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Schicksale, die sich kreuzen

Roman | Merle Kröger: Havarie

Nachdem Merle Kröger mit ihrem letzten Roman ›Grenzfall‹ (2012) einen Politthriller vorgelegt hat, dessen Schauplätze sich vor allem in Europas Osten befanden, nimmt sie ihre Leser nun, in ›Havarie‹, mit auf das Mittelmeer. In der kurzen Zeit von knapp 48 Stunden begegnen sich dort vier Schiffe: ein Luxusliner, dessen Passagieren es an nichts fehlt, ein Schlauchboot, dessen Insassen von einer besseren Zukunft in Europa träumen, ein irischer Frachter und ein Schiff der spanischen Seenotrettung aus Cartagena. Von DIETMAR JACOBSEN

KrögerMerle Krögers neuer, ihr vierter Roman, trägt keine Genrebezeichnung. Weder als »Thriller« noch als »Kriminalroman« kommt Havarie daher. Es gibt in ihm keine Polizisten und keine Detektive, weder Spurensuche noch akribische Ermittlungsarbeit. Auch ein Verbrechen im klassischen Sinne sucht man vergebens. Von einem der vier Schiffe, deren Routen sich auf dem Mittelmeer kreuzen, verschwindet zwar über Nacht ein Mann, doch dieser Geschichte ist nur eine von vielen und nicht einmal die wichtigste.

Stattdessen macht der Roman, indem er in knapp zwei Tagen ein gutes Dutzend individueller Schicksale miteinander in Berührung bringt, das aktuelle Dilemma unseres Kontinents transparent. Eines Europas, das von allen Seiten bedrängt wird, an dessen Rändern neue, gefährliche Konflikte auflodern, das mit den Flüchtlingsströmen, die in diesem Teil der Welt das Gelobte Land sehen, nicht fertig wird und untereinander zerstrittener ist, als man das nach außen gemeinhin zuzugeben bereit ist.

Grenzverletzungen

Statt einem einzigen Erzählfaden zu folgen, kommt ›Havarie‹ daher als ein locker miteinander verwobenes Durcheinander von Stimmen. Individuelle Schicksale von Menschen unterschiedlichster Herkunft werden verknüpft, laufen aneinander vorbei wie die Schiffe in jener Nacht oder berühren sich flüchtig – wie das fragile Flüchtlingsboot aus Algerien und der Luxusdampfer mit dem ironisch gewählten Namen »Spirit of Europe«, die fast kollidieren und sich daraufhin stundenlang auf der stürmischen See gegenüberliegen, ohne dass es der Besatzung des Meeresriesen gestattet wäre, die sich in Seenot befindlichen Männer auf dem kleinen Boot an Bord zu nehmen.

Da ist Karim Yacine, der das Schlauchboot steuert. Die Männer, die für ihre illegale Überfahrt teuer bezahlt haben, mussten ihre Pässe verbrennen, um nach der Ankunft an den europäischen Gestaden nicht sofort identifiziert und wieder zurückgeschickt zu werden. Die illegalen und gefährlichen Touren sollen Karim in die Lage versetzen, zusammen mit seiner bereits in Europa lebenden Freundin Zohra ein neues Leben jenseits des Schwarzen Kontinents zu beginnen.

Da ist Lalita Masarangi, die zum Security Team des Luxusliners gehörende Nepalesin, die einen kurzen Moment des Glücks nicht festzuhalten vermag. Da sind ein Erster Offizier aus Asien, ein ukrainischer Ingenieur auf einem irischen Frachter, der spanische Kapitän eines Seenotkreuzers und – unter den Passagieren des Ozeanriesen – eine Deutschjüdin, deren Schicksal an eine andere Flucht, jene der europäischen Juden vor den Gaskammern und Verbrennungsöfen des nationalsozialistischen Deutschlands vor 70 Jahren, gemahnt.

»Spirit of Europe«

All diese Personen bringen ihre eigenen Geschichten mit – Geschichten aus Vergangenheit und Gegenwart, Geschichten von Gewalt und Vertreibung und solche vom Aufbegehren und dem Ringen um ein besseres, menschenwürdigeres Leben. Ob es dabei um den Nordirland-Konflikt geht, die gegenwärtigen Spannungen im Osten der Ukraine oder den in vielen Ländern Nordafrikas und des Nahen Ostens in Chaos, Bürgerkrieg und Terrorismus umschlagenden Arabischen Frühling – Krögers Roman ist mehr als gewöhnliche Spannungsliteratur.

Literarisch souverän verknüpft die 1967 in Plön geborene Schriftstellerin und Drehbuchautorin nahezu sämtliche Problemkreise miteinander, die unsere Gegenwart im zweiten Jahrzehnt des dritten Jahrtausends zu einer des weltweiten Umbruchs machen, eines Umbruchs, der weder an Europa noch an Deutschland spurlos vorbeigehen wird, so sehr sich das mancher auch vielleicht wünscht.

Dass dabei die aktuell eine ganz neue Dimension erreichenden Fluchtbewegungen aus all jenen Teilen des Globus, in denen Krieg und Gewalt ein normales Leben nicht mehr zulassen, zum zentralen Motiv werden, ist sicher kein Zufall. Und auch das Mittelmeer als Wiege der Kultur ist ein gut gewählter Ort für ein Buch, in dem satte Europäer über die Reling ihres Luxusschiffs hinunter auf jene sehen, die ihr Leben riskieren, um dem märchenhaften Glücksversprechen, das für sie Europa bedeutet, ein wenig näherzukommen.

| DIETMAR JACOBSEN

Titelangaben
Merle Kröger: Havarie
Hamburg: Argument Verlag 2015
256 Seiten. 15 Euro
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