Ich bin nicht, wer ich bin

Jugendbuch | Alex Gino: George

Ein Junge ist ein Junge, ein Mädchen ein Mädchen, das ist doch keine Frage. Schließlich sieht man es auf den ersten Blick, heißt es. Die Natur allerdings ist weit differenzierter, als dass ein Blick genügte, um ihre Facetten zu erfassen. Ein Junge kann durchaus ein Mädchen sein und ein Mädchen ein Junge. Was in so einem Fall alles passieren kann, erzählt Alex Gino speziell für ein recht junges Publikum. Von MAGALI HEISSLER

Alex Gino - GeorgeWer die Familie sieht, sieht eine Mutter mit zwei Jungen, Scott und George. Fragt man sie, so sagt die Mutter, dass sie zwei Söhne hat und die Jungen, dass sie Brüder sind. Für einen der Jungen aber ist das eine Lüge. Er hat zwar einen Bruder, aber er ist keiner. Er ist eine sie. Sie heißt George, was nur eins ihrer Probleme ist, eins von den kleineren. Einen schönen Mädchennamen für sich hat sie schon gefunden. Leider nennt niemand sie so, weil niemand weiß, was ‚George‘ weiß. Dass sie nämlich weiblich ist. Es ist keine Laune und kein Spiel. In dem Jungenkörper steckt ein Mädchen.

An der Erkenntnis hat ein zehn-, elfjähriges Kind schwer zu tragen, ganz besonders, wenn es weit und breit niemanden zu geben scheint, dem man sich anvertrauen kann. Heimlichkeiten sind an der Tagesordnung, Mädchenzeitschriften, die Sehnsucht nach Mädchenkleidern, die Abwehr des eigenen Körpers, der einfach falsch ist.

Als die Schulklasse ein Theaterstück aufführen soll, ist für »George« die Sache klar. Sie wird die weibliche Hauptrolle spielen. Dann werden alle verstehen, wer sie ist, nämlich weiblich. Doch sie hat nicht damit gerechnet, dass die Geschlechterrollen so fest in den Köpfen verankert sind, dass sie mit ihrem Frontalangriff scheitert. Es bleibt ihr nur eins, sie muss Unterstützung suchen. Dafür böte sich Kelly an, die beste Freundin. Allerdings glaubt auch Kelly, dass ‚George‘ ein Junge ist. ‚George‘ muss über ihren eigenen Schatten springen, eventuell ins Nichts.

Alles andere als einfach

Gino lässt von Anfang an keinen Zweifel daran, dass der kleine Mensch, George gerufen, tatsächlich ein Mädchen ist. Die konsequente Verwendung der weiblichen Pronomina, wenn es um »George« geht, verhindern sofort, dass sich die Vorstellung von einem Jungen im Kopf der Leserin festsetzt. Im Gegenteil hat man ein Mädchen vor sich und muss im Lauf der Seiten die denkerische Leistung, dass den anderen Figuren ein Junge gegenübersteht, selbst erbringen. Das ist eine große Herausforderung für das junge Zielpublikum und Gino kann nur gelobt werden dafür, dass sie es auf diese Weise herausfordert. Was sie erzählt, ist schließlich alles andere als einfach.

Das Theaterstück, das aufgeführt werden soll, ist eine Dramatisierung des Kinderbuchs ›Charlotte und Wilbur‹ von E.B. White. Diese Wahl ist dramatisches Element und zugleich Programm, denn die Geschichte handelt von Verschiedenheit, den Schwierigkeiten von Akzeptanz und dem großen Ziel, dem individuellen Glück. Charlotte, voller Witz und Lebensklugheit, ist eben die Rolle, die George haben möchte. Dass die Sache anders ausgeht, gehört zu den ebenso spannenden wie wesentlichen Elementen – und wird das kleine Publikum ganz sicher fesseln. Die Lösung dieses Konflikts allerdings ist ein wenig zu einfach – und bugsiert Ginos Geschichte bereits in die Wohlfühlwelt, in der es am Ende landet. Obwohl die seelischen Leiden der Hauptfigur überzeugend dargestellt werden, ist der Umstand, dass sich Gino grundsätzlich für den leichteren Ausweg entscheidet, am Ende eher kontraproduktiv. Ein komplexes Thema gerät ins Fahrwasser eines Märchens.

Zu einfach

In dem Bestreben, das Grundproblem der Hauptfigur unzweideutig darzustellen und immer im Mittelpunkt zu behalten, wird die Welt um »George« stark vereinfacht, in Teilen unzulässig. Gino schießt in ihrem vehementen Eintreten für Menschen, die mit dem Widerspruch von Körper und Empfinden fertig werden müssen, weit über das Ziel hinaus. Zuschreibungen wie ‚Junge‘ und ‚Mädchen‘ werden an äußeren Attributen festgemacht in Kleidung wie in Gefühlen. Der ältere Bruder Scott etwa legt ein Verhalten an den Tag, das deutlich macht, warum die Teenagerjahre früher einmal Flegeljahre hießen. Er liebt Ekliges und hält nichts von Hygiene. Mädchen dagegen sind zartbesaitet, mögen Rosa, dafür aber keinen Sport und denken meist an Kleider.

Dass es gesellschaftlich bedingte Zuschreibungen an das Verhalten der Geschlechter gibt, Erwartungen, die erfüllt werden müssen und, das ist wichtig, von Kind auf trainiert werden, fehlt völlig. Nicht nur klassische feministische Erkenntnisse, sondern auch hart erkämpfte Fortschritte in der Akzeptanz homosexueller Menschen werden beiseite gewischt. So erklären einige Figuren der Geschichte, darunter die Mutter, dass sie Schwulsein noch tolerieren könnten, transgender aber nicht. Das wird an keiner Stelle hinterfragt. Homosexualität als das kleinere Übel also, ja, Dankeschön.

Dafür schwenkt die Handlung ab der zweiten Hälfte darauf ein, dass die Hauptfigur ihr ganz persönliches Glück findet. Zukünftige Konflikte werden angedeutet, das ist positiv anzumerken. Das gloriose Ende aber ist ein seliger Tag als Mädchen, in Röckchen und Lipgloss. Dass der Preis für diese Seligkeit eine Lüge und eine grobe Täuschung ist, wird in Kauf genommen. Es muss ja gut ausgehen. Schließlich ist es Buch für Kinder an der Schwelle zur Pubertät.

Die Übersetzung lag in den bewährten Händen von Alexandra Ernst, das Cover leuchtet passend zum Thema in Regenbogenfarben wie das US-Original auch. Schade nur, dass der Pfiff des Originals, nämlich der kleine Gesichtsausschnitt der Hauptfigur im Buchstaben O, fehlt. Deutsche Verlage scheinen immer wieder verurteilt, so manches eben nur halb machen.

Ginos Buch zu empfehlen ist eine zweischneidige Sache. Es behandelt ein Thema, über das dringend gesprochen werden muss, schon mit Kindern. Wie man aber darüber spricht, das ist bei Weitem noch nicht ausgereift. Das Ergebnis ist also keineswegs ›sparkling‹- leuchtend, wie Charlotte, die kluge Spinne, sagt, sondern enthält neben hellen Stellen leider auch einige sehr blinde Flecken.

| MAGALI HEISSLER

Titelangaben
Alex Gino: George
(2015 George, a.d. Amerikanischen übers. von Alexandra Ernst)
205 S. 14,99 Euro
Frankfurt/Main: Fischer 2016
Jungendbuch ab 11 Jahren
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