Depressive Zitronenkuchen

Comic | Tom Gauld: Kochen mit Kafka

Wenn ein Cartoonist es in den ›Guardian‹ und den ›New Yorker‹ schafft, dann ist eigentlich klar, dass er ein zeichnerisch herausstechendes Talent darstellt. Und genau solch ein Ausnahmekünstler ist der schottische Künstler Tom Gauld. Sein Name ist, was selten für Cartoonisten der Fall ist, wohlbekannt. Viele seiner intellektualistischen Cartoons sind schon viral geworden in diesem Internet. Nun ist ein Sammelband mit seinen Strips erschienen. PHILIP J. DINGELDEY hat sich ›Kochen mit Kafka‹ angesehen. Und und bekam dabei mehr als einen Lachanfall.

Kochen mit Kafka Im Gegensatz zu vielen anderen Cartoons oder auch Karikaturen sind Gaulds Werke Beweise, dass sich geistiger Anspruch, Niveau und reduzierte, manchmal auch kindliche Zeichnungen kombinieren lassen. Sein Humor ist nicht vulgär und plakativ, sondern schon gemünzt auf ein bestimmtes Publikum, das sich als gebildet und vor allem an Literatur interessiert definiert.

Seine Pointen sind dabei jedoch eine gelungene, wie auch seltene Mischung: Gauld liefert einerseits Witze für das Bildungsbürgertum mit literarischen Insidern und subtilen philosophischen Positionen, etwa einem depressiven Franz Kafka, der Zitronenkuchen backt, während er über den Tod sinniert oder der fiktiven Maus aus den Werken für Kinder der Künstlerin, Beatrix Potter, nämlich Thomasina Tittelmaus, die zu den Suffragetten übergelaufen ist und schließlich mit Hämmerchen ein paar Fenster einschlagen will.

Es finden sich anderseits in dem Band auch für jeden erschließbare Strips zum digitalen Wandel oder Science-Fiction-Versionen. Und all dies wechselt sich mit den oft recht realistischen Absurditäten des Schriftstellerlebens ab. Diese gleichzeitige Aufnahme von Niveau, Intelligenz und kindlichem Witz ist eine künstlerische Rarität, vor allem, wenn sie einmal tatsächlich funktioniert.

Bärchen in dystopischen Welten

Die witzigsten Gegensätze generiert Gauld aber nicht durch schnelle, aber auch tiefsinnige Pointen, sondern durch die Kombination mit seinen bunten, recht simplen, ab und an auch rudimentären Zeichnungen. Oft agiert er nur mit Strichmännchen, Skizzen oder Figuren ohne Münder sowie niedlichen, farbigen Kügelchen, die selbstgerecht und rassistisch sind oder auch mit Bärchen, die in dystopischen Welten landen. Genau dieser Mix aus bewusster Besinnung auf das Genre Cartoon als kindliche Darstellungen und oft resignativen Witzen macht den grotesken und herausragenden Charme seiner Strips aus, ein Charme, der oft zum Schreien komisch ist.

Indem Tom Gauld etwas vereint, von dem viele Snobs glaubten, es ließe sich nicht vereinen, schafft er humoristische wie auch tiefsinnige Kunstwerke. So wertet er das Genre der Cartoons und Comicstrips enorm auf und erschafft eine herausragende künstlerische Spannung. Das spiegelt sich ja schon im Titel wieder, auch wenn Kafka tatsächlich nur eine Seite in dem Buch ausmacht. Alltag und Absurdität, Resignation und Reflektion, Infantilität und Irritation geben sich die Klinke in die Hand.

Kochen mit Kafka

Gaulds Kunstwerke haben es verdient, über das Erscheinen in Zeitschriften hinaus, in einem Band wie diesen festgehalten zu werden.

| PHILIP J. DINGELDEY

Titelangaben
Tom Gauld: Kochen mit Kafka
Zürich: Edition Moderne 2018.
160 Seiten, 24,80 Euro
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