Zittern

Lite Ratur | Wolf Senff

 
Mehr verlange ich ja nicht, ich will ja nur, dass das Zittern aufhört, verstehen Sie, ein unmerkliches Zittern, das man nicht spürt, nein, unmerklich, das sagte ich doch.
 

Abb: Philld
Abb: Philld
Das Zittern ist da, ich weiß das. Da ist es eine Qual, verstehen Sie, ihm ausgeliefert zu sein. Es lauert auf seinen Einsatz, dann ist es plötzlich da, man weiß es liegt auf der Lauer, verstehen Sie das doch, jederzeit. Besonders in stillen Momenten ist die Drohung präsent, sie hat mich so verändert, dass ich mich kaum wiedererkenne.
 
Oft meine ich kurz davor zu sein, dass es sich bemerkbar macht, als Zittern eben. Bei Stille zum Beispiel. Wie jetzt, während ich im Foyer sitze und darauf warte, dass ich zum Kino eingelassen werde, natürlich nicht ich allein, sondern all die Leute, mit denen ich hier warte.
 
Es ist relativ voll, die Vorstellung wird ausverkauft sein, überhaupt ist es ein schräges Kino mit einem Saal als Remake der Fünfziger im zweiten Untergeschoss. Ich habe am Rand einen Stuhl gefunden, so ein Glück. Trotz des Stimmengewirrs habe ich das Gefühl, dass Ruhe einkehrt, also für mich, verstehen Sie.
 
Die Vielfalt der Stimmen ist erstaunlich. Menschen, wenn man sie so unbefangen sieht, so durcheinander, sind faszinierende Geschöpfe, liebenswert. Es handelt sich um einen taiwanesischen Film, einen Martial-Arts-Film, zurückhaltend inszeniert, in einer Szene kommen die Kontrahenten drauf, dass sie einander gleichwertig sind, und stellen den Zweikampf ein, in einer anderen boykottiert der Protagonist, weiblich, seinen Tötungsauftrag. Das provoziert, nicht wahr, es ist die innovative Masche, nennen Sie das gern Post-Martial-Art. Einem Regisseur fällt halt kaum Neues ein in einem Genre, das sich überlebt hat, und weiblicher Protagonist ist schon mal lobenswert, mit dem Western verhält es sich nicht anders.
 
Einzelne Stimmen, ich nehme an, die taiwanesischen, heben sich ab von dem allgemeinen Gemurmel, sie klingen entschieden und spitz, kein Wort ist zu verstehen, es wird eh taiwanesisch sein, ich nehme das am Rande wahr, ich bin ruhig und warte, dass das Zittern bemerkbar wird, es steht unmittelbar bevor, es steht immer unmittelbar bevor. Sobald ich es zu spüren meine, sobald ich ganz nah dran bin, kommt das Gefühl auf, dass es sich abschwächt, es ist jedes Mal dasselbe und ist unfassbar beharrlich präsent.
 
Es handelt sich um ein nicht vorhandenes Zittern, verstehen Sie, genau das macht es zu diesem Problem.
 
Dass ein Regisseur die Klischees zu überwinden trachtet, und zwar unabhängig vom Realitätsgehalt, ist ein Last-minute-Effekt, das Genre röchelt, doch immerhin gewann er dafür einen Preis aufgrund bester Regie, ich glaube in Cannes. Eine Frau als Auftragskiller, sie mordet nicht mit dem Schwert, sondern mit einem Krummdolch, China im neunten Jahrhundert, ihre Opfer sind Feinde der regierenden Tang-Dynastie. Der Schluss ist unblutig inszeniert als Happy-End, crossover, eine Prise Pilcher, dass gar niemand etwas vermisst.
 
Stimmt, ich nehme den Film vorweg. Das ist, wie Sie einwenden werden, rein praktisch gesehen unmöglich für einen, der im Foyer auf Einlass wartet, doch Sie sehen ja, dass es funktioniert.
 
Er hat Längen, er hat viele stille Momente, er gefällt. Ich verstehe die Leute nicht, die noch während des Hauptfilms Bier trinken oder Schokoriegel geräuschvoll auswickeln und verzehren, sie ahnen nicht einmal, dass sie stören. Ich gehe eh schon konsequent nicht in die Erstaufführungshäuser, wo stinkendes Popcorn verkauft wird. In einem Programmkino möchte man einen Film genießen, verstehen Sie. Nein, während des Films beschäftigte mich das Zittern nicht, aber ich kann ja schließlich nicht endlos Filme sehen, um meine beunruhigenden Gedanken an das Zittern zu vertreiben.
 
Lange Zeit war ich der Ansicht, es sei Kälte, die unterschwellig Stellung bezieht. Neuerdings treibt mich der Gedanke um, dass es sich gar nicht um ein bedrohliches Zittern handelt, sondern um ein zartes Geräusch wie von frühsommerlich leichtem Laub, während der Wind die Wipfel berührt, Sie verstehen, es wäre eine veränderte Wahrnehmung von beträchtlicher Tragweite.

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