Keine Liebesgeschichte

Jugendbuch | Regina Dürig: 2 ½ Gespenster

Alles an Leo ist anders. Er taucht plötzlich aus dem Nichts auf, isst drei Stücke Mohn-Zitronen-Sahnetorte, ohne zu bezahlen, und gibt nicht nur der 16jährigen Jonna ein Rätsel auf. Von ANDREA WANNER

GespensterCool ist der Typ am Nebentisch, der Kuchen bestellt, obwohl er kein Geld hat. Jonna schätzt ihn auf etwa 19, überlegt, ob er ein Model sein könnte. Enge Jeans, schwarzes T-Shirt und rote Cowboystiefel. Die Situation ist eigentlich nur peinlich, führt zum Streit zwischen Jonnas Eltern, als der gutmütige Vater die Rechnung übernimmt und die Mutter – wie immer – dafür an ihm rummeckert. Nein, die Begegnung steht unter keinem günstigen Stern. Aber Jonna ist fasziniert von Leo. Und diese Faszination wird stärker.

Regina Dürig lässt ihre junge Protagonistin von dieser ersten Liebe berichten. Leo bekommt einen Job in der Druckerei von Jonnas Vater und stellt sich dabei als ebenso geschickt wie unzuverlässig heraus. Jonna wittert ein großes Geheimnis hinter diesem jungen Mann, eine Verletzung, ein Trauma, irgendetwas, hinter das sie kommen möchte. Und Leo? Ist charmant, witzig, verletzend und bleibt ein Rätsel. Der Versuch, diese Gefühle in Worte zu fassen, gelingt Regina Dürig Satz um Satz. Es ist ein zögerndes, langsames Tasten mit ungewöhnlichen Bildern und Vergleichen. Leo passt in kein Schema, er lässt sich nicht fassen. Immer mal wieder gibt er ein Puzzleteil seiner Lebensgeschichte preis. Da ist seine eigentliche Heimat, Albanien. Der Vater, der die Familie verlassen hat, als Leo ganz klein war. Als Leserin ist man nicht weniger neugierig als Jonna – und wie sie hofft man lange darauf, dass es etwas gibt, was Leo helfen kann und ihn in die Lage versetzt, sich zu ändern.

Was sich tatsächlich ändert, ist das Leben rings um Jonna. Die Ehe der Eltern zerbricht, Jonna ändert sich, wird reifer, beginnt, Dinge zu durchschauen. Das, was als sicher galt, wird brüchig und fragwürdig. Die einzige Konstante in all dieser Veränderung bleibt die Unzuverlässigkeit Leos.

In dieser Balance der Ungewissheit hält Dürig die kurze Geschichte bis zum Ende. Und nein, es ist keine Liebesgeschichte. Nur beinahe. Und nicht ohne Grund erhielt Regina Dürig dafür den Peter-Härtling-Preis.

| MAGALI HEISSLER

Titelangaben
Regina Dürig: 2 ½ Gespenster
Weinheim: Beltz & Gelberg 2015. 139 Seiten
12,95 Euro. Jugendbuch ab 14 Jahren
Erwerben Sie dieses Buch bei Osiander

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Voriger Artikel

St Petersburg Calling: An Interview With Monokle

Nächster Artikel

Die Macht freundlicher Worte

Weitere Artikel der Kategorie »Jugendbuch«

Moderne Groteske

Jugendbuch | Erin Jade Lange: Butter    Extremes Schwanken in Liebe und Leiden, extrem in der Figurenzeichnung und der Beschreibung der Lebensbedingungen. Dazu noch die Extreme des Internets – weniger durfte es nicht sein für Erin Jade Langes Debütroman Butter. Herausgekommen ist eine moderne Groteske, ein Roman über ein Ungeheuer, das keines sein will. Und die Folgen. Von MAGALI HEISSLER

Das rare Gut Hoffnung

Jugendbuch | Linda Sue Park: Der lange Weg zum Wasser »Die Hoffnung stirbt zuletzt« ist ein Sätzchen, das man oft hört. Amüsiert, halb ironisch, ein bisschen seufzend, etwa, wenn man beim Bäcker hinter vier anderen Kundinnen anstehen muss, der Bus schreckliche sieben Minuten Verspätung hat oder man auf göttliches Eingreifen bei der Benotung des Biologie-Tests hofft, den man versiebt hat, weil man keine Lust zum Lernen hatte. Es gibt andere Länder, andere Lebenslagen, in denen Hoffnung alles andere ist als ein inflationäres Gut. Linda Sue Park erzählt eine entsetzliche Geschichte, in der Hoffnung rar ist. Von MAGALI HEISSLER

Angekommen

Jugendbuch | Lena Hach: Grüne Gurken Veränderungen im Leben sind nicht immer einfach zu meistern. So hatte Lotte nicht die geringste Lust auf Berlin, ihre neue Heimat. Aber manchmal macht es einem das Leben dann gar nicht so schwer, doch noch anzukommen. Von ANDREA WANNER

Vom Umgang mit psychischen Krankheiten

Jugendbuch | Ava Reed: Alles. Nichts. Und ganz viel dazwischen Das letzte Schuljahr beginnt nach Sommerferien für Leni eigentlich ganz normal. Eigentlich. Denn schon bald ist gar nichts mehr so, wie Leni es kannte. Ost sie nicht mehr so, wie sie sich kannte. Von ANDREA WANNER

Teamspirit

Jugendbuch | Michèle Minelli: Keiner bleibt zurück

Die letzten Schuljahre sind die schwierigsten. Nicht nur inhaltlich und weil es um die Noten geht. Es stehen Entscheidungen an. Das sind klassische Entwicklungsaufgaben, denen sich junge Menschen stellen müssen. Und sie sind verbunden mit Unsicherheiten und Ängsten. Wie so etwas aussehen kann, davon erzählt Michèle Minelli in Ihrem Jugendroman. Von ANDREA WANNER