Not eines Kritikers

Roman | Volker Hage: Die freie Liebe

»Ich habe ja lange gewartet und bin eigentlich auch ganz froh, jetzt erst, nachdem ich als Literaturredakteur aufgehört habe, mit diesem Buch herauszukommen. Es ist ein Buch, an dem ich viele Jahre geschrieben habe«, bekannte Volker Hage, einst Reich-Ranicki-Schüler bei der ›FAZ‹, später bei ›ZEIT‹ und ›SPIEGEL‹ einer der einflussreichsten deutschsprachigen Literaturkritiker, über seinen Romanerstling ›Die freie Liebe‹. Von PETER MOHR

Hage freie LiebeIn Tagebuchform lässt der 65-jährige Volker Hage eine wichtige Lebensetappe seines jungen Protagonisten Wolfgang Revue passieren, der Anfang der 1970er Jahre als Student aus Norddeutschland nach München kommt und in eine WG einzieht. Die Aufzeichnungen des Anfangzwanzigers sind mit vielen zeitgeschichtlichen Tupfern versehen – das Olympia-Attentat von München, die Terroranschläge der Baader-Meinhof-Gruppe, die politische Auseinandersetzung um Vietnam, der revolutionäre Atem der Studentenbewegung, eine allgegenwärtige Aufbruchstimmung, die bis in die private Sphäre reichte.

Wolfgang, überzeugter ›FAZ‹-Leser, trifft in der Wohngemeinschaft auf Larissa und Andreas, die nicht nur ein Paar, sondern offiziell verlobt sind. Mit den Klischees aus der Zeit der frühen 1970er Jahre räumt Volker Hage bewusst auf. Es kommt zwar, wie es zu erwarten war, dass sich nämlich Wolfgang und die eigentlich liierte Larissa in eine heiße Affäre stürzen, doch von »freier Liebe« kann keine Rede sein. Für Wolf wird die Beziehung zur Obsession.

Volker Hage versteckt sich als Erzähler hinter seinem jugendlichen Protagonisten, hinter dessen beinahe kindliche Naivität und seine Unerfahrenheit im Umgang mit dem weiblichen Geschlecht. Genau dieser Tatsache ist es geschuldet, dass die Sprache bisweilen hölzern und ziemlich unbeholfen daher kommt: »So etwas Schönes hatte ich noch nie gesehen, ihre dunkle Haut, ihr schmaler Körper, große Brüste, pechschwarzes Schamhaar. Alles im Kerzenlicht.«

Dieser erfahrene Literat scheut sich nicht, immer wieder Bezug zu nehmen auf Goethe, Tschechow und den großen Regisseur François Truffaut und deren weltberühmte Darstellungen tragischer Dreierbeziehungen. Hage vermischt erzählende Tagebuchaufzeichnungen und essayistische Reflexionen über Literatur und Erinnerungen. Am Ende treffen sich Wolf und Andreas, der ein erfolgreicher Schauspieler geworden ist, nach mehr als dreißig Jahren im Theater wieder – am Rande einer Aufführung von Max Frischs ›Biografie‹.

Die großen Schriftsteller Martin Walser, John Updike und Philip Roth sind nach der Jahrtausendwende (ob berechtigt oder nicht, sei dahin gestellt) alle samt irgendwann der kitschigen Altmänner-Erotik bezichtigt worden. Volker Hage paddelt dagegen brav an der Oberfläche des erotischen Stroms, weicht geschickt den tückischen Strudeln aus, die ihn in die Untiefen des erotischen Kitsches hätten hinabziehen können.

Drastik und Radikalität, tollkühne Verwegenheit, künstlerischer (Über)-Mut sind nicht seine Sachen. Vor allem aber unterscheidet sich Volker Hages Erstling von anderen literarischen Werken über diese Zeit darin, dass hier nicht pathetisch glorifiziert wird. Im Gegenteil: Seine Darstellung der Zeit hat einen entzaubernden Grundtenor. Seine (vermeintlich) emanzipierten und weltoffenen jugendlichen Figuren sind in ihrem tiefsten Innern beinahe spießiger als die von ihnen verteufelte Elterngeneration. Von wegen »freie Liebe«, die Eifersucht ist in der Wohngemeinschaft omnipräsent.

Innovative Impulse für die Erzählliteratur präsentiert der versierte Volker Hage (bei allem Respekt) nicht, dennoch hebt sich sein Debütwerk wohltuend aus der grauen Masse an Neuerscheinungen ab – sowohl sprachlich als auch von der formalen Konstruktion. Bisher das interessanteste Stück Literaten-Literatur des Jahres.

| PETER MOHR

Titelangabe
Volker Hage: Die freie Liebe
München: Luchterhand Verlag 2015
159 Seiten. 16,99 Euro
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