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Weltverbessern aus dem Stand

Gesellschaft | Susanne Garsoffsky, Britta Sembach: Die ›Alles ist möglich‹-Lüge

Das Leben könnte so schön sein, wenn … Das ist der klassische Seufzer derjenigen, die, von plötzlichen Befindlichkeitsstörungen angefallen, für einen Moment die real existierenden Bedingungen des real existierenden Alltags betrachten und vor lauter Schreck beschließen, die Welt zu verbessern. Aus dem Stand. Weil sich sonst nichts ändert. Darauf hat die Welt gewartet. Gut, dass sie einiges gewöhnt ist, die Welt. Von MAGALI HEISSLER

Susanne Garsoffsky, Britta Sembach: Die ‚Alles ist möglich‘-LügeSusanne Garsoffsky und Britta Sembach haben keineswegs ganz unrecht. Im Gegenteil haben sie in ihrer Kernbehauptung sehr recht. Einen Beruf in Vollzeit auszuüben, sich in Vollzeit um die Familie kümmern und darüber hinaus noch Zeit für all das haben, was im Alltag anfällt, vom Behördengang bis zum Friseurinnenbesuch und der gemütlichen Tasse Tee auf der Couch, ist nicht möglich. Die Autorinnen gehören zu den Frauen, die viele Jahre versucht haben, das Unmögliche doch zu tun. Das Ergebnis war ein spürbarer Substanzverlust in jedem Bereich. Zur Erosion führte vor allem, dass sich die Frage, wem und was man die eigene Aufmerksamkeit widmen müsste, um das Beste für alle Beteiligten zu erreichen, nie befriedigend zu beantworten war. Jede Entscheidung trug einen Verlust in sich. Was herauskam, war wachsender Leistungsdruck und schlechtes Gewissen rund um die Uhr. Es hat lange gedauert, bis die Erkenntnis kam, dass der Fehler nicht bei ihnen, sondern in der Anforderung lag.

Von all dem erzählen die Autorinnen lebhaft, überzeugt und mit echtem Gefühl, schließlich geben sie persönliche Erlebnisse wieder. Die Schlüsse, die sie daraus ziehen, werden, in Forderungen für eine Veränderung gesellschaftlicher Bedingungen umgesetzt, dann allerdings ebenso waghalsig wie nebulös.

Musterschülerinnen und die Folgen

Garsoffsky und Sembach beschreiben sich als Gläubige der Botschaft, dass für Frauen ihrer Generation – sie sind beide 1968 geboren – alle Ziele zu verwirklichen seien, wenn man sich nur genügend anstrengt. Das haben sie getan. Studiert, einen Beruf gefunden, gehobene Positionen erreicht, einen Partner gefunden, eine Familie gegründet. Ein gutes Leben geführt. Nur gab es bis jetzt den versprochenen Lohn nicht. Sie mussten sogar auf etwas verzichten. Der Schreck ist groß.

Schon bei der Beschreibung ihres Lebenslaufs drängt sich der Eindruck auf, dass es sich bei den Autorinnen um Vertreterinnen der Spezies Musterschülerinnen handelt, die punktgenau die Maßstäbe anderer erfüllen, um Bestnoten nach einem Bewertungssystem zu erringen, auf das Einfluss zu nehmen ihnen nie in den Sinn käme. Kritisches Denken, Querdenken, Fragen an die Welt stehen nicht im Lehrplan. Also tut man es auch nicht. Der Blick gilt dem großen goldenen Fleißpunkt am Ende.

Wessen Verstand nicht rundum konform geprägt ist, wird es nicht leicht haben, überhaupt zu verstehen, wie Menschen, auch wenn sie die Schule verlassen haben, trotzdem geistig immer noch auf den Bänken sitzen und brav den Anweisungen der großen Lehrperson folgen können.

Leistung bringen, konkurrieren, Karriere machen, die Beste sein, das sind die treibenden Kräfte für den Aufbau des vermeintlichen Paradieses auf Erden. Das Modell ist schon oft gescheitert, aber seine Attraktivität offenbar unangekratzt. Man kann Mitleid haben mit den Musterschülerinnen. Da ihr naives Mitläuferinnentum aber die Härten, unter denen sie leiden, verstetigen und diese auch viele, viele andere treffen, ist eine gewisse Gereiztheit über den Scherbenhaufen am Ende ebenso verständlich.

Die Autorinnen sehen ihre Fehler ein und geben sich in gesellschaftlich verträglichem Maß der öffentlichen Selbstgeißelung hin. Das mag ehrenwert sein, führt aber nirgendwohin. Das wissen sie selbst, deswegen soll sich auch einiges ändern.

›Wir‹ und unser Substanzverlust

Ihre Erlebnisse und Überlegungen präsentieren Garsoffsky und Sembach als Gruppenerlebnis. ›Wir‹ schreiben sie durchgängig und schaffen so einen Raum der Vertraulichkeit, der vom Gespräch unter Freundinnen bis hin zur Kumpanei Gleichgesinnter alles einschließen kann. Definiert ist das ›Wir‹ nicht, seine Bedeutung ändert sich je nach Kontext, oft mit den nächsten Absatz auf ein und derselben Buchseite. Einmal sind die Autorinnen gemeint, einmal Frauen, dann Mütter, dann Frauen und Männer oder Arbeitende. Diese behauptete Gemeinschaft gibt es aber gar nicht, das nicht-fiktionale ›Wir‹ ist reine Fiktion. Tatsächlich sind die meisten gesellschaftlichen Gruppen hier ausgeschlossen, die Überlegungen gelten nur Angehörigen hoch qualifizierter Berufe.
Auch bei ihrer Analyse der Situation, die gegen die konstatierte Lüge des ›Alles ist möglich‹ gestellt wird, bleibt vieles im Vagen. Gedankensprünge, Analogie – und Umkehrschlüsse ohne verlässliche Grundlage sind die Regel.

Sie arbeiten heraus, dass die Organisation der Berufsarbeit mit der Organisation des Familienlebens nicht kompatibel ist. Das hat Folgen für beide Bereiche. Den Autorinnen geht es vornehmlich um die Familie. Dort stellen sie den größten Substanzverlust fest. Die Menschen, die ›uns‹ am meisten am Herzen liegen, werden anderen überlassen. Weil ›wir‹ keine Zeit für sie haben. Das trifft vor allem Kinder.

Ab diesem Punkt, der weder neu noch undiskutiert ist, überraschen die Autorinnen mit Ausführungen über Gefühle, Liebe, Fürsorge und Mütterlichkeit, die sentimental, verkitscht, romantisierend sind. Das könnte man mit einem Schulterzucken abtun, ginge es nicht um gesellschaftlich Bedeutendes. Zum einen behaupten die Autorinnen, dass die Verbindung einer Mutter zu ihrem Kind diese per se zur besten Fürsorgerin und Erzieherin mache. Offenbar sind diese Eigenschaften naturgegeben, brechen sich gleich nach der Geburt Bahn und gelten für die gesamte Entwicklung vom Neugeborenen bis zum Jugendlichen. Zunächst implizit und dann auch explizit werden Berufe im Erziehungsbereich abgewertet. Ist eine Mutter nicht stets und ständig mit dem Kind zusammen, erfährt sie einen Verlust.

Ähnliches gilt für den Pflegebereich, der unversehens dazu addiert wird. Pflegebedürftige Angehörigen versorgen ist offenbar auch eine naturgegebene Fähigkeit. Die Fürsorge, die unentgeltliche, selbstlose wird in den Himmel gehoben. Ein Schluss aus der Bedeutung der selbstlosen Fürsorge ist, dass, wer eine solche erfahren habe, auch eine Neigung habe, ihrerseits selbstlos zu sein. Zweifel sind hier durchaus angebracht.

›Wir‹ sind egoistisch geworden, heißt es, statt selbstlos für andere zu sorgen und die Sozialkassen zu entlasten. Man liest es und kann es trotzdem nicht fassen. Ebenso wenig die mehrfach geäußerte Behauptung der Autorinnen, natürlich feministisch zu sein.

Wie von ihrem Thema haben sie auch davon keine Ahnung. Sie schaffen es nicht einmal, in ihrem Text weibliche und männliche Formen bei Substantiven zu verwenden. Dementsprechend gibt es ausschließlich Arbeitgeber (die Lage ist ernst, aber so verzweifelt nun doch nicht), die natürlich nur Mitarbeiter haben und diese wiederum Kollegen, was nun wieder logisch ist. Die (Femininum) Firma wird dann auch der (Maskulinum) Weggefährte. Was man davon halten kann, wenn jemand zu einer Veränderung des Denkens aufruft, dabei aber noch nicht einmal diesen Schritt geschafft hat, liegt auf der Hand.

Der Weg ins Paradies

Gepredigt wird aber nun nicht der Rückzug ins Private, nein, eine neue Lebensform soll es sein. Diese setzt nicht mehr auf die Gleichzeitigkeit von Berufsleben, Familienleben und Zeit für sich, sondern auf ein Nacheinander. Es gibt auch einen todschicken Ausdruck dafür, die On-Off-Biographie. Das klingt zwar nach ›Auf Knopfdruck‹, das ist jedoch nicht gemeint. Gemeint ist, dass man Zeiten der Fürsorge und Zeiten der aktiven, einsatzfreudigen Berufsarbeit nacheinander ableistet. Ganz frei, total flexibel. Auch mehrere Ausbildungen und Berufswechsel sind möglich. Die Wirtschaft muss sich nur noch darauf einlassen.

Sie soll das tun, weil die, die einen Beruf ausüben wollen, gerade nach erbrachter Fürsorgeleistung neben den Berufsqualifikationen auch soziale Qualifikationen erworben haben. Wer einen Alltag mit einem oder zwei Kleinkindern gemeistert hat, die kann auch in Betrieben Verantwortung übernehmen und weiß, was Zeitmanagement ist. Wie die erzieherischen Fähigkeiten fliegen jedem Menschen offenbar auch diese zu. Betriebliche Abläufe und die Strukturen einer Kleinfamilie sind problemlos vergleichbar, scheint es. Ganz klar, das muss das Paradies sein.

Die On-Off-Biographie ist in der Tat ein Modell über das zu diskutieren sich lohnen könnte. Allerdings ohne verklärten Blick, ohne Vorstellungen vom Paradies auf Erden. Klare Aussagen, Fakten braucht man dazu. Die bleiben die Autorinnen schuldig. Nicht dass sie nicht viel gelesen oder sich nicht um Material gekümmert hätten. Es wird aber so präsentiert, dass es nicht verlässlich ist. Gleich ob offizielle Studien des Familienministeriums, Studien einzelner Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, Aussagen aus Interviews, Auszüge aus Zeitungsartikeln oder Reaktionen ›einer Freundin‹, alles ist gleichwertig. Eine Prozentzahl hier, eine Tendenz da. Immer fehlt der Bezugsrahmen, immer der Hinweis, auf welche Gruppe welcher Befragten sich ein genannter Zahlenwert bezieht, wie genau die Frage der jeweiligen Untersuchung lautete, welcher Zeitraum gemeint ist. BILD der Frau steht als Quelle gleichwertig neben den Ergebnissen des Statistischen Bundesamts. Damit kann man gar nichts anfangen.

Zum Schluss wird es richtig kämpferisch, die Autorinnen versprechen vollen Einsatz für ihre nebulösen Pläne. Wir wollen die Gesellschaft fit machen, heißt es. Und da ist er wieder, der Ton der Musterschülerinnen. Vorwärts, Leistung bringen, so gehört sich das. Es kann doch nicht angehen, dass einer wirklich etwas entgangen ist im Leben?

Die Lüge wirkt weiter. Der große goldene Fleißpunkt winkt immer noch.

| MAGALI HEISSLER

Titelangaben
Susanne Garsoffsky, Britta Sembach: Die ›Alles ist möglich‹-Lüge. Wieso Familie und Beruf nicht zu vereinbaren sind
München: Pantheon 2014
256 Seiten. 17,99 Euro

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