/

Wider die Hysterisierung der Trübsalafisten

Gesellschaft | Behnam T. Said: Islamischer Staat

Am 29. Juni 2014 rief ein gewisser Abu Bakr al-Baghdadi, Chef einer Terrormiliz namens »Islamischer Staat«, ein neues Kalifat und sich selbst zum emir al-mu’minin, Führer aller Gläubigen, aus. Nach intern-islamischer Verabredung ist das zwar ein Ding der Unmöglichkeit, und bisher fällt dieser »IS« auch vor allem als kriminelle Vereinigung zum Zwecke des Raubens, Mordens und Brandschatzens auf. Aber er kann mit modernstem Equipment aus den erbeuteten Arsenalen gestürzter Tyrannen und gewieften Militär- sowie Medienstrategen für virale Propaganda punkten. Das brachiale Gebräu aus salafistischer Avantgarde-Archaik und digitaler Cleverness lockt junge Männer zwischen 18 und 29 Jahren aus fast aller Welt an die Front(en) und versetzt den Rest der Welt in shock and awe. Zum Glück machen einige – zu wenige! – Artikel, Filme, Bücher immer wieder deutlich, warum Panik kein Weg ist. So wie Behnam T. Saids kompaktes Paperback ›Islamischer Staat: IS-Miliz, al-Qaida und die deutschen Brigaden‹. Von PIEKE BIERMANN

Behnam T. Said: Islamischer StaatMit dem Ende des Kalten Krieges war durchaus nicht das »Ende der Geschichte« gekommen, wie 1992 verkündet. Selbst Francis Fukuyama räumte bald ein, dass das Modell Demokratie & Marktwirtschaft wohl doch nicht weltweit gesiegt und jeder Systemkonkurrenz die Energie entzogen hatte. Spätestens am 11. September 2001 erfolgte ein greller globaler Weckruf: Niemand entkommt der Geschichte, und die nächste Phase wird notfalls noch atavistischer. Gegen einen auf einem Menschenbild aus dem 7. Jahrhundert gründenden Jihadismus wirkt selbst Stalins Version von Kommunismus wie vernunftgesteuertes Gerangel über das bessere System im Sinne der Menschenrechte. Die böse alte Systemfrage ist also zurück, und mit ihr auch die moral panic, die ideelle Gesamthysterie, die sich so wunderbar – und mit den heutigen digitalen Verbreitungswegen so viel effektiver als in Zeiten des Ost-West-Konflikts – politisch manipulieren und ökonomisch ausbeuten lässt.

Heute wie damals gilt: Aufklärung ist das Mittel der Wahl gegen Hysterie. Und Behnam T. Saids Buch ›Islamischer Staat‹ liefert ein äußerst wirksames Antidot: gut 200 Seiten, kompakt mit Zeittafel, Register und Literaturtipps. Der gelernte Islam-, Politik-, Sozial- und Wirtschaftswissenschaftler arbeitet als Referent für den Hamburger Verfassungsschutz. Infolgedessen pflegt er einen angenehm zielgerichteten und praxisnahen Blick und einen ebenso klaren und schnörkelfreien Schreibstil. Und was er erzählt, lässt einen beim Lesen die üblichen Schlagworte à la »religiöser Wahn« oder »durchgeknallte Jungmachos« sofort vergessen. Said leuchtet vielmehr die materiellen Bedingungen aus, unter denen der sogenannte Islamische Staat, vormals ISIS (Islamischer Staat in Irak und Sham, etwa Großsyrien), entstehen konnte. Denn die IS-Miliz ist nicht plötzlich vom Himmel gefallen, als Zerfallsprodukt eines angeblich geschlagenen al-Qaida-Terrorismus oder ölmilliardengestütztes Muslimbrüderchen. Ihre Geschichte ist handfest nachvollziehbar, ihre Parameter heißen lokale Diktatoren, geostrategische Interessen und mörderische Repressionen gegen die eigenen Bevölkerungen, die ganze unselige, mit viel Geld und Waffen gepäppelte Tradition im Nahen und Mittleren Osten.

Said spürt die Anfänge des Jihadismus im Syrien der frühen 60er Jahre auf. Er setzt sich fort in verschiedenen Aufstandsversuchen gegen das Ba’th-Regime von Assad Senior und bekommt richtig Schubkraft durch den Irak-Krieg von 2003. Was wir heute als »neuen Jihadismus« bezeichnen, hat in Wahrheit sowohl eine lange Geschichte – Said nennt es »langes Gedächtnis« – als auch globale Bezüge, bei denen sich religiöse, innenpolitische und ethnische Differenzen und internationale Ereignisse gegenseitig befeuern. Was die weiland Sowjetunion 1979-89 in Afghanistan und die GUS später im Kaukasus angerichtet hat und der schiitische Iran im eigenen Land und »der Westen« samt den sunnitisch-wahabitischen Golf-Reichen in der gesamten Levante – das alles hat dem militanten Islamismus Wege geebnet. Und leider de facto auch der »Arabische Frühling« mit seinen verschiedenen nicht-klerikalen Bewegungen für Demokratie, die in einigen Ländern Breschen für reaktionärste Scharia-Autokraten geschlagen haben.

Kein Monolith

Der salafistische Jihadismus war von Anfang an auf internationalisierte Wirkung angelegt und attraktiv für »Legionäre« aus aller Welt, zum Beispiel aus Deutschland. Und er hatte einen langen Atem. Said zeichnet auch die Geschichte der deutschen Salafisten nach und schildert deren Aktivitäten, vom Spendensammeln über Agitation in den sozialen Netzwerken bis hin zum Dienst an den jeweils aktuellen Fronten. Junge Männer, denen in Aussicht gestellt wird, an einer glorreichen Wiederauferstehung teilzuhaben (nämlich der Epoche der al-salaf al-salih, der Frommen Vorfahren: Mohammed selbst plus drei Generationen nach ihm) und dafür mit einem der oberen Ränge im Paradies inklusive Jungfrauen zur persönlichen Verfügung belohnt zu werden; von denen die wenigsten auch nur Alltagsarabisch, geschweige denn das anspielungsreiche Hocharabisch des Qur’an beherrschen; die also die ganze trübsalafistische Ideologie ihrer Führer nicht mal ansatzweise kontrollieren können … werden plötzlich sexy, Ikonen mit Abenteuer-Appeal wie Che Guevara ein paar Generationen früher, nur diesmal viral lecker gemacht.

Said zoomt aber nicht nur die angeblich so neue und unbegreifliche Gewalteruption, diesen Selfie-Salafismus mit throat-cut challenge – »Machtpolitik mit der Hand am Sack« sagt Sonja Zekri, die Nahostkorrespondentin der ›Süddeutschen Zeitung‹, kurz und treffend – zurück auf Menschenmaß. Er macht außerdem klar, dass der akute mörderische Jihadismus kein Monolith ist. Er ist eben keine übermächtige Einheit, sondern zerstritten, also genauso endlich wie alles Menschenwerk. Kein Mittel ist so probat für Enthysterisierung wie diese Erkenntnis.

| PIEKE BIERMANN

Eine erste Version der Rezension wurde am 29. Oktober 2014 bei Deutschlandradio Kultur veröffentlicht, ein Gespräch mit Pieke Biermann ist als Audio on Demand verfügbar.

Titelangaben
Behnam T. Said: Islamischer Staat. IS-Miliz, al-Qaida und die deutschen Brigaden
Beck: München 2014
224 Seiten. 14,95 Euro

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Voriger Artikel

Ein König muss Federn lassen

Nächster Artikel

Grenzerfahrungen

Weitere Artikel der Kategorie »Gesellschaft«

Herzl zweites Buch

Menschen | Clemens Peck: Im Labor der Utopie. Theodor Herzl und das »Altneuland«-Projekt Wien um 1900 hat man nicht zu Unrecht ein Experimentierfeld der Moderne genannt. Psychoanalyse und Zwölftonmusik sind hier entstanden, wesentliche Anstöße der neueren deutschen Literatur, der Philosophie, der Architektur und vieles mehr. In der Metropole der späten Habsburgerzeit wurden aber auch politische Konzepte entwickelt, von denen sich einige als höchst problematisch erweisen sollten. Clemens Pecks Im Labor der Utopie analysiert Theodor Herzls wenig beachteten Roman Altneuland und weist ihm einen wichtigen Platz in der Frühgeschichte des Zionismus zu. Von PETER BLASTENBREI PDF erstellen

Erfolge, Teilerfolge

Gesellschaft | Lisa Vollmer: Strategien gegen Gentrifizierung Gentrifizierung ist der Bevölkerung mittlerweile teils aus eigenem Erleben, teils aus der medialen Information bekannt geworden, es geht um die Verdrängung von Mitbürgern aus städtischen Regionen, in denen sie die erhöhten Mietforderungen nicht länger zahlen können. Das löst weitreichende soziale Umschichtungen und Konflikte aus. Von WOLF SENFF PDF erstellen

Hegemonieverlustphobie

Gesellschaft | Hannes Hofbauer: Feindbild Russland. Geschichte einer Dämonisierung Merkwürdig ist schon, wie Russland in der öffentlichen Darstellung gezeichnet wird. Vor einigen Tagen wurde vermeldet, dass das Wirtschaftswachstum dort um drei komma sieben Prozent zurückgegangen sei. Häme, ansonsten strikt verpönt, hält man in diesem Fall für gerechtfertigt, zumal die westlichen Sanktionen diesen Rückgang ursächlich mitverantworten. Gewonnen! Trunken im Erfolgsrausch! Triumphgefühle! Von WOLF SENFF PDF erstellen

Zündeln am europäischen Haus

Gesellschaft | Ernst Wolff: Weltmacht IWF. Chronik eines Raubzugs Richtig. Wir müssen die Vergangenheit neu sortieren, von Grund auf neu, zumindest was Europa betrifft. Seitens des Hegemons USA existierte von Anfang an ein unmissverständliches Konzept, und nie herrschten Zweifel daran, was zu tun sei. Von WOLF SENFF PDF erstellen