Leben und Mythos

Kurzprosa | Kenzaburô Ôe: Licht scheint auf mein Dach

»Ich muss zugeben, dass wir manchmal, besonders ich, die Wut über unseren behinderten Sohn nicht unterdrücken konnten«, heißt es im schonungslos offenen, autobiografischen Band ›Das Licht scheint auf mein Dach‹ (2014) aus der Feder des Literatur-Nobelpreisträgers Kenzaburô Ôe. Er beschreibt darin, wie die Geburt seines Sohnes Hikari sein Leben veränderte, wie er gemeinsam mit seiner Frau vor der schwierigen Frage stand, einer komplizierten Kopfoperation zuzustimmen. Heute ist Hikari Oe über 50 Jahre alt und in Japan ein angesehener Komponist klassischer Musik. Zum 80. Geburtstag des Literatur-Nobelpreisträgers Kenzaburô Ôe am 31. Januar gratuliert PETER MOHR

Kenzaburo OeSeine literarische Arbeit bezeichnete Oe einmal als endlose »Geschichte einer Zeitgenossenschaft«, und er selbst sei das »schwarze Schaf Japans«. Um markige Worte ist Kenzaburô Ôe, der zweite japanische Nobelpreisträger nach Jasunari Kawabata (1968), nicht verlegen. Eigentlich wollte er mit 60 Jahren aufhören zu schreiben, doch kurz vor Erreichen dieser selbst gesetzten Altersgrenze kam ihm der Nobelpreis »dazwischen«. Heute schmunzelt er gelassen über das Alter: »Der Erzähler von Grass‘ Fontane-Roman ›Ein weites Feld‹ ist schon siebzig Jahre alt, und darin heißt es, dass das Leben erst mit siebzig beginnt.«

»Kenzaburô Ôe hat mit poetischer Kraft eine imaginäre Welt geschaffen, in der Leben und Mythos zu einem erschütternden Bild der Lage des Menschen in der Gegenwart verdichtet werden«, lobte das Nobelkomitee den Preisträger des Jahres 1994. Ôe selbst wertete seine Ehrung als Auszeichnung für die gesamte japanische Literatur.

Dabei ist der Nobelpreisträger, der am 31. Januar 1935 als Sohn einer angesehenen Samurai-Familie in Ose auf der Insel Shikoku geboren wurde, alles andere als ein repräsentativer Vertreter der Literatur seines Landes. Er ging in seinen zahlreichen Romanen, Novellen und Essays auf Distanz zu den künstlerischen Traditionen Japans. Ôe war stark europäisch orientiert und pflegt eine besonders große Affinität zur deutschen Literatur. Goethes ›Faust‹, der ›Simplicissimus‹ von Grimmelshausen und Thomas Manns ›Felix Krull‹ zählt er zu den Werken, die seine Arbeit nachhaltig geprägt haben.

1958 war ein äußerst wichtiges Jahr im Leben des damals gerade 23 Jahre alten japanischen Schriftstellers Kenzaburô Ôe. Er erhielt für eine Novelle den angesehenen Akutagawa-Preis, beendete sein Studium mit einer Dissertation über Jean-Paul Sartre und veröffentlichte seinen ersten Roman ›Reißt die Knospen ab‹.

Erzählt wird darin von einem guten Dutzend heranwachsender Jungen, die während des Zweiten Weltkriegs aus einem Erziehungslager evakuiert und in ein abgelegenes Bergdorf verfrachtet werden. Schädlinge, so besagt es eine überlieferte japanische Weisheit, müssen im Anfangsstadium bekämpft werden. Die verhaltensauffälligen Jugendlichen stehen im allegorisch intendierten Titel für die zu entfernenden »Knospen«.

In Japan gilt Ôe bis heute noch – daran konnte auch der Nobelpreis nichts ändern – als literarischer Einzelgänger und suspekter linksintellektueller Bürgerschreck. Sein Engagement in der radikalen Studenten- und Anti-Atombewegung brachte ihm ebenso Kritik des national-konservativen Lagers ein wie sein kritisches Hinterfragen von Japans US-orientierter Ausrichtung nach dem Zweiten Weltkrieg.

Die Aufarbeitung der Tragödien von Hiroshima und Nagasaki sowie die panische Angst vor einem atomaren Inferno haben Kenzaburô Ôes Werk nachhaltig geprägt. Die Romane ›Eine persönliche Erfahrung‹ (1964) und ›Der stumme Schrei‹ (1967), die im damaligen DDR-Verlag Volk und Welt schon 1978 bzw. 1980 in deutscher Übersetzung vorlagen, sind die wichtigsten Werke in Ôes Oeuvre.

Sein letzter in deutscher Übersetzung erschienener Roman ›Sayonara, meine Bücher‹ (2008) ist von einem melancholischen Grundtenor durchzogen. Ôe verbirgt sich hinter dem grüblerischen, Lebensbilanz ziehenden Schriftsteller Kogito, der sich nach einem Unfall in sein Sommerhaus zurückgezogen hatte. »Ich mache es meinen Lesern nicht leicht«, hatte Kenzaburô Ôe völlig zutreffend schon vor vielen Jahren erklärt.

| PETER MOHR

Literaturangaben
Kenzaburô Ôe: Licht scheint auf mein Dach. Die Geschichte meiner Familie
Aus dem Japanischen von Nora Bierich
Frankfurt/M.: S. Fischer Verlag 2014
206 Seiten. 19,99 Euro

Reinschauen
|
Kenzaburô Ôe in TITEL kulturmagazin

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Voriger Artikel

Endlich erwachsen!?

Nächster Artikel

Der Schatz der Geschichtenerzähler

Weitere Artikel der Kategorie »Kurzprosa«

Dabeisein II

TITEL.Textfeld | Wolf Senff: Dabeisein II

Wie es sich anfühle, fragte Bildoon, am eigenen Untergang teilzunehmen.

Vergiß es, sagte Touste.

Unangenehm vielleicht?, spottete Crockeye.

Tödlich?, schlug lachend der Zwilling vor.

Sprache

TITEL-Textfeld | Wolf Senff: Sprache

Du mußt ganz vorn anfangen, sofern du die Dinge sortieren möchtest, verstehst du, im Anfang war das Wort.

Wo ist das Problem.

Die Leute haben ihre Bodenhaftung verloren, sie sind hysterisch, doch so möchte man sie haben, leichtgewichtig, daß man ihnen allerlei püriertes Durcheinander andrehen kann, sie haben eine langjährig gezüchtete Kundenmentalität, man kann sie locker für dumm verkaufen, aber ab und zu doch auch wieder nicht, der Widerstandsgeist ist zäh, sie lassen sich glücklicherweise nicht über einen Kamm scheren.

Verstehe das, wer will, Farb.

Sie können störrisch sein wie Esel, ohne mich, sich auf die Hinterbeine stellen.

Gelöst

TITEL-Textfeld | Wolf Senff: Gelöst

Einschlafen, konstatierte Farb, sei eine komplizierte Materie.

Anne schenkte Tee nach, Yin Zhen, sah flüchtig auf das zierliche Drachendekor und stellte die Kanne zurück auf das Stövchen.

Tilman setzte sich aufrecht, zog die Arme an und bewegte die Schultern, ihn schmerzte der Nacken, die Sitzhaltung war denkbar unbequem, nicht allein in diesem Sessel, sondern die Hersteller schienen allgemein wenig Wert auf ergonomische Leitlinien zu legen, ihr Niveau ließ zu wünschen übrig, er überlegte, sich Massagen verschreiben zu lassen, der Mensch sei in jeglicher Hinsicht überspannt.

Alles verändert

Kurzprosa | Jostein Gaarder: Genau richtig »Vorhin war ich bei Marianne, und mir ist klar, dass von nun an alles verändert ist.« Mit diesem Satz des Lehrers Albert eröffnet der norwegische Schriftsteller Jostein Gaarder seine neue kurze Erzählung Genau richtig. Albert bekommt von seiner Ärztin Marianne, die zufällig auch seine Jugendliebe war, die Nachricht, dass er unheilbar an ALS erkrankt ist und sein Nervensystem peu à peu versagen wird. Vielleicht drei, wahrscheinlich aber nur etwas mehr als ein Jahr bleibt ihm, so die düstere Prognose der Medizinerin. Von PETER MOHR

Ohne ihn

TITEL-Textfeld | Wolf Senff: Ohne ihn

Mittendrin, sagte Farb, wir stecken mittendrin.

Keine Chance, sagte Wette.

Annika schenkte Tee nach, Yin Zhen, sie hatten wie immer das Service mit dem Drachendekor aufgedeckt, rostrot, das Tilman aus Beijing mitgebracht hatte, wo er einen Halbmarathon auf der Großen Mauer gelaufen war, diese Wettbewerbe, fand er, seien völkerverbindend, zumal in Zeiten wie diesen, ich komme darauf zurück.

Farb tat sich eine Pflaumenschnitte auf.

Tilman reichte ihm einen Löffel Schlagsahne.

Der Planet balanciere sich neu.