»Ikon hat es etwas Tragikomisches«

in Comic/Porträt & Interview

Comic | Interview mit Simon Schwartz

Es kommt noch recht selten vor, dass ein Comic-Künstler von Mainstream-Medien gefeiert wird, doch Simon Schwartz hat das geschafft. Der 1982 in Erfurt geborene Künstler zeichnet diverse deutsche Medien erregt seit seinem Debüt ›Drüben‹ großes Aufsehen in der Comic-Szene. 2012 gewann er für seinen Comic ›Packeis‹ den Max-und-Moritz-Preis. Sein neuer Graphic Novel ›Ikon‹ beschäftigt sich mit dem obskuren Gleb Botkin, dem Sohn des letzten Leibarztes der Zarenfamilie, der nach der Russischen Revolution glaubt, die ermordete Zarentochter und Großfürstin Anastasia, Schwarm seiner Kindheit, wiedergefunden zu haben. Diese falsche Anastasia, die Ansprüche auf den russischen Thron erhebt, wird von Gleb zur Ikone erhoben, und sein ganzes Seelenheil hängt an der Geschichte, die ihm diese psychisch Kranke erzählt. PHILIP J. DINGELDEY hat mit Schwartz auf dem 18. Internationalen Comic-Salon in Erlangen über die deutsche Comiclandschaft, der Entwicklung im Gesamtwerk von Schwartz und tragikomischen Elementen in ›Ikon‹ geredet.

TITEL: Simon, Du bist ein junger deutscher Grapic Novelist, der bereits vier Bände veröffentlicht hat, von den deutschen Medien gefeiert wird, und schon so manchen Preis gewonnen hat. Wie kommt es, dass Du dies als deutscher Künstler in Deutschland, das nicht gerade für seine Comicbegeisterung bekannt ist, schaffst?
Comic | IKONSimon Schwartz: Das sind ziemlich viele glückliche Fügungen, die da zusammenkommen. Es gibt zum Beispiel eine Presse, die meine Arbeit gut findet. Das hat mit einem Generationenwechsel zu tun, dass jetzt Leute entscheidende Positionen in den Feuilletons innehaben, die ganz selbstverständlich mit Comics aufgewachsen sind. Dann hat es auch mit einer gesellschaftlichen Änderung zu tun. Durch das Internet entsteht ein ganz anderes Text-Bild-Verhältnis für uns. Durch das Netz ist eine neue Lesekompetenz für Comics entstanden.

Und die Entwicklung des Comics in Deutschland geht inzwischen mit Sieben-Meilen-Stiefeln voran. Ich wurde zum Beispiel jetzt vom Bundestag angesprochen, ein Projekt für sie zu machen. Norbert Lammert hat meinen Comic-Band ›Vita Obscura‹, in denen ich merkwürdige Biographien nachzeichne, gesehen und hat angefragt, ob ich Comic-Biographien von unbekannten Abgeordneten von 1848 bis 1990 anfertigen würde. Früher wäre das undenkbar gewesen. Da kommen also viele verschiedene Aspekte und viele gute Comic-Künstler, die voneinander profitieren, zusammen.

Würdest du dann sagen, es geht ein Ruck, durch Politik und Kultur in Deutschland, sodass der Comic vielleicht mal einen ähnlichen Rang bekommt, wie in Frankreich?
Naja, vielleicht in einer anderen Form als in Frankreich. Dort gibt es eine gewisse Selbstverständlichkeit des Comics, in Deutschland muss sich der Comic noch manchmal ein bisschen legitimieren. Aber ich höre jedes Jahr aufs Neue, dass es dem Comic hier noch nie so gut ging wie zuvor.

Wenn man sich Deine Graphic Novels anschaut, also bei ›Drüben‹ beginnt und bei Deinem neuen Buch ›Ikon‹ aufhört, dann glaubt man zuweilen, die Werke von ganz unterschiedlichen Künstlern vor sich zu haben: zum einen thematisch, denn die Inhalte gehen von der Unzufriedenheit in der DDR, über merkwürdige Biographien bis hin zum Sohn des Leibarztes der letzten russischen Zarenfamilie; zum anderen auch zeichnerisch, da Du Dich jedes Mal weiterzuentwickeln und anzupassen scheinst. Wie kommst Du zu solch unterschiedlichen Themen und Stilen, und wie schaffst Du all diese unterschiedlichen Dinge? Bist Du ein zeichnerisches Ausnahmetalent?
Ein Ausnahmetalent bin ich, glaube ich, nicht. Es ist aber eine stetige Entwicklung. Jedes Buch ist für mich die logische Konsequenz aus dem vorangegangenen. ›Drüben‹ war meine sehr autobiographische Diplomarbeit und ist zeichnerisch kindlich und naiv, auch mit einer gewissen Dringlichkeit gezeichnet, was ich heute anders machen würde; aber das Bedürfnis, die Geschichte zu erzählen, war so hoch. ›Packeis‹ hat damit noch Parallelen, aber ist ausgearbeiteter, und ›Vita Obscura‹ war dann schon ein Freibrechen: Jede Seite und Kurzbiographie ist anders gestaltet, das war eine neue bunte Technik.

›Ikon‹ ist eine Gegenreaktion dazu, denn das ist sehr dunkel und graphisch stilisiert. Das sind keine bewussten Entscheidungen, die ich da treffe, aber ich habe das Gefühl, unbewusst sind meine Werke immer Gegenreaktionen zu vorherigen Werken. Entwicklung ist ja auch wichtig, es wäre ja schlimm, wenn ich in meiner Arbeit immer gleich bliebe.

Und wie findest du dann so unterschiedliche Themen und Inhalte? ›Vita Obscura‹ ist ja nicht nur bunt, sondern auch humoristisch, und dann folgt der bedrückende Graphic Novel ›Ikon‹ über den Sohn des Leibarztes, der von der Russischen Revolution traumatisiert ist und sich einbildet, Anastasia gefunden zu haben. Wie kommt man darauf?
Ich weiß nicht, was meinen Lesern gefällt. Lesen ist ja ein stiller Prozess. Also mache ich, was mich interessiert, und glücklicherweise geht es anderen ähnlich. Und meine Interessen ändern sich eben. Jedenfalls liebe ich es, zu realen Themen zu recherchieren, und daher sind es oft historische Themen, die ich bearbeite, obwohl ich natürlich die Gegenwart, Geschichtsbilder und -projektionen dabei vor Augen habe.

Nach ›Ikon‹ könnte ich mir auch mal wieder einen leichteren Stoff vorstellen. Aber Humor und Bitterkeit schließen sich nicht zwangsweise aus. Man könnte ›Ikon‹ wohl auch als bitterböse Satire lesen. Ich glaube, selbst in einem so abgründigen Buch ist ein bisschen Humor drin.

Was wären denn satirische Stellen in ›Ikon‹?
Naja, die Protagonisten entwickeln eine Besessenheit für die falsche Anastasia, also für Fake News. ›Ikon‹ hat etwas Tragikomisches, dass Botkin sich diesen Selbstbetrug nicht eingestehen kann, denn sonst bricht endgültig alles für ihn zusammen, dann verliert er seine Identität, nachdem schon einmal in der Revolution alles für ihn zusammenbrach. Seine Identität war zuvor auf die Monarchie ausgerichtet gewesen. Die Revolution passiert ja gar nicht in der Welt der Protagonisten, das übersteigt ihren Horizont und ist einfach da. Diese Urgewalt zerstört für Botkin alles.

Daraufhin gründet er in den USA eine neuheidnische Religion als neuen Halt, den er sich zusammenzimmert. Und dann erscheint die falsche Anastasia als Rettungsanker. Ihm wird zwar relativ schnell klar, dass sie nicht die Echte sein kann, aber wenn er sich diesen Selbstbetrug eingesteht, hat er gar nichts mehr. In dieser Unbeholfenheit hat das vielleicht auch etwas Komisches.

Simon Schwartz IKON - Leseprobe

Tragikomik ist natürlich nicht unbedingt dasselbe wie Satire. Du hast gesagt, du würdest gerne wieder etwas Leichteres machen. Ist konkret außer dem Projekt für den Bundestag noch nichts geplant?
Aktuell arbeite ich nur an dem Projekt für den Bundestag, das heißt ›Das Parlament‹, es gab eine Ausstellung und nächstes Jahr wird es ein Buch davon geben. Jede Biographie kriegt wieder eine Seite, und insgesamt sollen es 40 Stück werden, ähnlich wie ›Vita Obscura‹.

| Interview: PHILIP J. DINGELDEY

Titelangaben
Simon Schwartz: Ikon
Berlin: Avant Verlag 2018
216 Seiten, 25,00 Euro
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Reinschauen
| Simon Schwartz: Vita Obscura – in TITEL kulturmagazin

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