenen Sachen weiterzuentwickeln. Es haben dann viele andere Zeichner an seinen Comics mitgewirkt. Dies sieht man teilweise, wenn man sich die einzelnen Zeichnungen und Panels genauer anschaut. ›Benny Bärenstark‹ zum Beispiel wurde auch von Walthéry gezeichnet, der dann später mit ›Natascha‹ einen großen Erfolg hatte. Die Geschichte sagt, dass er zu Anfang versuchte, genau wie Peyo zu zeichnen, dies misslang und die Zeichnungen wirkten steif und »unnatürlich«. Und Peyo sagte ihm: »Laß das ‘mal bleiben – mach‘ deins.« Bei Gos und Derib war es wahrscheinlich ähnlich.

Und inhaltlich? Ich hörte, die Serie sei nach Peyo schon kindlicher geworden.
Das kann sein, vielleicht zum Teil beeinflusst durch die TV-Zeichentrick-Serie. Aber auch bei den Schlümpfen ist Übergang zu anderen Szenaristen und Zeichnern fließend. Thierry Culliford, Peyos Sohn, zum Beispiel hat an den Szenarien auch schon vor Peyos Tod mitgewirkt. Bei einer langlebigen Serie wie den Schlümpfen kann es zwischendurch auch mal einen »Hänger« geben. Aber die Leidenschaft, mit der die Schlümpfe gemacht und Geschichten um sie erzählt werden, ist bis heute ungebrochen.

»Es geht um Freundschaft, Solidarität, Toleranz …«

Worin sehen Sie die hintergründige Botschaft der Schlümpfe?
RotschlumpfEs geht um Freundschaft, Solidarität, Toleranz, auch darin, wie etwa in ›Rotschlümpfchen und Schlumpfkäppchen‹, Intoleranz und Ausgrenzung dargestellt werden. In neuerer Zeit, wie bei den ›Mini-Schlümpfen‹, geht es zudem auch um den Bezug zur Natur. Man kann außerdem die 99 Schlümpfe mit weißer Kleidung als einen Archetypus verstehen, der sich aus verschiedenen Charakteren (und deren Eigenschaften) zusammensetzt. Dann kann man, wenn man die Zielgruppe Kinder betrachtet, dazu kommen, dass die Schlümpfe kindlich-jugendliches Verhalten zeigen und dass das positive Bild, das Eltern in unserem Verständnis haben, das Umsorgen der Kinder, das beschützende und das weisende Element, die Wertevermittlung, Papa Schlumpf mit seiner roten Kleidung einnimmt. Wunderbar ist, dass es keinen moralischen Zeigefinger gibt. Und Papa Schlumpf ist kein Überschlumpf, sondern macht auch mal Fehler. Die Themen, die darin gespiegelt werden, sind selbstverständlich zeitlos.

Sind sie noch aktuell? Müssten die Schlümpfe nicht die Komplexität der Welt, wie sie heute ist, durchdringen und erklären können?
Ja, sie sind aktuell. Peyo und Delporte wollten nicht ein pädagogisch wertvolles Produkt machen und haben dann etwas darum herum gebaut. Das war schon eh und je der falsche Ansatz, um Geschichten zu erzählen. Der Punkt ist: Die Schlümpfe sind zur Unterhaltung da. Die Werte sind einfach mit drin. Ich lese Comics grundsätzlich, weil sie mir Spaß machen; das heißt aber nicht, dass ich nichts daraus ziehe. Da bilden die »Schlümpfe« keine Ausnahme – im Gegenteil!

Zur Person
Uwe Zimmermann ist gelernter Mediengestalter und Grafik-Designer, der unter anderem im Bereich Zeichentrickfilm arbeitet. Seit 2011 lehrt er an der Hochschule Flensburg.

| Interview: ANDREAS ALT

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