Wenn Tugend und Humanismus die Oberhand gewinnen

Bühne | Bertolt Brechts ›Mutter Courage und ihre Kinder‹

Krieg und Gewalt sind Themen, die nicht nur stets die Gesellschaften bewegen, wie aktuell die Flüchtlingskrise oder die Anschläge in Paris. Krieg und was sie daraus macht, was sie moralisch bewegt und wie das die Leichen ihrer Kinder übersteigt, sind Themen, die auch Anna Fierling, genannt ›Mutter Courage‹, beschäftigen. Habgier versus Mutterliebe, Profit auf Kosten aller und besonders der Familie – Bertolt Brechts Werk ›Mutter Courage und ihre Kinder‹ (Uraufführung als ›Chronik aus dem Dreißigjährigen Krieg‹ im Jahre 1941 am Zürcher Schauspielhaus, mit späterer Nachbearbeitung) feierte in einer Koproduktion mit den Pfalzbau Bühnen Ludwigshafen Premiere in Pforzheim und überzeugte – wenn auch gerade nicht durch die Hauptrolle. Von JENNIFER WARZECHA

Abb: Sabine Haymann
Abb: Sabine Haymann
Obwohl das Stück selbst in der Literatur- und Theatergeschichte als eines der Klassiker gilt, wagte man sich in Pforzheim schon länger nicht mehr an Brecht heran. Möglicherweise liegt das daran, dass Brechts Stücke zwar größtenteils bekannt, dramaturgisch gesehen aber sehr anspruchsvoll sind. Das liegt zum einen an Brechts Anspruch des Epischen Theaters, mithilfe dessen er durch teils multimediale Elemente den Zuschauer nicht nur ins Geschehen miteinbezieht, sondern zugleich an dessen Moral und Menschenverstand appelliert. Gerade angesichts der Kriege in Afghanistan, Syrien, dem Irak und besonders der Anschläge in Paris wird das Stück aktueller, als man zunächst glauben möchte. Intendant Thomas Münstermann erwähnt die Anschläge eingangs, spricht sein Bedauern aus, betont aber auch, dass man an diesem Abend eben gerade deshalb Theater spiele, um das Missfallen gegenüber der gerade in Paris ausgedrückten Unkultur zu demonstrieren.

»Demonstration« ist ein gutes Stichwort, denn entgegen den Erwartungen ist es nicht die ›Mutter Courage‹ (in ihrer Rolle überzeugend, aufs ganze Stück bezogen aber lückenhaft, weil nicht über ihre Rolle hinausdeutend: Joanne Gläsel), die bezogen auf die Botschaft des Stückes überzeugt. Es ist ihre stumme Tochter Kattrin (vollauf überzeugend und durch ihre Tugendhaftigkeit sympathisch: Konstanze Fischer), die einerseits die Brechtschen Normen erfüllt, aber auch gerade durch ihre Tugendhaftigkeit überzeugt. Dabei spricht die Überlegenheit des Krieges zunächst einmal Bände. Mutter Courage betont im Gespräch mit dem Feldwebel (witzig und dennoch ernst zu nehmen: Tobias Bode) oder dem Feldprediger (dogmatisch und überzeugend: Hanns Jörg Krumpholz) immer wieder, wie viel ihr der Krieg einbrächte dank der Ware in ihrem Wagen – es sind vor allem bunte Pullover, die immer wieder den Bühnenboden säumen. Gerade diese nimmt Kattrin wie als Zeichen des Appells und der Anklage immer wieder an sich. Einmal zieht sie mehrere bunte Pullover übereinander an. Es scheint, als vermöge sie sich ein dickeres Fell zu verschaffen.

Die stumme Kattrin wird zur eigentlichen Heldin des Stückes

Eines, mithilfe dessen sie besser die aktuelle Situation, den Krieg, überstehen, ja geradezu ertragen, kann. Eine Situation, aufgrund derer Kattrin überhaupt erst stumm geworden ist, wie es die Sekundärliteratur andeutet.

Abb: Sabine Haymann
Abb: Sabine Haymann
Was ist nun dran an der Mutter Courage, die am Ende weder Courage, also »Mut« wie es die Übersetzung verrät, besitzt, noch überzeugende Mutterliebe in sich trägt? Als Mutter merkt sie stellenweise sogar, was ihre Tochter beschäftigt. Zum Beispiel dann, als Kattrin mit einem verletzten Auge vom Botengang für ihre Mutter zurückkehrt. Ein jämmerlicher Anblick ist es, als sie sich immer wieder mit schmerzerfülltem Gesicht an den Unterleib fasst und sich die vermeintlichen Blutspuren mit einem weißen Tuch abtupft. Mit kummervollem Blick quittiert die Courage gegenüber dem Feldprediger die Szene mit dem Satz »Die ist doch schon kaputt. Die kriegt keinen Mann mehr.« Bezeichnenderweise widerspricht gerade die nachfolgende Szene diesem spontan von der Courage geäußerten Mitgefühl. Heroisch, vom Feldprediger als die Courage »auf der Höhe ihrer Macht stehend« bezeichnet, fährt sie zusammen mit den übrigen Darstellern, in Gold ummantelt, auf dem Wagen in den hinteren Teil der Bühne zurück. Kattrin wiederum zeigt Abwehr gegenüber dem habgierigen Verhalten ihrer Mutter. In einer der Szenen nimmt sie einen schwarzen Stock und geht, ihr Schläge androhend, auf die Courage los. Es ist eine der ausdrucksstarken Szenen, die zeigt, was in der Figur Kattrin und in der Schauspielerin selbst stecken. Mit langen, zum Zopf geflochtenen blonden Haaren und bieder wirkendem Matrosenkleid, kommt sie zunächst naiv daher. So naiv, dass selbst der Feldprediger sie als regelrechten Wonneproppen bezeichnet. Gerade Kattrin ist es aber, die nicht nur ihrer Mutter gegenüber rebelliert.

Überzeugende Botschaft: Krieg ist kein Normalzustand und nicht gut für jedermann

Dem Koch, der ihrer Mutter gegenüber Anstalten macht, sagt sie genauso ihre Meinung und hält demonstrativ das Plakat mit dem Wort »Arschloch« mit entsprechendem Pfeil, hin zur Person, hoch. Dieser verweisende Charakter passt in Brechts episches und multimedial verweisendes Theaterkonzept. Zum moralischen und zugleich aktuellen Appell wird auch das nächste Plakat mit dem Satz »Im Boot ist noch Platz.« Nicht nur dieser nimmt Bezug zur aktuellen Flüchtlingskrise. Auch Mutter Courage selbst kommentiert sie und bemerkt, dass Bundeskanzlerin Merkel diese ja auch nicht allein in den Händen habe

Abb: Sabine Haymann
Abb: Sabine Haymann
Was aber an der Figur Kattrin und an der Schauspielerin Konstanze Fischer überzeugt, ist gerade diese aus der Naivität resultierende Einfachheit, dank derer sie sich gegen Ende des Stückes hin selbstbewusst an den vorderen Rand der Bühne stellt und eben nicht die Klappe hält, sondern ihren Überdruss der Lage und ihren Protest hinausschreit. Obwohl sie währenddessen als »Vieh« bezeichnet und gedemütigt wird, beginnt sie auf einmal zu reden und kritisiert die im ganzen Stück durchscheinende und durch Brechts episches Theater moralisierend durchleuchtende Liebe zu Macht und Kriegsgeschehen, durch die ihre Mutter sich zu bereichern versucht. Kühn und tapfer mit zugleich hoffnungsvollem und verzweifeltem Blick steht sie da und erzählt, wie Kinder Frieden lieben und wie sie selbst ihn liebt. Wie normal der Zustand des Friedens ist und wie unnormal zugleich der des Krieges. Nicht nur das erntet den tosenden Beifall des Publikums im fast bis auf den letzten Platz besetzten Großen Haus des Theaters. Auch der Feldprediger (gesittet und zugleich restriktiv-überzeugend: Hanns Jörg Krumpholz) überzeugt durch seine das Stück strukturierende Art. Er schwenkt immer wieder die Fahne und kündigt im epischen Sinne das nächste Geschehen an.

Sympathisch und genauso ins Brechtsche Konzept passend ist der Einbezug des Publikums, der auch bei diesem selbst gut ankommt. Dann, wenn die Courage einen Herrn im Publikum anspricht, ihm einen Gutschein zeigt und ihm anbietet, sich bei ihr bessere Kleidung zu kaufen. Dann, wenn sie entsprechende Gutscheine verteilt oder dann, wenn Kattrin ins Publikum geht und Vorräte verteilt, die ihre Mutter anschließend gleich wieder einsammelt.

Wie aktuell aber ist Brecht heute? Der sich für die Inszenierung und für den Pfalzbau Bühnen Ludwigshafen verantwortlich zeichnende Tilman Gersch (unter Mitarbeit seiner Referentin Barbara Wendland) betont vorab, dass nicht der geschichtliche Hintergrund des Dreißigjährigen Krieges und der Krieg an sich im Vordergrund stehen, sondern die Differenz zwischen moralischem Ansinnen und tatsächlichem Tun.

Abb: Sabine Haymann
Abb: Sabine Haymann
Gerade dies leisten die Schauspieler auf geradezu perfekte Weise. Zusammen mit Bühnenbild (Bühnenbau und Kostüme: Andreas Auerbach), das die Härte des Krieges gerade durch den übergroßen Kastenwagen ausdrückt, und der perfekt untermalenden Musik und des Zusammenspiels von Violine (Anna-Maria Barth), Trompete (David Sasowski), Gitarre (Heiko Mall), Schlagzeug (René Lotz) sowie Wanzenklavier und Harmonium (Frank Rosenberger) wird die Parabel zur perfekt modern inszenierten Darstellungsweise, wie sie Brecht nicht besser hätte gestalten können. Und: Entgegen vieler anderer Inszenierungen kommt die Gestaltung der Mutter Courage dem gleich, wie sich Brecht sie gedacht hat, gerade nicht als Vorbildfigur, wie es der Begriff »Courage« suggerieren könnte, sondern als Warnung vor der Habgier des Menschen an sich.
Man darf auf weitere Produktionen des Stadttheaters Pforzheims und der des Pfalzbaus Bühnen Ludwigshafen, wie sie angedacht sind, gespannt sein.

| JENNIFER WARZECHA

Titelangaben
Bertolt Brechts ›Mutter Courage und ihre Kinder‹; Stadttheater Pforzheim
Inszenierung — Tilman Gersch
Musikalische Leitung — Frank Rosenberger
Bühnenbild und Kostüme — Andreas Auerbach
Dramaturgie — Peter Oppermann / Barbara Wendland
Besetzung:
Mutter Courage — Joanne Gläsel
Kattrin, ihre stumme Tochter — Konstanze Fischer
Eilif, der ältere Sohn — Sergej Gößner

Termine
Donnerstag, 19.11.2015, Beginn: 20:00
Dienstag, 24.11.2015, Beginn: 20:00
Mittwoch, 25.11.2015, Beginn: 20:00
Donnerstag, 03.12.2015, Beginn: 20:00
Samstag, 19.12.2015, Beginn: 19:30
Mittwoch, 30.12.2015, Beginn: 20:00
Dienstag, 05.01.2016, Beginn: 20:00
Sonntag, 10.01.2016, Beginn: 19:00
Freitag, 15.01.2016, Beginn: 19:30
Samstag, 13.02.2016, Beginn: 19:30
Freitag, 26.02.2016, Beginn: 19:30

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