Der Weihnachtscountdown läuft

Kinderbuch | Y. Hergane: 1,2,3 … ein Sack voller Knöpfe / H. Motai: Tausend Millionen Weihnachtsmänner

Nur noch wenige Tage bis zum Fest. Da kommen kritische Fragen – Wie schafft der Weihnachtsmann das denn alles überhaupt? – und die Wartezeit wird lang. Für beides gibt es Abhilfe, meint ANDREA WANNER

U_5826_1A_SACK_VOLLER_KNOEPFE.IND75Eigentlich ist es kurz vor Heiligabend für Adventskalender schon zu spät. Die Knopfzählerei, die Sabine Lohf und Yvonne Hergane in ihrem Pappbilderbuch veranstalten, passt trotzdem noch. An der täglich steigenden Zahl der Knöpfe sieht man so wunderbar anschaulich, wie lange es noch dauert bis Weihnachten endlich da ist. Auf 24 Doppelseiten finden sich vergnügliche Szenen rund um die Weihnachtszeit. Alle sind aus Stoff und Filz gestaltet, als i-Tüpfelchen spielen die Knöpfe eine zentrale Rolle. Jeden Tag wird es einer mehr. Am 1. Dezember wird ein pinkfarbenener Dreiecksknopf zur Katzennase, zwei rote Knöpfe übernehmen am 2. Dezember die Funktion von Rädern am Puppenwagen, am 3. Dezember sorgen gelbe Knöpfchen in den Engelsglocken für das „Ding, dong, dang“. Knöpfe werden zu Blüten am Blumenstrauß, zu Augenklappen von verwegenen Piraten, zu Sternen am Himmel und zur bunten Knopfgirlande im Schweinestall, damit es die Schweinebande auch weihnachtlich hat. Dazu gibt es munter gereimte Zweizeiler. Also: her mit der Knopfkiste, wenn wir bis 24 gezählt haben, ist es endlich soweit.

Bleibt die Frage, wie der Weihnachtsmann das alles auf die Reihe kriegen soll. Skeptische Kinder wollen daher schon gar nicht mehr an ihn glauben. So ein Quatsch, finden Hiroko Motai und Marika Maijala und erklären, wie es funktioniert. Um das zu verstehen, muss man allerdings nicht nur bis 24 zählen können, sondern ein ganzes Stück weiter. Genauer gesagt bis Tausend Millionen. Denn so viele Weihnachtsmänner gibt es.

1000WeihnachtsmännerAber der Reihe nach. Natürlich hat alles mit einem Weihnachtsmann begonnen, der die Geschenke zu den Kindern brachte. Das war machbar in einer Zeit, in der es wenige Menschen und dementsprechend auch nur wenige Kinder auf der Welt gab. Als es mehr Menschen wurden, schaffte es der Weihnachtsmann irgendwann nicht mehr und bat den lieben Gott ihn zu verdoppeln. Sein Wunsch wurde erfüllt, allerdings mit der Folge, dass die beiden Weihnachtsmänner, die es dann gab, nur noch halb so groß waren wie der Ursprungsweihnachtsmann. Aus den zweien wurden wunschgemäß an das Bevölkerungswachstum angepasst vier und aus den vieren wurde – eine Million. Aber auch damit war das Ende noch nicht erreicht: Tausend Millionen sind zwischenzeitlich notwendig, um das Weihnachtsgeschäft in den Griff zu kriegen. Da gibt es ein großes Problem: man kann sich vorstellen, wie winzig die Kerlchen zwischenzeitlich sind. Normalgroße Geschenke können sie längst nicht mehr tragen. Und so haben sie sich etwas anderes einfallen lassen. Sie schlüpfen in die Ohren der Erwachsenen und sagen denen genau, was sie tun sollen. Und die folgen brav, organisieren Geschenke, verstecken sie in der Vorweihnachtszeit und packen sie dann rechtzeitig zum Fest unter den Baum. Alles klar?

Mit wunderbarer Logik entwickelt das japanisch-finnische Bilderbuchduo die Geschichte. Begleitet wird sie von den originellen Illustrationen der finnischen Illustratorin Marika Maijala. Ihre Wachstiftbilder sind auf den ersten Blick kindlich naiv, und beweisen beim genaueren Hinschauen in ihrer reduzierten Formensprache eine künstlerische Meisterschaft. Witzig bedeuten die auftauchenden Dreiecksformen je nach Farbe Unterschiedliches: in Rot sind es die Weihnachtsmannmützen, später die winzigen Weihnachtsmänner selbst, in Grün die Tannenbäume, die als große, grüne Pyramide für Gott selbst stehen und in winterlichem Grau mit Schneeflocken werden sie zur mehrdeutigen Form, die Spielräume der Interpretation lässt. Wunderschön, schlicht und voller Weihnachtsstimmung.

So, alles geklärt. Weihnachten kann kommen.

| ANDREA WANNER

Titelangaben
Yvonne Hergane: 1,2,3 … ein Sack voller Knöpfe
Mit Illustrationen von Sabine Lohf
Hildesheim: Gerstenberg 2015
48 Seiten. 9,95 Euro
Bilderbuch ab 3 Jahren
| Erwerben Sie dieses Buch bei Osiander

Hiroko Motai: Tausend Millionen Weihnachtsmänner
(Miljoner biljoner Julgubbar, 2014. Aus dem Englischen von Anu Stohner)
Mit Illustrationen von Marika Maijala
Frankfurt: S. Fischer 2015
40 Seiten, 14,99 Euro
Bilderbuch ab 5 Jahren
| Erwerben Sie dieses Buch bei Osiander

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Voriger Artikel

Von oben betrachtet

Nächster Artikel

Not eines Kritikers

Weitere Artikel der Kategorie »Kinderbuch«

Hilfe gegen nächtliche Schrecken

Kinderbuch | Ben Furman: Antons Albtraum

Wiederkehrende Albträume sind etwas Schreckliches. Wenn sie einen Nacht für Nacht plagen, mag man schon gar nicht mehr ins Bett und schlafen. Diese Erfahrung macht auch Anton. Von ANDREA WANNER

Ein Blick über den Tellerrand nach Amazonien

Kinderbuch | Eymard Toledo: Kayabu. Eine Geschichte aus Amazonien

Amazonien, wo die Geschichte spielt, umfasst neun Länder: Brasilien, Bolivien, Peru, Ekuador, Kolumbien, Venezuela, Guyana, Surinam und Französisch-Guayana. Der Amazonas – eine Heimat für Menschen. Rund 320 unterschiedliche indigene Bevölkerungsgruppen leben hier häufig noch auf sehr traditionelle Art. Zu einer von ihnen, deren Existenz durch Abholzung, Brandrodung und andere schwerwiegende Eingriffe bedroht ist, gehört Kayabu. Von ANDREA WANNER

Viele Fragen – und unerwartete Antworten

Kinderbuch | Stefanie Höfler: Mein Sommer mit Mucks

Eigentlich weiß Zonja (mit Z und eben nicht Sonja) schon genau, wie ihr Sommer aussehen wird. Sie wird ins Freibad gehen und Leute beobachten. Fragen stellen und den Dingen auf den Grund gehen ist genau ihr Ding. Aber dann wird dieser Sommer ganz anders. Von ANDREA WANNER

Vom Sinn des Daseins

Kinderbuch | Ragnar Aalbu: Herrn Specht geht’s schlecht

Herr Specht bekommt ärztlich Kopf- und Flugverbot verordnet, um seine angegriffene Gesundheit – er leidet unter Kopfschmerz und Schwindel – nicht weiter zu gefährden. Aber was bleibt einem Specht, wenn weder hämmern noch durch die Luft segeln darf? Herr Specht steckt in einer Sinnkrise. Von ANDREA WANNER

Trübe Aussichten?

Kinderbuch | Natalie Standiford: Ein Baum voller Geheimnisse Wenn die Kindheit endet, beginnt der Ernst des Lebens, sagt man. Das klingt nicht gut. Muss ein Kind tatsächlich eines Tages auf alles verzichten, was Spaß macht? Darf nichts mehr unbeschwert und lustig sein? Das sind ja trübe Aussichten. Oder vielleicht doch nicht? Die US-amerikanische Autorin Natalie Standiford hat dazu eine sehr spannende Geschichte geschrieben. Von MAGALI HEISSLER