Kleines Mädchen mit Riesenproblemen

in Comic

Comic | Luke Pearson: Hilda und der Mitternachtsriese / Hilda und der Troll

Nicht aus Skandinavien, auch nicht aus Japan, sondern aus England kommt diese neue, preisgekrönte Comicreihe für Kinder: Luke Pearson lässt seine knuffige Hilda Abenteuer in einer nordischen Bergwelt voller phantastischer Kreaturen erleben – und macht dabei keinen Hehl daraus, woher seine Vorbilder kommen. Da BORIS KUNZ Pearsons Vorlieben teilt, hat er auch als Erwachsener nicht widerstehen können, einen Blick auf Hildas Abenteuer zu werfen.
hildatrollIn einer gemütlichen Hütte in einem malerischen Tal mitten in den Bergen, in dem sich sicher auch die Mumins zuhause fühlen würden, lebt die kleine Hilda mit ihrer Mutter und ihrem Fuchshörnchen, einem Haustier, das man am besten als Promenadenmischung aus Jagdhund und Rehbock beschreiben kann. Wie es bei Hauptfiguren von Kinderserien merkwürdigerweise gerne der Fall ist,  ist Hilda Halbwaise. Ihr Dasein ist zwar mit einem liebevollen Elternteil gesegnet, ihrer sympathischen und verständnisvollen Mutter, von Hildas Vater dagegen bekommen wir nichts zu hören und zu sehen, und er wird auch nicht sonderlich vermisst. Schließlich hat Hilda die Angewohnheit, sich »mit jedem noch so schrägen Viech anzufreunden, was da kreucht und fleucht«.

An dieser Eigenschaft seiner jungen Heldin hängt Luke Pearson dann auch seine Geschichten auf: Die drehen sich darum, wie das patente und etwas hitzköpfige Mädchen sich mit einem Volk von kleinen, unsichtbaren, streitbaren Kobolden ebenso auseinandersetzt wie mit dem unheimlichen, berghohen Mitternachtsriesen, der des Nachts einsam durch das Tal streift, oder mit einem schweigsamen Steintroll, der in einem ihrer Bücher als blutrünstiges und gefährliches Wesen beschrieben wird. Schließlich gelingt es ihr, auf originelle Art und Weise deren Probleme zu lösen, ehe es in dem kleinen Tal zu einem Eklat zwischen all dem schrägen Volk kommen müsste.

Hilda und der Mitternachtsriese

Im ersten Band ist der Stein des Anstoßes eine Reihe winziger Drohbriefe, die Hilda und ihre Mutter auf ihrer Türschwelle finden, und in denen das »verborgene Volk« die Menschen auffordert, das Tal zu verlassen, ehe es Ärger gibt. Weil die Beiden sich nicht so schnell ins Bockshorn jagen lassen, werden sie bald von radikalen, unsichtbaren Kobolden tyrannisiert, die Steine durch´s Fenster schmeißen und das Mobiliar ruinieren. Hilda und ihre Mutter ahnen ja nicht, dass sie ihr Haus inmitten eines Dorfes des verborgenen Volkes gebaut haben, dass das Licht ihrer Lampen die unsichtbaren Nachbarn nachts so grell blendet, als ob die Sonne schiene, und dass Hildas lautes Organ für die winzigen Kobolde eine ganz schöne Lärmbelästigung darstellt. All das erfährt Hilda, als sich eines Tages ein Kobold namens Alfur in ihrem Ohr einnistet, um das Mädchen zur Auflösung dieser verfahrenen Situation in die Geheimnisse des verborgenen Volkes einzuweihen. Und als wäre das nicht schon aufregend genug, taucht nachts auch noch dieser gigantische Mitternachtsriese vor Hildas Hütte auf…

Pearson erzählt kindgerecht, modern und ohne Scheu von erwachsenen Themen. Dementsprechend hat die kleine Hilda sich mit den Folgen von politischem Populismus auseinanderzusetzen (der Hass des verborgenen Volkes gegen die Hütte ihrer Mutter entpuppt sich als Folge einer aggressiven Wahlkampagne des winzigen Premierministers) und mit der Geschichte eines verhinderten Dates: Der Mitternachtsriese wartet nämlich auf seine Herzdame, mit der er vor vielen Tausend Jahren ein Treffen an diesem Ort ausgemacht hat, und die den armen Kerl nun scheinbar versetzt hat. So endet der Band mit einer melancholischen Liebesgeschichte, in der der Comic zu seinen poetischsten Momenten findet.

Hilda und der Troll

Der zweite Band verfährt nach demselben Muster, auch wenn der Ärger diesmal nicht zu ihrer Hütte kommt, sondern Hilda einen Streifzug durch das Tal unternimmt, um Steinhügel und Felsformationen zu zeichnen. Sie weiß zwar, dass einige dieser vermeintlichen Steinhaufen auch ein getarnter Troll sein können, und ist dementsprechend auf der Hut, wird aber schließlich dennoch sowohl von einem Troll als auch von einem heftigen Wintereinbruch überrascht. Auch wenn das für Hilda im ersten Moment haarsträubende Situationen sind, so ist eine friedliche Lösung erstens niemals fern und zweitens ihrer Offenheit allem Fremdartigen gegenüber geschuldet.

Hilda und der Troll ist eigentlich die erste Hilda-Story, die Luke Pearson gezeichnet hat, und das merkt man deutlich. Die Geschichte ist einfacher gestrickt, um einige Seiten kürzer und in großformatigeren Panels erzählt, sodass sie sich eher wie eine Kurzgeschichte anfühlt. Doch für jüngere Leser bietet sie einen besseren, da einfacheren Einstieg in Hildas Welt als das schon deutlich komplexere Abenteuer mit dem Mitternachtsriesen. Das Album enthält dann auch noch ein paar schön gestaltete zusätzliche Doppelseiten, auf denen eine Karte des Tals, ein Blick auf Hildas Schreibtisch und ein Auszug aus dem Sachbuch über Trolle zu sehen sind.

Für Kinder und Erwachsene?

Pearson hat seinen Comic sehr liebevoll gestaltet und mit zahlreichen originellen und skurrilen Einfällen versehen, erzählt aber bei genauerem Hinsehen nach einem gar nicht so unüblichen Kinderbuchmuster. Während die Existenz einiger schräger Randfiguren einfach als gegeben hingenommen werden muss, werden sowohl die Trolle als auch die winzigen Kobolde und der gigantische Riese zunächst als unheimliche, rätselhafte und wenig freundliche Gestalten etabliert, doch wenn man wie Hilda mutig ist und die Begegnung mit diesen Fremdartigkeiten nicht scheut, entdeckt man alsbald, dass auf dieser Welt jeder sein Bündel zu tragen hat, und sich selbst die erstaunlichsten Größendifferenzen durch Toleranz überwinden lassen. Pearson serviert diese Botschaft allerdings nicht mit der groben Kelle oder einem moralischen Zeigefinger, sondern erzählt humorvoll und temporeich, in schmissigen Zeichnungen mit sehr stark stilisierten Figuren.

hildariese

Den Zeichnungen merkt man hin und wieder den Spagat an, sich einerseits an Kinder zu richten, andererseits das ästhetische Empfinden erwachsener Leser anzusprechen. Hilda und der Troll ist simpel gezeichnet und dafür streckenweise recht artifiziell koloriert, Hilda und der Mitternachtsriese filigraner, kleinteiliger, stilsicherer und mit mutigerer Seitenaufteilung. Das Spiel mit den Größenverhältnissen, die ja in der Geschichte ein wesentliches Thema sind, gelingt Pearson dabei mit dem Mitternachtsriesen auf der grafischen Ebene wesentlich stimmungs- und eindrucksvoller, als beim verborgenen Volk, die er gezwungenermaßen auf ziemlich simple Strichmännchen reduziert.

Als erwachsener Leser kann man es an der einen oder anderen Stelle allerdings auch schwer damit haben, wie eindeutig sich Luke Pearson bei seinen Vorbildern bedient. Da wären zum Beispiel die Woffel, fliegende Fellkugeln mit Fuchsschwänzen und großen Augen, die in diesem Tal die Zugvögel ersetzen, und die genauso aussehen, als wären sie aus einem japanischen Studio Ghibli Film in diesen Comic hineingeflogen. Der Meeresgeist, der aussieht wie aus Chihiros Reise ins Zauberland. Und der Steintroll, der in seiner simplen Bedrohlichkeit stark an die Morra aus dem Mumintal erinnert. Tove Jansson und Hayao Miyazaki grüßen aus fast jedem Panel, was die vermeintliche Originalität so mancher Einfälle dann doch recht gewollt wirken lässt. »Mumins meets Manga« wäre wohl der treffende Werbeslogan – würde sich der Comic nicht an eine Leserschaft richten, der solche Kategorisierungen (hoffentlich) noch völlig schnuppe sind. Frei nach dem Motto »Gut geklaut ist besser als schlecht erfunden« ist Hilda dann weniger ein Comic für Erwachsene, die damals die Mumins geliebt haben. Er ist vielmehr für Kinder, die das heute noch täten, denen man aber inzwischen mit einer etwas flotteren, frecheren Erzählweise kommen kann, und die man auch mit etwas erwachseneren Themen nicht verschreckt.

Für die jüngeren Leser bietet die Hilda-Reihe also eine warmherzige und liebevoll gestaltete Lektüre, für die Erwachsenen eine deutliche Reminiszenz an manchen Klassiker. Nostalgiker allerdings könnten so sehr an Pearsons Vorbilder erinnert werden, dass sie vielleicht lieber direkt zu den Originalen greifen möchten.

| BORIS KUNZ

Titelangaben
Luke Pearson (Text und Zeichnungen): Hilda und der Mitternachtsriese (Hilda and the Midnight Giant)
Aus dem Englischen von Matthias Wieland
Berlin: Reprodukt 2013, 44 Seiten, 18 €

Luke Pearson (Text und Zeichnungen): Hilda und der Troll (Hildafolk)
Aus dem Englischen von Matthias Wieland
Berlin: Reprodukt 2013, 36 Seiten, 18 €

Reinschauen
Hilda und der Mitternachtsriese bei Reprodukt
Hilda und der Troll bei Reprodukt
Homepage von Luke Pearson
Studio Ghibli
Die Mumins

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