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Mit dem Apparat die sogenannte Ewigkeit erfassen

Ausstellung | ›Evelyn Hofer, 1922-2009, Retrospektive‹. Museum Villa Stuck, München

Endspurt für eine Ausstellung mit Bildern von erratischer Schönheit. Evelyn Hofer, Amerikas berühmteste unbekannte Fotografin, wird noch bis zum 20.09. mit einer großen Retrospektive in der Villa Stuck geehrt. Wer die Ausstellung nicht besuchen kann, dem empfiehlt SABINE MATTHES den begleitenden Bildband

Evelyn Hofer, Italien │ Italy 1951/51  © Estate of Evelyn Hofer
Evelyn Hofer, Italien │ Italy 1951/51
© Estate of Evelyn Hofer
Der New York Times Kritiker Hilton Kramer nannte Evelyn Hofer die »berühmteste ›unbekannte‹ Fotografin Amerikas«. Die Bezeichnung gefiel ihr. Vielleicht hat die Kunstwelt sie zu lange übersehen, weil der klassische Stil ihrer ernsten, reglosen, stillen Bilder erratisch wirkte, wie ein Anachronismus zur Schnappschuss-Ästhetik der 1970er- und 1980er-Jahre. Vielleicht sah sich die rigorose Perfektionistin auch selbst eher als Handwerkerin. Der Jahrmarkt der Eitelkeiten im Kunstbetrieb, mit seiner Jagd nach schrillen Sensationen, war jedenfalls nicht ihre Sache. Vielmehr war sie auf der Suche nach dem Zeitlosen im Zeitgeist. Eine Aristokratin, die »mit dem Apparat die sogenannte Ewigkeit erfassen« (E.H.) wollte.

Im Gegensatz zu ihren Zeitgenossen William Eggleston und William Klein verwandte sie außergewöhnliche Geduld darauf, die Welt zu verlangsamen. Dazu näherte sie sich ihrem Objekt der Begierde mit der Neugier, Hingabe und Akribie einer Forschungsreisenden des 19. Jahrhunderts. Ihre Kofferträger waren die Assistenten, die ihre schwere Ausrüstung schleppten: eine 4×5 inch Großbildkamera, 9 Objektive, Plattenfilme, Stative und Beleuchtung. Für ihre Stadtporträts, die gemeinsam mit Schriftstellern als Bücher erschienen – Florenz (1959), London (1962), Spanien (1964), New York (1965), Washington (1966) und Dublin (1967) – quartierte sie sich monatelang in Hotels oder Wohnungen ein. Das Badezimmer fungierte als Dunkelkammer. Hatte sie allmählich die Quintessenz, den inneren Wert ihres Themas gefunden, so machte sie ein Porträt davon. Sie malte es mit Licht und verwandelte den kurzen fotografischen Augenblick in die Zeitlosigkeit der Malerei. Wie Rembrandt wollte sie in ihren Bildern die Seele der Menschen und Dinge zeigen.

Man fröstelt mit ihr im feuchten Nebel von London. In Florenz erdrückt einen die Last der alten Steine und Geschichte. Der Himmel hängt grau, tief und schwer über diesem Europa. Tristesse und Melancholie, Erschöpfung und der Geruch von Ruß liegen in der Luft. In Dublin lehnen drei Totengräber in einer Zypressenschneise an ihren langen Spaten. Heiter lächelt nur das Rosa und Rot aus den Strümpfen und Pullovern der Sonntags-Fußballer und des Mädchens mit dem viel zu großen Fahrrad. In Paris hört man die Schreie spielender Kinder im Park und die Verschwiegenheit eines liebenden Paares. Aus Barcelona blickt eine Frau mit übermütiger Zuckerwattefrisur und angriffslustigem Busen scheu in die Zukunft. In Amerika, endlich, weitet sich der Horizont. Wolkenkratzer und Highways schießen energisch in jede Himmelsrichtung. Der blaue Himmel strahlt mit dem futuristischen Art Deco chromblitzender Auto-Heckflossen um die Wette. Die Straßen New Yorks, voller Reklame und Neon, werden zur pulsierenden Filmkulisse für stolze Polizisten und lässige Stadtstreicher, elegante Kirchgängerinnen in Harlem und poppige Fassaden in Coney Island. In Washington dagegen herrscht blanke Ordnung. Sauber und organisiert verwalten Staatsbeamte, schwarze Chauffeure, weiße Sekretärinnen und Militärs das Land.

Frühling | Springtime, Washington 1965 Courtesy Galerie m Bochum © Estate of Evelyn Hofer
Frühling | Springtime, Washington 1965
Courtesy Galerie m Bochum © Estate of Evelyn Hofer
Nur ein Cop gönnt sich auf seinem weißen Motorrad eine Auszeit im Park unter üppiger rosa Blütenpracht, als hätte er sich zufällig aus einem Kenneth Anger Film hierher verirrt.

Ihre Biografie machte Evelyn Hofer (1922 – 2009) zwangsläufig zu einer Grenzgängerin zwischen Alter und Neuer Welt. 1922 ist sie in Marburg geboren. 1933, als Hitler an die Macht kam, nahm der Vater die Familie mit nach Genf und später Madrid. Sie wollte Konzert-Pianistin werden, verwarf aber den Plan, nachdem das Pariser Konservatorium sie abgelehnt hatte, und machte eine Fotolehre in Zürich und Basel. Nach Francos Sieg in Spanien emigrierten die Hofers nach Mexiko, wo sie anfing, professionell zu fotografieren, was dort für eine Frau noch unüblich war. So begann ihre eigentliche Karriere, nachdem sie 1946 nach New York kam und für Harper`s Bazaar arbeitete. Sie befreundete sich mit dem ebenfalls emigrierten Maler Richard Lindner, der ihr, wie sie sagte, »das Sehen beibrachte«; mit dem Künstler und Cartoonisten Saul Steinberg und dem Fotografen Hans Namuth. Seit den frühen 1960ern wurde sie eine der ersten Fotografen, die mit Farbfilm und dem aufwendigen Dye-Transfer-Druck-Verfahren arbeitete, das ihre präzisen Kompositionen in einen samtig schimmernden Hauch von vornehm glühender Farbigkeit hüllt.

Mit einer Auswahl von über 200 Arbeiten zeigt das Münchner Museum Villa Stuck auf drei Etagen zum ersten Mal Hofers vollständiges Werk aus allen Schaffensphasen. Ihr gesamter Nachlass wird von ihrem langjährigen Assistenten Andreas Pauly in München verwaltet. In den 1970er Jahren entstanden fotografische Essays für Magazine wie ›Life‹, das ›New York Times Magazin‹ und ›The London Times‹. In ›Scene of the Crime‹ (1974) erzählen ihre Bilder von der Watergate-Affäre, die Richard Nixon zu Fall brachte. Verlassene Büroräume werden zum Tatort. Das banale Handwerkszeug von Spionen – Telefonabhöranlagen, falsche Zahneinsätze zur Stimmveränderung, eine Perücke, eine Reisetasche mit Wanzen, Kabeln, Batterien und Handlampen – bekommt die geheimnisvolle Aura schicksalhafter Preziosen. Für ›The Eye of the Storm‹ (1975) dokumentierte sie in der nordirischen IRA-Hochburg Crossmaglen den Alltag der Dorfbewohner zwischen Hass und Gewalt. Eine Woche später erschien ›The Long Stretch‹ (1975) über britische Langzeitgefängnisse. Die Zellen sind erstaunlich persönlich eingerichtet: als Kapelle, Strip Show oder Atelier, mit eigenen kleinen Gefangenen im Vogelkäfig.
Ihre Interieurs der ›Villa Medici‹ in Rom (1982) oder ›Diego Riveras Schlafzimmer‹ in Mexiko (1983) sind luxuriöser. Öfter tauchen zwei Stühle auf, mit dem Charakter eines alten Ehepaares. ›Lee Krassners Schuhe‹ in Jackson Pollocks Studio auf Long Island (1988) sind voller Farb-Drippings, als wären sie ein Werk von ihm. Häufig wurde Evelyn Hofer beauftragt, Künstler wie Saul Steinberg (1978), Jean-Michel Basquiat (1985), Andy Warhol (1980) oder Balthus mit seiner Frau Setsuko (1989) zu porträtieren – dessen Arbeiten sie sehr schätzte, der sich aber zu dieser Zeit so gut wie nie fotografieren ließ. Auch andere berühmte Persönlichkeiten wie Sir Alec Guinness (1986), Moshe Dayan (1980) oder den Meisterdieb John MacLean (1980). Ihr Ratschlag war, für ein Porträt immer eine sehr lange Belichtungszeit zu wählen, z.B. eine Sekunde, denn so bekäme man mehr von der Persönlichkeit des Fotografierten ins Bild: »Wir erreichen unsere Konzentration zusammen, und dann passiert etwas.«(E.H.)

Evelyn Hofer Miranda [Richardson], London 1980 Courtesy Galerie m Bochum © Estate of Evelyn Hofer
Evelyn Hofer
Miranda [Richardson], London 1980
Courtesy Galerie m Bochum © Estate of Evelyn Hofer
›Miranda‹ (1980) gehört zu den Porträtserien unbekannter Modelle. Ein Engel im Matrosenlook, zwischen Unschuld und Verführung, blond gelockt und androgyn wie der schöne, junge Tadzio in Luchino Viscontis Film ›Tod in Venedig‹. Die für Viscontis Ästhetik charakteristische verschwenderische Schönheit und Dekadenz ist auch in Evelyn Hofers Bildern. Es ist ihre Form von Respekt, dem anderen und sich selbst gegenüber. Denn, wie sie sagt: »In Wirklichkeit ist alles, was wir Fotografen fotografieren, wir selbst im anderen … die ganze Zeit.« (E.H.) Wunderbar war ihr Lachen, ihre Wachheit und ihr Esprit, ihre jugendliche Fähigkeit zu staunen und sich begeistern zu können, die ihr bis ins hohe Alter blieb. So durfte ich sie kennenlernen, in ihrem Loft im Westbeth in New York. Wenn die warme Spätnachmittags-Sonne über den Hudson River durch die großen Fenster flutete und ihre Geschichten zum Leuchten brachte. Über ihrem Bett hing ein Bildnis von Marcel Proust, des Autors von ›Auf der Suche nach der verlorenen Zeit‹. Und hörte zu.

| SABINE MATTHES

Titelangaben
›Evelyn Hofer, 1922-2009, Retrospektive‹, Museum Villa Stuck, München
Bis 20. September 2015
Zur Ausstellung ist eine Monografie erschienen:

Evelyn Hofer
Göttingen: Steidl Verlag 2105
288 Seiten, 35 Euro
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Titelfoto
Evelyn Hofer
Mädchen mit Fahrrad | Girl with Bicycle, Dublin 1966
Courtesy Galerie m Bochum © Estate of Evelyn Hofer

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