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Wiedergeburt einer Kultfigur

Roman | Denise Mina: Die große Hitze

Sieben Philip-Marlowe-Romane hat Raymond Chandler (1888-1959) zwischen 1939 und 1958 veröffentlicht. Und mit deren zentraler Figur einen Charakter geschaffen, den viele seiner Nachfolger als Vorbild für ihre eigenen literarischen Kreationen nutzten. Knallhart (hardboiled), unbestechlich und trotzdem empathisch sowie den Angehörigen der unteren Gesellschaftsschichten mehr zugeneigt als jenen von oben – Marlowe wurde schnell zur Folie für einen Detektivtyp, der bis in unsere Tage Konjunktur hat. Denise Mina hat sich nun mit dem Segen der Nachlassverwalter Raymond Chandlers den Mann selbst noch einmal vorgenommen und ihm – nicht nur als Schottin, sondern auch als erste Frau – einen neuen Fall auf den Leib geschrieben. Und was soll man sagen: Die Geschichte funktioniert und ist in Ton und Detail verblüffend nah am Original. Von DIETMAR JACOBSEN

Verschwundene Frauen aufzuspüren, gehört zu den Kernkompetenzen von Philip Marlowe. Diesmal ist es die Tochter eines millionenschweren kalifornischen Ölmagnaten, die am Abend vor ihrer Verlobung – es ist bereits ihre zweite, aus einer ersten Ehe lebt noch ein kleiner Sohn mit ihr im Haus des Großvaters – von der Bildfläche verschwunden ist. Aber warum beauftragt Chadwick Montgomery, bei dem Geld nicht die geringste Rolle spielt, ausgerechnet einen Mann wie Marlowe mit der Suche nach der verschwundenen Erbin seines Vermögens? Gibt es nicht genug Detektivagenturen rund um L. A., deren Knowhow dem eines – noch dazu, wie es scheint, am Anfang von Montgomerys Auftrag nicht gerade begeisterten – Einzelgängers haushoch überlegen ist?

Die verschwundene Millionenerbin

Schwer ist es jedenfalls nicht für den 64 Jahre nach dem Tod seines Erfinders von der Schottin Denise Mina wieder zum Leben erweckten Philip Marlowe, hinter dem Verschwinden der 22-jährigen Chrissie Montgomery mehr zu wittern, als man ihm bei seinem ersten Besuch in Montgomery Mansion anzuvertrauen bereit ist. Und offensichtlich haben der hinfällige Patriarch der Sippe und seine im Gegensatz zu ihm »fast obszön« gesund wirkende »Privatsekretärin« Anneliese Lyle noch eine zweite Person auf die Suche nach der Abtrünnigen geschickt.

Dass es sich dabei ausgerechnet um die aus dem zweiten Marlowe-Roman Chandlers, Farewell, my Lovely (deutsch in der neuen Übersetzung von Melanie Walz unter dem Titel Lebwohl, mein Liebling beim Züricher Diogenes Verlag erschienen), bekannte Polizistentochter Anne Riordan handelt, die inzwischen einer gut gehenden eigenen Detektei vorsteht, bindet Minas Roman nicht nur an die Originale zurück, sondern verleiht ihm auch durch eine um ein Haar glückende Liebesgeschichte noch eine zusätzliche Dimension.

Die heute in Glasgow lebende Denise Mina hat in verschiedenen Berufen gejobt – u. a. in einer Fleischfabrik und als Krankenpflegerhelferin –, ehe sie nach einem Jurastudium damit begann, Kriminalromane zu schreiben. Aktuell zählt die 60-Jährige zu den profiliertesten Spannungsautorinnen Schottlands. Für ihr Schaffen mit zahlreichen Preisen geehrt, hat sie mit Die große Hitze – 2023 unter dem Titel The second Murderer im englischen Original erschienen – mitten in der Corona-Pandemie viel Zeit mit Raymond Chandlers Privatdetektiv Philip Marlowe verbracht. Herausgekommen ist ein Buch, das es durchaus mit seinen Vorbildern aufnehmen kann: cool im Ton, eher bescheiden im Umfang und – Mina ist sich der Problematik, als Schottin einen L. A.-Roman geschrieben zu haben, der im Jahr 1938 spielt, durchaus bewusst – voller beindruckendem Zeit- und Lokalkolorit. Dass die Nachlassverwalter des großen Raymond Chandler dem vorliegenden Roman ihr Okay gaben und ihn damit in eine Reihe mit Marlowe-Romanen von u.a. Robert B. Parker, John Banville, Lawrence Osborne und Joe Ide stellten, darf man wohl nicht zuletzt als Qualitätsbeweis verstehen.

Die Spur führt in die Welt der Kunst

Marlowe jedenfalls macht sich mehr aus Mitgefühl mit der Verschwundenen – ihr Vater scheint Freude am sadistischen Quälen nicht nur der Tochter zu haben – denn aus Verbundenheit seinem Auftraggeber gegenüber – Chadwick Montgomery gehört zu jener Gesellschaftsschicht, die noch nie gute Karten bei Marlowe hatte – auf den Weg. Und umso eifriger wird er in seinem Bemühen, Licht in einen Fall mit zahlreichen Unwägbarkeiten zu bringen, je mehr er davon überzeugt ist, dass Chrissie Montgomery zurück in den Schoß ihrer Familie zu holen bedeuten würde, die junge Frau einer Gefahr auszusetzen, der sie gerade mit knapper Not entgangen ist.

Schwer zu finden ist die junge Frau jedenfalls nicht – sowohl Marlowe wie auch seine Konkurrentin Riordan haben sie schnell auf ihrem Radar. In einer kleinen Kunstgalerie kümmert sie sich unter neuem Namen um die modernistischen Werke des aus Österreich stammenden jüdischen Künstlers Pavel Viscom. Weil der – seltener Fall von politischer Verblendung in den späten 1930er Jahren – als Nazi-Sympathisant von Gegnern des braunen Terrors erschlagen wurde, verkaufen sich seine bei näherer Betrachtung nicht gerade meisterhaften Bilder sensationell gut. Doch ist der Mann wirklich tot oder will eine taffe Galeristin mit seinen nun als »Nachlass« geltenden Werken nur noch mehr Geld einheimsen? Und wer ist der Mann, der praktisch vor den Augen Chrissie Montgomerys erschossen wird, was die naive junge Frau in große Gefahr bringt?

Chandleresk bis ins Detail

Die große Hitze ist ein Post-Chandler-Roman, in den Denise Mina viel Chandler gepackt hat. Das beginnt beim Plot und endet noch lange nicht bei den präzisen und atmosphärestarken Ortsbeschreibungen einer genau recherchierten Pazifikmetropole vor fast einhundert Jahren – Mina hatte zwar eine Reise nach Los Angeles aus Recherchegründen geplant, ließ sich von dem Romanprojekt aber auch nicht abbringen, als die Corona-Pandemie ihr einen Strich durch diese Rechnung machte.

Vor allem freilich ist es die Sprache mit ihrem wunderbar chandleresken Touch – ebenso feinfühlig wie gekonnt ins Deutsche übertragen von der soeben mit dem Ehren-Glauser ausgezeichneten Ariadne-Herausgeberin Else Laudan –, die Denise Minas Thriller so eng wie keinen seiner Vorgänger mit dem Kosmos der Originalromane verbindet. Marlowes Laxheit, mit der er den Dingen auf den Leib rückt, die Coolness seiner metaphernsatten, vor trockenem Humor geradezu überquellenden Sätze – Denise Mina hat sie nicht nur studiert, sondern nahezu deckungsgleich umgesetzt. Und wenn selbst nur ephemer ins Geschehen eingreifende Nebenfiguren wie etwa eine Vermieterin oder eine trinkfreudige Galeristin in ihrer Geschichte auftreten – Denise Minas Feder gibt ihnen genau jenen individuellen Anstrich, der sie alle unverwechselbar werden lässt. Dass das besonders für die Frauenfiguren des Romans gilt, die jenen von Chandler in puncto Selbstbewusstsein  eine ganze Menge voraus haben, sollte niemand, der das bisherige Werk dieser Autorin verfolgt hat, verwundern.

| DIETMAR JACOBSEN

Titelangaben
Denise Mina: Die große Hitze. Ein Philip-Marlowe-Roman
Deutsch von Else Laudan
Hamburg: Argument Verlag 2026
304 Seiten. 24 Euro
| Erwerben Sie diesen Band portofrei bei Osiander

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