Es war einmal in Amerika

Comic | Julian Voloj/Claudia Ahlering: Ghetto Brother

Der Comic ›Ghetto Brothers‹ zeichnet anhand des Wirkens von Benjamin Melendez jene Geschichte nach, die den Grundstein für die Pionierleistungen der ersten Hip-Hop Akteure legte. Von CRISTIAN NEUBERT

Ghetto_Brother_Cover_web 500 (1)»Im Fernsehen sah ich mal Bilder vom zerbombten Dresden. (…) Die South Bronx war wie Dresden. Und wir waren die Könige dieses Trümmerhaufens.« Diese Worte stammen von Benjamin »Yello Benji«Melendez. Als Sohn puerto-ricanischer Einwanderer kam er 1963 nach New York. Auf den Straßen hatten die Gangs das Sagen, in der Bronx und in Harlem gab es etwa 100 davon, insgesamt zählten sie über 10.000 Mitglieder. Auch Melendez suchte deren Nähe, wurde zunächst Mitglied der Cofon Cats. Als 14-jähriger gründete er mit seinen Brüdern jedoch seine eigene Gang: Die Ghetto Brothers. Sie lernte von den Besten: Wie bei den Hells Angels zierten Aufnäher die Kutten der Mitglieder; die Gang-Insignien – drei Mülltonnen – einfach aufzumalen, erschien nicht martialisch genug. Natürlich lernten sie auch von der Straße selbst: Die Ghetto Brothers scheuten keine Auseinandersetzung, setzte aber auch auf Koalitionsabkommen. Und als Heroin die Bronx zu überschwemmen drohte, vertrieb Melendez mit seiner Gefolgschaft die Dealer. Zu diesem Zeitpunkt zählten die Ghetto Brothers rund 2.000 Mitglieder allein in der Bronx.

In den Straßen der Bronx

Rassengrenzen spielten zunächst keine große Rolle in den Gangs, vielmehr ging es um die Herkunft der Mitglieder innerhalb der Gang-Territorien. Als es dennoch zur Spaltung zwischen Puerto-Ricanern und Afroamerikanern kam, wirkte Yello Benjy dem entgegen, indem er einen freundschaftlichen Kontakt zu Jospeh Matumaini pflegte, einem Black Panther-Mitglied, der Aufklärungsarbeit leistete hinsichtlich Bildung und Gesundheitsversorgung. Er impfte Melendez ein, dass die Konflikte zwischen den Gangs das eigentliche Problem verdränge: Die Tatsache, einer unterdrückten Schicht anzugehören. Das Umdenken führte z.B. dazu, nicht nur »Warlords«, also Kriegsminister zu beschäftigen, sondern auch einen Friedensminister. Doch als dieser, Black Benji, einen Waffenstillstand zwischen den Ghetto Brothers, den Mongols, den Seven Immortals und den Black Spades arrangieren wollte, empfing man ihn mit Fäusten und Stöcken, im Krankenhaus erlag er seinen Verletzungen. Die Spirale der Gewalt schien unaufhaltsam. Yello Benji jedoch vollbrachte etwas bis dahin nie Dagewesenes: Er berief ein Treffen mit den zwölf einflussreichsten Gangs ein, in dessen Verlauf ein Waffenstillstand beschlossen wurde.

Frieden dem Krieg

Das Treffen – es fand am 8.12.71 im Boys and Girls Club in der Hoe Avenue statt – wurde polizeilich überwacht und von zahlreichen Reportern und Sozialarbeitern begleitet. Es legte den Grundstein für das, was kurze Zeit später als Hip Hop gedeihen konnte. Die Gangs gelobten eine Abkehr von der Gewalt. Stattdessen organisierten sie Proteste, Partys und kulturelle Veranstaltungen. Das, was der geneigte Hip Hopper als Jam kennt, fand in dieser Stimmung seinen Ursprung: Der Warlord der Black Spades rief seine Gang zur Universal Zulu Nation aus – und wurde als Afrika Bambaataa zum berühmtesten DJ des Bronx River Projects, und bald schon weit darüber hinaus. Auch im Westen der Bronx stiegen plötzlich angesagte Partys, initiiert vom ehemaligen Cofon Cats-Member Clive Campbell. Unter seinem Alias DJ Kool Herc ist auch dieser heute weltberühmt.

›Ghetto Brothers‹ zeichnet jene Geschichte nach, die den Grundstein für die Pionierleistungen der ersten Hip-Hop Akteure legte – und macht insofern Melendez selbst zum Hip-Hop Pionier. Man merkt, dass der in Münster geborene und in New York lebende Fotograf Julian Voloj sich für sein Comic-Szenario lange und ausführlich mit Melendez unterhalten hat. Und indem die Illustratorin Claudia Ahlering bei ihrem ersten Comic-Langprojekt auf krakelige, unfertig anmutende Bilder setzt, erscheint das vor Augen geführte Szenario umso intensiver. Die Zeichnungen wirken, als hätte jemand die historischen Geschehnisse vor Ort mitskizziert. Da verzeiht man ihr gerne, dass die Proportionen hin und wieder mal nicht stimmen.

›Ghetto Brothers‹ ist das Porträt eines Mannes, einer Stadt, einer Stimmung, einer Ära, gleichzeitig aber auch mehr als das. Er nimmt seinen Hauptprotagonisten als kompletten Menschen ernst – als Menschen, der auf der Suche nach seiner Identität ist. Und diese ist, soviel sei abschließend noch verraten, bei aller Gewalt und Aussichtslosigkeit eng an das Aufspüren seiner jüdischen Wurzeln geknüpft.

| CHRISTIAN NEUBERT

Titelangaben
Julian Voloj (Text)/Claudia Ahlering (Zeichnungen): Ghetto Brother
Berlin: Avant Verlag 2015
128 Seiten, 19,95 Euro

Reinschauen
| Leseprobe

2 Comments

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Voriger Artikel

Die Amerikaner kommen

Nächster Artikel

Das psychisch instabile Individuum

Weitere Artikel der Kategorie »Comic«

Geniale Fingerübung

Comic | Neil Gaiman / Dave McKean: Veilchenblau Der Verlag Nona Arte widmet sich in seinem Programm auch modernen Klassikern aktueller Comic-Größen. BORIS KUNZ durfte sich über ein Frühwerk von Neil Gaiman freuen. Leider hat es einen dummen deutschen Titel.

»Ikon hat es etwas Tragikomisches«

Comic | Interview mit Simon Schwartz Es kommt noch recht selten vor, dass ein Comic-Künstler von Mainstream-Medien gefeiert wird, doch Simon Schwartz hat das geschafft. Der 1982 in Erfurt geborene Künstler zeichnet diverse deutsche Medien erregt seit seinem Debüt ›Drüben‹ großes Aufsehen in der Comic-Szene. 2012 gewann er für seinen Comic ›Packeis‹ den Max-und-Moritz-Preis. Sein neuer Graphic Novel ›Ikon‹ beschäftigt sich mit dem obskuren Gleb Botkin, dem Sohn des letzten Leibarztes der Zarenfamilie, der nach der Russischen Revolution glaubt, die ermordete Zarentochter und Großfürstin Anastasia, Schwarm seiner Kindheit, wiedergefunden zu haben. Diese falsche Anastasia, die Ansprüche auf den russischen Thron

Vom Herzensanliegen zum Brotberuf – und zurück

Comic | 22. Internationaler Comic Salon Erlangen

Wie schwer ist für einen Comiczeichner oder -autor der Schritt zur Veröffentlichung seines Werks? Dieses Thema zog sich durch etliche Diskussionsrunden beim diesjährigen ›Internationalen Comic Salon‹ in Erlangen. Obwohl das Ansehen der Comics im deutschsprachigen Raum, nicht zuletzt durch die Wirkung der Salons, seit den 1980er-Jahren gestiegen ist, dürfte der Weg zum Künstler, der von seinem Schaffen leben kann, für die Allermeisten noch immer weit sein, wie sich unschwer heraushören ließ. Überraschend war dagegen die Erkenntnis, dass es Comiczeichnern da nicht viel anders ergeht als Literaten, Musikern sowie bildenden oder darstellenden Künstlern. ANDREAS ALT hat den Meinungs- und Erfahrungsaustausch auf dem Salon mitverfolgt.

Der NÖB fragt FuFu FRAUENWAHL

Comic | Interview mit FuFu Frauenwahl

Den in Berlin lebenden Künstler und Illustrator FuFu Frauenwahl kennen Comicleser wohl zuallererst durch seine Zeichnungen der bei Weissblech Comics erscheinenden Reihe ›Captain Berlin‹. Parallel realisiert er die Abenteuer des Ray Murphy in seiner surrealen Detektivserie ›Unwelt‹. Obendrein organisiert er »Berlins elitärstes Comic-Event« mit: Die ›Bilderberg Konferenz‹, die jüngst ihr zehnjähriges Jubiläum feierte. Er editiert auch deren Publikationen, zuletzt ›Tintina and the Bilderberg Shitbox‹. Ein Must Read? Indeed! CHRISTIAN NEUBERT traf ihn auf dem Comicfestival München.

Getting down with Valentina

Comic | Guido Crepax: Valentina Underground Mit ›Valentina Underground‹ ist beim ›avant-verlag‹ der zweite Sammelband einer der größten Heldinnen erschienen, die das Medium Comic je geboren hat. CHRISTIAN NEUBERT nahm sich die rund 50 Jahre alten Geschichten vor. Und ist immer noch baff.