Wann ist ein Roman ein Roman?

Roman | Clemens J. Setz: Die Stunde zwischen Frau und Gitarre

Clemens J. Setz legt mit seinem neuesten Buch Die Stunde zwischen Frau und Gitarre – erschienen im Suhrkamp Verlag – einen Text vor, der die Bezeichnung Roman zurecht trägt. Wer sich in den kommenden Tagen aus dem Besinnlichkeitstrubel zwischen Gans und schwiegerelterlichem Smalltalk ausklinken möchte, findet in diesem gewaltigen Band österreichischer Literatur genau den richtigen Ausweg. Das Buch des Jahres 2015 – findet HUBERT HOLZMANN

setz
Es ist wieder einmal ein Schriftsteller aus Graz, diesmal der 1982 geborene Clemens J. Setz, der ein Meisterwerk dieser Gattung vorlegt. Denn was Setz in seiner Die Stunde zwischen Frau und Gitarre erzählt, kann durchaus in einer Reihe stehen mit den ganz Großen der neueren österreichischen Literatur wie Peter Handke, Gerhard Roth, Thomas Glavinic. Dabei ist es auch bei ihm nicht die Story, die eine epische Breite verlangt, sondern eher die bedingungslose Erforschung und das Ausbreiten des sichtbaren und unsichtbaren Beziehungsgeflechts zwischen den Menschen.

Die eigentliche Story von Setz’ Stunde ist dabei eigentlich ziemlich schnell erzählt. Eine junge Frau, Natalie Reinegger, arbeitet in einem Wohnheim für Behinderte und ist dort die persönliche Betreuerin von Alexander Dorm, der an den Rollstuhl gefesselt ist. Dorn ist ein extrem schwieriger Mensch, unberechenbar, jähzornig, aber auch durchaus wehleidig und in Selbstmitleid versunken. Dieser Rollifahrer erhält regelmäßig Besuche von Christopher Hollberg, dessen Leben Dorm zerstört hat. Dieser hat Hollberg als Stalker hartnäckig verfolgt und umworben und damit dessen Frau bis in den Selbstmord getrieben.

Nur ein Stalker liebt bedingungslos

Diese regelmäßigen Besuche des Opfers beim Täter sind natürlich verstörend. Die Konstellation und Beziehung mehr als seltsam. Was kann hier noch Liebe genannt werden? Ist es nicht ein Geflecht aus extremer Abhängigkeit bzw. beinahe sado-masochistischer Quälerei? Natalie versucht, hinter das Geheimnis dieser Beziehung zu kommen und stößt dabei nach und nach auf ein unheimliches Spiel von gnadenloser Manipulation und abgründiger Rache. Soweit der Plot.

Natalie gerät als Betreuerin Dorms mitten in dieses Getriebe der seltsamen Zweierbeziehung. Sie selbst verhält sich dabei ebenfalls nicht immer ganz harmlos. Denn sie versucht durchaus bewusst, beide Männer zu erklärenden Reaktionen zu verleiten. Und auch Natalie erweist sich gleich zu Beginn des Romans als eher schwierige Person. Der Roman beginnt in dem Moment, als sich Natalie von ihrem Freund Markus getrennt hat, der ihre Sensibilität und »Spürigkeit« kaum aushalten kann. Er lässt sich zwar auf ihre Spiele und ihre Gedankenwelt ein, verliert dadurch aber sein eigenes Leben. Der Bruch ist nachvollziehbar.

Autonomous Sensory Meridian Response = ASMR

Natalies Persönlichkeit ist durchaus gebrochen. Die epileptischen Anfälle in ihrer Kindheit haben sie gezeichnet und zu etwas Besonderem gemacht. Sie lebt in einer kleinen Wohnung nach ganz strengen, beinahe zwanghaften Mustern, Gewohnheiten, Ritualen. Und immer in einem Zwischenbereich, irgendwo am Rande der Realität. Die Spielchen mit unsichtbaren Tieren, etwa einem fiktiven »weißen Kugeltier«, sind nur ein Beispiel dafür. Oft ist es ein Versuch, in Dialog zu treten mit der Welt: Sie bittet um Feuer für eine Zigarette und belohnt sich anschließend dafür. Ihren Aktionen sollen irgendwie ein Echo hervorrufen. Und wenn es nur eine Trophäe ist, die sie erhält. Etwa die gebrauchten Kondome, die sie von ihren zufälligen Männerbegegnungen zurückbehält, von ihren Blow-Jobs in dunklen Unterführungen.

Diese Suche nach einer eigenen Welt führt sie ins »Souterrain«, einer Art Club oder auch Auffangbecken für allerlei seltsame Menschen, die am Rand der Gesellschaft leben. Ein Raum für den Untergrund, für die Abgetauchten, die Aus-der-Welt-Gefallenen. Die Menschen, denen sie dort begegnet, heißen Frank, Lothar, Mario. Zu Mario, einem Obdachlosen, fühlt sie sich hingezogen. Seine Anwesenheit löst bei ihr positive Sinnesreize aus. Sie versucht, ihm zu helfen. »Seine Lederjacke knarrte angenehm. ASMR. Und der Geruch, den er verströmte, war etwas faulig. Wie ein alter Keller. Natalie wurde warm.«

Diese ASMR-Geräusche gibt es als Videos und Geräuschkulissen im Netz als Download. Für Natalie gehören diese Videos genauso wie der CNN-Nachrichtenkanal oder die Live-Sendungen im Fernsehen sowie ihre geheimen Mitschnitte von den alltäglichen Gesprächen und Begegnungen mit ihrem iPhone ganz selbstverständlich zum Leben dazu. Diese virtuellen »Echos« schaltet Natalie bei Bedarf hinzu. Für sie entsteht dadurch ein wohliges Zuhause.

Dass sie dann manchmal auch noch mit ihrem Ex chattet, scheint ganz normal zu sein. Alles scheint ihr zu gehören, in ihr aufzugehen und wird »aurig«, wie eines ihrer Spezialwörter heißt. Denn mit ihren Bekannten verwendet sie ihren eigenen »karlesken« Wortschatz und spielt mit ihren »luminous details«: »– ich kann den modn sehen, sagte Natalie. – Den was? – mond – Ich müsste dazu ans Fenster gehen, sagte Markus. Wie sieht er bei dir aus? – wie eine hostie entzweigebrochen in dermitte und so ausgefranstt«.

Peaks im Stimmungsbarometer

Eigentlich verhalten sich alle Personen in diesem Roman etwas merkwürdig: zum Beispiel auch das Pflegepersonal im Heim, Astrid, Ursula und B., die eigentlich Beatrice heißt. Diese drei sind die »alten Hasen« im Heim und kennen das Verhalten, die Bedürfnisse und Befindlichkeiten der Insassen aufs Genaueste. Sie wissen in allen Situationen Rat und können in angespannten Situationen moderieren, diese deeskalieren. Das Hauptinteresse der drei ist darauf gerichtet, für die Bewohner und deren Angehörigen alles im grünen Bereich zu halten.

Allerdings beginnt das Stimmungsbarometer nicht nur bei den Heiminsassen mehr und mehr verrückt zu spielen. Die Doppelbödigkeit von Hollbergs gespielter Freundlichkeit ist dabei nur ein Faktor. Obgleich Dorm jede Demütigung und Erniedrigung von Hollberg, seinem »Geliebten«, in Kauf nimmt, ohne den zynischen Unterton herauszuhören, wird dieser gegenüber Natalie immer aggressiver. Denn Dorm kann durchaus auch austeilen. Da kommt Natalie als Opfer gerade recht.

Wer ist das Monster?

Und nur Hollberg scheint das Monster, das in Dorm schlummert, bändigen zu können. Nicht zuletzt verfüttert er an das »Raubtier« regelmäßig seine besonderen Schokopralinen. Denn Dorm steht auf Exquisites. Auf edles Briefpapier, elegantes Outfit und er schminkt sich sorgfältig für seinen geliebten »Chris« und leidet. Nicht von ungefähr wird Dorm an Halloween als gekreuzigter Christus verkleidet, als leidender Schmerzensmann fährt er das Kreuz, das am Rolli befestigt ist, spazieren. Und Hollberg verstärkt Dorms Leiden noch zusätzlich, weil er Natalie seine Zuneigung signalisiert. Dabei verbalisiert Dorm sehr genau, was er nicht leiden kann, »Frau und Gitarre«. Denn »Dorm beschwor Hollberg …, sich nicht mit solchen Gebilden abzugeben, die Form sei falsch und auch die Verteilung des Gewichts, Frauen seien überhaupt nur hohle, unerträgliche Dinge, ein entsetzlicher Fehler der Evolution.« Spätestens hier werden also Dorms homoerotische Neigungen klar.

Die zufälligen Begegnungen mit Natalie, die Hollberg Dorm nicht verheimlicht, seine nächtlichen Telefonanrufe bei ihr sowie die Gespräche gehören zu seinem Racheplan. Irgendwie wird er gegenüber Natalie selbst zum Stalker. Denn auch Hollberg lebt nicht vollständig in der Realität. Seine Gedanken an eine Zeitmaschine, die Reise mit der Transsib, auf der ihm seine verstorbene Frau erscheint, belegen, dass auch Hollberg spätestens nach dem Tod seiner Frau nicht mehr ganz von dieser Welt ist.

Ahnt man im ersten Teil nur, dass das Personal dieses Romans durchaus einem Gruselkabinett entstiegen sein könnte, so wird dies im zweiten Teil nur zu deutlich. Denn neben Hollbergs Frau gibt es auch reelle Opfer zu verzeichnen. So findet Natalie Mario eines Nachts zusammengeschlagen und schwer verletzt vor ihrer Wohnung. Vom Täter fehlt jede Spur. Ob Hollberg dahintersteckt, kann nur vermutet werden. Denn Clemens J. Setz komponiert seinen »Rachefeldzug« extrem stringent, aber »wie dieses Stück von John Cage ›as slow as possible‹«. Die Zeit ist also ein besonderes Motiv. Und im Roman wird die Gegenwart, um mit Natalie zu sprechen, zur »Nachspielzeit« des Lebens. Clemens J. Setz’ Roman ›Die Stunde zwischen Frau und Gitarre‹ ist ein absolutes Muss – im Büchermarkt des Jahres (oder sogar der letzten Jahre) einzigartig und herausragend.

| HUBERT HOLZMANN

Titelangaben
Clemens J. Setz: Die Stunde zwischen Frau und Gitarre
Berlin: Suhrkamp Verlag 2015
1021 Seiten. 29,95 Euro
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