/

Rede als praktizierte Macht

Kulturbuch | Karl-Heinz Göttert: Mythos Redemacht

Nominiert für den Preis der Leipziger Buchmesse 2015

In seiner umfangreichen Untersuchung über Rhetorik arbeitet Karl-Heinz Göttert die von der europäischen Antike ausgehende Tradition der Rede als Mittel der Machtausübung heraus. Wenngleich er sich dabei kühn zwischen den Jahrhunderten bewegt, zeigt sich ein erstaunlich stabiles Prinzip. Der Redner wolle »sein Gegenüber beeindrucken, ihn regelrecht unterwerfen, indem er kunstvoll redet«, Göttert sieht einen überlegenen Redner und den passiven Zuhörer. Von WOLF SENFF

RhetorikDieses, verbunden mit argumentativer Schärfe, sei eine ›männliche‹, europäische Tradition rednerischer Kunst, die »in Schwierigkeiten geriet, als sich das Geschlechterverhältnis neu formierte«. Göttert arbeitet die Entwicklung der vorherrschenden europäischen Tradition an diversen Beispielen heraus, zeigt interne Konflikte etwa im antiken Streit zwischen attizistischer und asianistischer Rhetorik und vergleicht »argumentative Kunst in Athen und bei Hitler«.

Predigt als Form der Rede

Er sieht beim ›europäischen‹ Redner stets auch das kalkulierte Vorgehen, die Rede sei wohlüberlegt auf das Gegenüber abgestimmt. »Der ›gute‹ Redner weiß, was sein Gegenüber will«, er werde die eigene Argumentation entsprechend gestalten, die Rede orientiere sich am Publikum, ein Musterbeispiel dafür liefere Cicero in seinen Reden gegen Catilina.

Auch die am einfachen Stil orientierte christliche Predigt durch Augustinus halte an diesen ›europäischen‹ Grundsätzen fest, jedoch das täuschende Prinzip, »nicht Redner sein zu wollen«, sei, wie Göttner in einem amüsanten Kapitel nachweist, Charakteristikum der Predigten von Augustinus genauso wie der Reden Bismarcks. Schön zu lesen auch, wie Göttert die Predigten des Bernhard von Clairvaux, »Bernhard, der Honigsüße«, seziert und auch hier die ›europäische‹ Tradition nachweist.

Parlamentarische Rede

Anders liegen die Dinge bei Philipp Jakob Spener, einem Prediger des Pietismus, der sich an ein Gegenüber wendet, »dessen Glaube in der Seele liegt und der in dieser Seele angesprochen sein will«. Mit der Aufklärung rücke aber die Rede ins Zentrum von politischen Kontexten, und Göttert lenkt unsere Aufmerksamkeit unter anderem auf Robespierres Revolutionsreden und auf Winston Churchills Blut-Schweiß-und-Tränen-Rede. Unter diesen parlamentarischen Bedingungen gehe es dem Redner darum, Mehrheiten zu gewinnen.

Auch die parlamentarische Rede folgt dem ›männlichen‹ Konzept europäischer Rede, Göttert zeigt dies am Beispiel John F. Kennedys und Willy Brandts. Aber ab und zu lässt Göttert erkennen, was er für ein alternatives Redemodell halten könnte. Gleich zu Beginn geht er auf die berühmte Rede des Häuptlings Seattle von 1855 ein, die dieser an den »Großen Häuptling der Weißen« Franklin Pierce richtet und die, so Göttert, »in geradezu provozierender Weise nicht auf Überredung angelegt« sei.

Jenseits europäischer Rhetorik

»Wir wissen«, zitiert er Seattle, »dass der weiße Mann unsere Art nicht versteht. Ein Teil des Landes ist ihm gleich jedem anderen, denn er ist ein Fremder, der kommt in der Nacht und nimmt von der Erde, was immer er braucht. […] Er behandelt seine Muttter, die Erde, und seinen Bruder, den Himmel, wie Dinge zum Kaufen und Plündern.« Seattle weist auf die unüberbrückbaren kulturellen Unterschiede, seine Aussagen drohen, heute die gesamte ›europäische Rationalität‹ einzuholen.

Auch an hiesigen Beispielen sieht Göttert Abweichungen von dem Rhetorik-Modell europäischer Rationalität und verweist etwa auf Reden des europäischen Parlamentspräsidenten Martin Schulz, die mit narrativen Elementen arbeiten und, so Göttert, ein ›weibliches‹ Verständnis von Rede offenbaren.

Gibt es andere Rede-Kulturen?

Göttert lässt jedoch keine Zweifel, dass die von ihm dargestellte europäische Rede kulturell begrenzt ist, und es genügt der Hinweis auf bekannte fernöstliche Weisheit. »Wer nach den richtigen moralischen Grundsätzen handelt, wird schon auch reden können. Wer jedoch reden kann, vertritt nicht immer schon die richtigen Grundsätze.« (Konfuzius) bzw. gar: »Ein Wissender redet nicht; ein Redender weiß nicht« (Lao-Tse).

Aufschlussreich wäre durchaus der Versuch, eigene Traditionen an Reden aus Fernost, auch aus Afrika nachzuweisen, vielleicht fände man dort ein neues, belebendes Verständnis von Rede. Aber das ginge weit über den Ansatz dieses kenntnisreichen und unterhaltsamen Beitrags von Karl-Heinz Göttert hinaus.

| WOLF SENFF

Titelangaben
Karl-Heinz Göttert: Mythos Redemacht
Eine andere Geschichte der Rhetorik
Frankfurt: Fischer 2015
510 Seiten, 24,99 Euro

Reinschauen
| Leseprobe

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Voriger Artikel

Ein aufschlussreicher Blickwinkel

Nächster Artikel

Folkdays aren’t over… Bob Dylan und Grandjean

Weitere Artikel der Kategorie »Kulturbuch«

Unser großes, weißes, mittleres Meer

Kulturbuch | David Abulafia: Das Mittelmeer Traumziel bleicher Nordmenschen, Sehnsuchtsort klassischer Bildungsbürger – Wiege der Kultur plus Demokratie, ganz zu schweigen von guter Küche, quecksilbrigem Geist und kreativem Müßiggang – und Fußpunkt der drei großen monotheistischen Religionen: das Mittelmeer. Soweit der Blick aus der Landrattenperspektive. Wer sich aufs Wasser hinaus begibt, merkt schnell: Ein sanftes Binnenmeer ist das nicht. Es ist sprunghaft, tückisch, gewalttätig. Es brodelt, klimatisch wie politisch, und seit einiger Zeit wieder sehr augenfällig – Lampedusa, Gaza, Arabischer Frühling. Von PIEKE BIERMANN PDF erstellen

Diebischer Spaß

Kulturbuch | Andreas Tönnesmann: Monopoly Zeig mir, was du spielst, und ich sag dir, was aus dir wird! Wer sein Adrenalin mit Ego-Shooter-Games auf- und abhetzt, kann im Grunde nur Amokläufer werden. Genau wie prädigitale Generationen im nicht-sozialistischen Wirtschaftsgebiet bekanntlich durchweg miese Kapitalistenschweine wurden, weil sie mit Feuereifer Monopoly gespielt hatten. Wie albern solche Kurzschlüsse sind und was sich stattdessen an Kulturell-Politisch-Gesellschaftlichem mit Monopolyverknüpfen lässt, zeigt Andreas Tönnesmanns in Monopoly. Das Spiel, die Stadt und das Glück. Von PIEKE BIERMANN PDF erstellen

Pracht und Prunk vergangener Zeiten

Kulturbuch | Norbert Wolf: Art Deco Der Prestel Verlag hat mit Norbert Wolf den Richtigen getroffen, um Glanz und Elend des ›Art Deco‹ in seiner Gesamtheit darzustellen. Eingebettet in die Kreativität und die Unruhe der zwanziger Jahre hat das Design des Art Deco unseren Geschmack auf Jahrzehnte geprägt, ohne jemals aus seiner Zwitterstellung zwischen Kunst und Kunsthandwerk ausbrechen zu können. VIOLA STOCKER ließ sich gerne erklären, warum das so ist. PDF erstellen

Börsenbericht

Sachbuch | Doris Moser: Der Ingeborg-Bachmann-Preis

Der Ingeborg-Bachmann-Preis ist singulär und paradigmatisch zugleich. An ihm werden viele Charakteristika des Literaturbetriebs und unserer Gesellschaft insgesamt erkennbar. Von THOMAS ROTHSCHILD

Radikal die Flügel gestutzt

Kulturbuch | Julia November: Kaufen Sie noch ein Los, bevor wir abstürzen »Wieder so ein Buch, das vermeintlich lustig, die Höhen und Tiefen eines Berufsstandes auslotet!« Dieser Gedanke schoss Vielflieger JÖRG FUCHS beim ersten Blick auf das quietschbunte Cover des Buchs ›Kaufen Sie noch ein Los, bevor wir abstürzen‹ durch den Kopf. Auch der Klappentext versprach zunächst kaum mehr als leichte Unterhaltung. Ein vorschnelles Urteil! Denn bei näherer Betrachtung offenbaren die Schilderungen des Pilotenalltags viel mehr als nur persönliche Befindlichkeiten. Sie geben Einblicke in eine Gegenwelt, in welcher der oft romantischen Vorstellung von der Freiheit über den Wolken radikal die