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Männerphantasien, aktualisiert

Gesellschaft | Klaus Theweleit: Das Lachen der Täter: Breivik u.a. – Psychogramm der Tötungslust

›Das Lachen der Täter‹ ist Klaus Theweleits neuestes Buch zu (nicht nur) seinem alten Thema »Männergewalt« und ein Plädoyer für einen neuen, entschieden weiteren Blick auf Gewalttäter. Ein ausführlicher und äußerst ungemütlicher Brandbrief, der zur Pflichtlektüre für alle werden sollte, die mit Menschen zu tun haben. Von Eltern bis Politikern, von Erziehern bis Kriminalisten, von Bildungs- bis Stadtplanern, egal welchen Geschlechts. Von PIEKE BIERMANN

Lachendertäter»Das Töten ist kein abstrakter Vorgang; das Erlernen des Tötens schon gar nicht. Jedes Detail der Zerstörung ist körperlich.« Diese scheinbar binsenweise Feststellung ist der rote Faden, aus dem Klaus Theweleit sein »Psychogramm« knüpft. Das so entstehende Gewebe hat ein beängstigend hässliches Muster: die strukturelle Universalität eines Phänomens, das wir Mordlust nennen und angewidert von uns weisen. Die zentralafrikanischen Kindersoldaten, deren Tötungszurichtung er Uzodinma Iwealas Roman ›Du sollst Bestie sein!‹ entnimmt, sind nur ein Beweis. Andere Beispiele liefern Kambodscha, Indonesien, Ruanda, Guatemala …, die ethnischen Säuberer auf dem Balkan, die uniformierten Mörder des Nazistaats, die Lynchmobs und CIA-Folterer der USA, Dschihadisten à la IS, Boko Haram usw. Und der norwegische »Amokläufer« Anders Breivik, der zum pars pro toto taugt, weil er zu seiner Tat das ideologische Unterfutter gleich mitliefert.

Universale Fakten

In Breiviks ›Manifest‹ finden sich alle vier Elemente wieder, die den scheinbar unbegreiflichen, unmenschlichen Gewaltorgien eigen sind: 1. die Tat bleibt straflos, denn sie passiert außerhalb geltenden Rechts; 2. sie ist bühnenartig inszeniert; 3. sie wird gefeiert, 4. sie geschieht in »höherem Auftrag« – mal eines Staates (des NS-Staats, zum Beispiel), mal des Widerstands (zur »Rettung des Abendlands«, zum Beispiel, wie bei Breiviks Tempelrittern), mal von irgendeinem Gott befohlen.

Zum Feiern gehört ein verstörendes Dauer-Gelächter. Breivik lacht laut hinter den Flüchtenden her; Ruandas mordhetzender Radiosender hat einen »Houseclown«; IS-Postings sind voller Smileys; indonesische Folterer veranstalten fröhliches Re-Enactment ihrer Taten; deutsche Wehrmachtssoldaten erzählen sich schenkelklopfend von Massenerschießungen. Aber auch »normale« Politiker beherrschen es. Theweleit erwähnt gleich anfangs  die Dulles-Brüder, US-Außenminister John Foster und CIA-Chef Allen beim lachenden Posieren mit ausländischen Staatsgästen, deren Tod sie längst planen. Man könnte sich auch – ergänzend – die »Happy-Slapping«-Welle der mittleren Nuller-Jahre des Jahrtausends in Erinnerung rufen: Handyvideos von Jungs, die einen Schwächeren zusammenschlagen und das Ganze hochladen zur Gaudi fürs »soziale Netzwerk«. Und zum überraschten Aufschrei der braven Gesellschaft: »Was ist bloß mit unserer Jugend los?!« Den universalen Kern hat seinerzeit auch kaum jemand wahrnehmen wollen. Happy slappings gab es vom 14. bis zum 18. Jahrhundert quer durch Europa, von England, Frankreich, Spanien bis Russland. Und diese Krawalleria Rusticana war kein »Unterklassenphänomen«, sondern sozial gemischt und gern von adligen jungen Männern betrieben.

Body Politics

Das Gewebe, das Theweleit knüpft, ist nicht hermetisch-dogmatisch, es legt, im Gegenteil, ideologische Fäden frei. Es ist breitmaschig, verknotet Schnittmengen, lässt Luft zum Selberdenken, auch zum Widersprechen. Theweleit springt durch Zeiten und Räume, assoziativ, mäandernd, oft in Gedankenprosa, er referiert und zitiert ausgiebig, Reportagen wie Theorien. Und selbstverständlich nimmt er seinen eigenen Anfangsfaden aus den ›Männerphantasien‹ (1977) wieder auf: den Komplex »Männer-Körper(lichkeit)« und ihre Beziehung zu Herrschaft, Gewalt, Kriegslust, Tod. Wie wird aus zarten, verwundbaren kleinen Jungs dieser killer-kompatible »fragmentarische Körper«? Denn in allen Fällen, die uns heute entsetzen, geht es um Jungs auf dem Weg zum Mannwerden – das heißt, ganz zentral, um die Körpererfahrung namens Sexualität. Die Frage danach ist Theweleits Glutkern. Dass sie selbst heute angesichts all der mordenden Adoleszenten nicht gestellt wird, feuert ihn auch zu ein paar massiven Attacken an, wo immer er meint, dass jemand sich drumrum drückt.

Das Insistieren auf dem Körper-Aspekt ist Theweleits großes Verdienst seit den ›Männerphantasien‹. Sein Lachen der Täter ist aber nicht nur eine aktualisierende Fortschreibung, es ist ein Brandbrief, ein flammendes Plädoyer für einen entschieden weiteren Blick. Der enge Blick definiert diese Gewalt-Täter wahlweise als krank, irre, religiös verblendet oder sonst wie von der eigenen »Normalität« leicht abgrenzbar. Nur, sie kommen alle aus Gesellschaften, und keine ist absolut frei von struktureller Gewalt. Gesellschaften sind allerdings unterschiedlich aktiv und effektiv im »Eindämmen« von Gewaltlust. Wo die Gleichberechtigung der Geschlechter konstitutiver Konsens ist, kommt Applaus für eine »Männlichkeit«, die auf Unterwerfung von Frauen basiert, schwerer auf. Wo sie konstitutiv fehlt – und obendrein der ganze Staat failed, der sie zu schützen hat –, können die lachenden Mörder auf nicht nur klammheimlichen Beifall zählen. Vom Nazistaat bis zu den heutigen Halsabschneidern.

Harter Stoff

Es geht Theweleit also nicht nur um den weiteren Blick, sondern um einen erweiterten Diskurs über Gewalt-Täter. Inklusive Forschung, Praxis, Politik. Er macht die Täter gerade nicht »attraktiv« – wie zum Beispiel die Terabytes an True-Crime und Psychopathen-Krimis im Buch-, Illustrierten- und Filmformat. Er zwingt uns, den Blick auf sie zu uns selbst zurückzulenken. ›Das Lachen der Täter‹ ist harter Stoff in jeder Beziehung. Gut so. Nach der Lektüre ist einem die ganze »Fun! Fun! Fun!«-Kultur endgültig vergällt. Aber auch gegen die hilft das andere, das subversive Lachen »von unten nach oben«, das einen übermächtigen Feind auf Menschenmaß stutzt. Das Lachen, mit dem verfolgte Minderheiten überall und zu allen Zeiten überleben. Dieser – auch sehr körperliche – Aspekt fehlt bei Theweleit. Aber das wäre ein anderes Buch, von einem ähnlich furiosen Autor aus der jüdischen Witztradition vielleicht.

| PIEKE BIERMANN

Eine erste Version der Rezension wurde am 27. März 2015 bei Deutschlandradio Kultur veröffentlicht.

Titelangaben
Klaus Theweleit: Das Lachen der Täter: Breivik u.a. – Psychogramm der Tötungslust
Aus der Reihe ›Unruhe bewahren‹ in Kooperation mit der Akademie Graz
St. Pölten–Salzburg–Wien: Residenz Verlag 2015
246 Seiten, 22,90 Euro

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