Keinen König, keine Helden mehr!

Bühne | Iphigenie auf Tauris – Staatstheater Karlsruhe

Der Schwerpunkt liegt auf der Betonung der Weite des Meeres und der Sehnsucht nach Freude und einem Zuhause. Deshalb sind die 19 Gestrandeten, Asylbewerber aus den Gemeinschaftsunterkünften in Karlsbad-Ittersbach und Rheinstetten, ins Stück integriert. Das wirkt nicht deplatziert, sondern integriert sich bestens ins Stück. Von JENNIFER WARZECHA

Iphi-2Dies wird dadurch zum Beispiel deutlich, wenn in einer der Szenen Iphigenie (darstellerisch und schauspielerisch eindrucksvoll und überzeugend: Katharine Tier), der Chor und die Gruppe der Gestrandeten auf der Bühne im Kreis umher gehen, von »Tränen« und »Heimatlosigkeit« singen und als Zeichen der gegenseitigen Verbundenheit ein weißes Tuch hochhalten. Die weiße Farbe wirkt gegenüber der aktuellen Lage der Flüchtlinge, die oftmals gezeichnet von Hoffnungs- und Heimatlosigkeit ist, wie ein Zeichen des Ausdrucks der Hoffnung auf bessere Zeiten.

Es passt zu den sehnsuchtsvoll umherschweifenden Augen der Iphigenie gegen Ende der Oper genauso, wie zum Umgang Orests (beide vergleichsweise sowohl gesanglich, als auch darstellerisch überzeugend, wenn auch zu fragen ist, warum hier eine Doppelbesetzung nötig ist: Andrew Finden und, mit beeindruckendem Bariton, Armin Kolarczyk) mit Pylades (psychologisch einfühlsam und gesanglich überzeugend: Steven Ebel; ausdrucksstark: Jesus Garcia a.G.). Beider enge Freundschaft drückt sich dadurch aus, dass sie mit einander zugewandtem Blick teilweise einander umgarnend um einander her tanzen, mitten in einem schwarzen Schiffsskelett aus Stahl. Durch seine strahlenförmige Ausrichtung erinnert er an den Pavillon im Karlsruher Schlossgarten, der dort allerdings in weißer Farbe gehalten ist und in hellem Licht erstrahlt. Neben den 19 Flüchtlingen bzw. Gestrandeten kommt eine weitere lokale Komponente in die Oper. Eine, die wiederum überzeugt und sympathisch, weil eben lokal, wirkt.

Orests und Pylades Umgang miteinander aber wirkt, auf die Ebene des Stückes bezogen, fast schon wie eine (homo-erotische) Vereinigung, wie sie nicht literarischer und kunstvoller sein könnte (man bedenke die zahlreichen Liebestod-Motive in der Literatur, wie sie zum Beispiel als Ausprägung bei Lucile in Dantons Tod auftreten). Die Vereinigung kommt dabei zustande, wenn beide singen „Das Grab vereint uns.“ Durch die homoerotische Ebene gelangt ein neuer aktueller Bezug und damit eine neue Deutungsebene von der Ebene des Stückes auf die des Zuschauers und verbindet nicht nur die fiktive, sondern auch die reale Ebene miteinander, innerhalb derer sich beide jeweils begegnen. Realität der Oper und Realität des Zuschauers verbinden sich umgehend und verschmelzen in eins.

Von der Gestrandeten zur menschlich Erhabenen

Iphi_1-hp1_0337Aber auch Iphigenie selbst wirkt wie eine Gestrandete, egal, ob sie in den einzelnen schwarzen, auf der Bühne ausgelegten Quadraten umhertanzt oder sich am Bühnenbild, schwarzen Stellwänden, entlang tastet oder fast schon entlang räkelt.

Da betritt zum Beispiel ein Frauenchor die Bühne und symbolisiert damit zugleich Volk und Verbündete. Sie alle vermissen ein Stück Heimat und Sicherheit. Sie geben es sich gegenseitig über den Gesang aber wieder zurück. Iphigenie stellt sich zu den Frauen hin und singt textlich dazu passend »Ihr habt keinen König, ich keine Helden mehr.« Ihre Helden sind ihre Eltern und ihr Bruder, den sie für tot hält. Denn wie schon die griechische Vorlage schildert, ist Iphigenie ein Fluch auferlegt: Ihr Vater Agamemnon, König von Mykene, hat das griechische Heer in den Trojanischen Krieg geschickt. Die Flotte wird aber am Auslaufen gehindert. Agamemnon kann die Lage im Sinne des Orakels nur dadurch retten, dass er der Göttin Diana (griechisch: Artemis) Iphigenie opfert. Diana verhindert das und verschleppt Iphigenie nach Tauris. Dort dient sie als Priesterin im Tempel der Diana und muss Menschenopfer durchführen. Im Traum ersticht sie noch dazu ihren Bruder. Fast würde sie ihn im Stück noch ein weiteres Mal töten, würde sie ihn auch dort nicht rechtzeitig erkennen. Iphigenie und Orest geraten in einen sanften Streit, in dem er davon spricht, sterben zu müssen, sie ihm aber widerspricht, während er da vor ihr aufgebahrt liegt: »Dich zu töten, ist ein Verbrechen.« Der Chor singt auf sie ein und bittet sie »Priesterin, erfüll‘ Deine Pflicht.«

Das Orakel erfüllt sich, die Menschlichkeit siegt

Iphi-3Iphigenie und Orest erkennen einander jedoch. Als Zeichen des Friedens erscheint Iphigenie einerseits wieder im goldenen Kostüm und mit Glitter im Gesicht. Ihre Stimme geht dabei hoch und wird vom Tonfall her fast schrill. Als Zeichen des Friedens senkt sich zusätzlich der Schiffsbug auf die Sänger herab. Passend zum glücklichen Ende singen sie »Das Orakel ist vollbracht.« Der von Iphigenie gewünschte Frieden herrscht. Er drückt sich darin aus, dass sie nicht mehr dazu gezwungen ist, Menschen zu ermorden. Orakel und Fluch lösen sich, nicht aber klassisch im Sinne des griechischen Vorbilds, sondern über Iphigenies Menschlichkeit und Humanität – Ausdruck der Zeit der Klassik (1786-1832), in der auch Johann Wolfgang von Goethes Interpretation der Iphigenie auf Tauris (1779) ebenso wie Friedrich Schillers ›Die Jungfrau von Orleans‹ entstanden ist.

So zieht nicht zuletzt Iphigenies psychologische Ausdruckshaftigkeit, sondern auch ihre vom Mezzo bewegte Stimme, samt ihrer schauspielerischen Darstellung den Zuschauer in ihren Bann. Der und die quittieren das im voll besetzten Großen Haus des Staatstheaters mit frenetischem Beifall. Das von Christoph Willibald Gluck gewünschte Gesamtkunstwerk (mit Libretto von Nicolas–François Guillard) aus dramaturgischem Spiel sowie ausdrucksstarker und eindrücklicher Musik ist dabei durchaus gelungen, mit einfühlsamer Regie unter Arila Siegert und unterstreichender musikalischer Leitung von Christoph Gedschold. Kleiner Wehrmutstropfen: Die in weißer Schrift auf schwarzem Rahmen aufgesetzten Übersetzungen der französischen Texte erscheinen als englische und deutsche Übertitel. Eine der beiden Sprachen hätte gereicht und nicht zur Verwirrung beigetragen – und die Oper damit erst recht perfekt werden lassen.

| JENNIFER WARZECHA
| Fotos: FALK VON TRAUBENBERG

Titelangaben
Iphigenie auf Tauris – Staatstheater Karlsruhe
Musikalische Leitung: Christoph Gedschold
Regie: Arila Siegert
Bühne: Thilo Reuther

Termine
Dienstag, 14.07., 20:00-22:15 – GROSSES HAUS

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