Hoch über dem See

Roman | Bodo Kirchhoff: Seit er sein Leben mit einem Tier teilt

»Er lässt kaltes Wasser über sich laufen, minutenlang, als könnte es ihn so auflösen wie den Schweiß auf seiner Haut und im Abfluss verschwinden lassen«, heißt es über Louis Arthur Schongauer, die Hauptfigur in Bodo Kirchhoffs neuem Roman. Schongauer steht kurz vor seinem 75. Geburtstag, hat zwei Frauen auf tragische Weise verloren und sich in ein abgelegenes Haus über einem See zurückgezogen. Ein See, der dem Gardasee, wo Autor Kirchhoff einen Zweitwohnsitz hat, nicht unähnlich ist. Von PETER MOHR

Vor vielen Jahren hat Schongauer in Hollywood-Produktionen mitgespielt, zumeist als böser deutscher Nazi. »Man hat ihn geholt, weil er einen kalten Blick aus rehbraunen Augen hatte und eine Stimme, die wehtun konnte, aber auch schmeicheln, in der etwas Falsches und doch Wahrhaftiges lag.«

Zwei Frauen sind nach Beziehungsstreitigkeiten vor seinen Augen gestorben. Eine hat sich erschossen, die andere ging in suizidaler Absicht ins Meer. Fünf Jahre sind seitdem vergangen, und Schongauer hat sich (von Schuldgefühlen gepeinigt) in seinem Haus völlig isoliert, nur eine Hündin ist an seiner Seite. Doch irgendwann ist es mit der selbst verordneten Einsamkeit vorbei. Die junge Reisebloggerin Frida Roth hat sich mit ihrem Auto auf der engen Zufahrtstraße zu Schongauers Haus festgefahren. Der Protagonist empfängt die junge Frau mit einem Revolver in der Hand. Nach wenigen Worten gewährt Schongauer der jungen Frau dennoch einen Platz für ihr Wohnmobil. In einer nur wenig handlungstragenden Sequenz taucht plötzlich auch Fridas ziemlich penetrante Mutter Lily auf, eine für ihre forsche Art bekannte Fernsehmoderatorin, die sich bei reichlich Alkohol über ihre Tochter beklagt.

Nur ein kurzes und wenig emotionales Intermezzo für Kirchhoffs Hauptfigur. Anders verhält es sich beim späteren Besuch der unglücklichen Journalistin Almut Stein, die mit einem erfolgreichen Kardiologen verheiratet ist und sich in ihrem eigenen Leben irgendwie selbst im Weg steht. Almut weiß nicht, wo das Porträt über Schongauer erscheinen soll, für das sie mit dem teuren Oldtimer ihres Mannes über dem See aufgetaucht ist. Möglicherweise ist der Besuch beim in die Jahre gekommenen Schauspieler auch nur eine Flucht aus dem eigenen schmerzhaften Alltag, denn Almuts Mann hat sich bei einem Hilfseinsatz in der Ukraine in eine blutjunge Frau verliebt.

Der inzwischen 76 Jahre alte Bodo Kirchhoff evoziert eine seltsame Gefühlsmelange zwischen Schongauer und der 25 Jahre jüngeren Almut. Wenn Schongauer mit Almut im See schwimmt, fürchtet man als Leser, dass sich die nächste Katastrophe ereignen könnte. Kirchhoff jongliert mit den Plots, ohne das Gleichgewicht der Handlung zu verlieren.

Die Schönheit der Natur, die Ruhe über dem See, die ohne großes Pathos beschrieben wird, birgt aber auch etwas gefährlich-wildes. Die schroffen Felsen und die Urgewalt des Wassers stehen für das Nebeneinander von Gefahr und Schönheit. Selbst die so treue Hündin Ascha verändert sich und nähert sich der Bloggerin Frida an.

Seit er sein Leben mit einem Tier teilt ist eine schmerzhafte Lebensbilanz des Protagonisten, ein Buch über Liebe und Tod, Schuldgefühle und Selbsttäuschungen. »Ich versuche immer mit den Figuren, an denen ich arbeite und die ich in meinen Büchern kennenlerne, mich aus der Melancholie heraus zu entwickeln. Das tun die Figuren auch«, hat Bodo Kirchhoff kürzlich erklärt. Eine nicht unsympathische Prise Rest-Melancholie ist bei Schongauer allerdings erhalten geblieben.

| PETER MOHR

Titelangaben
Bodo Kirchhoff:  Seit er sein Leben mit einem Tier teilt
München: dtv 2024
384 Seiten, 24 Euro
| Erwerben Sie diesen Band portofrei bei Osiander

Reinschauen
| Leseprobe

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Voriger Artikel

Ein Montagsstück?

Nächster Artikel

Düstere Aussichten in Sobokolor

Weitere Artikel der Kategorie »Roman«

Der vierfache Christof

Roman | Jordi Punti: Die irren Fahrten des Gabriel Delacruz »Wir reduzieren unser Leben auf ein paar Worte, wir vereinfachen es unentwegt, dabei liegt sein wirklicher Sinn in der Komplexität, Widersprüchlichkeit, Ungewissheit« – der katalanische Autor Jordi Punti in einem Interview mit einem richtungsweisenden Fingerzeig für seinen jüngsten Roman Die irren Fahrten des Gabriel Delacruz. Von PETER MOHR

Ein Jahr nach dem großen Morden

Roman | Chris Hammer: Outback Rivers End, eine Kleinstadt im australischen Nordosten. Noch ein Jahr nach dem grausamen Verbrechen weiß niemand genau, warum der junge Pfarrer Byron Swift vor dem sonntäglichen 11-Uhr-Gottesdienst mit einem Gewehr aus seiner Kirche trat und fünf Männer erschoss, um dann selbst unter den Kugeln aus der Waffe eines Polizisten zusammenzubrechen. Von DIETMAR JACOBSEN

Drei Killer und ein Mathelehrer

Roman | Kotaro Isaka: Suzukis Rache

Jeder von ihnen hat seine eigene Methode. Der Wal sorgt dafür, dass seine Opfer ohne zu zögern Hand an sich legen. Die Zikade tötet mit dem Messer und hält sich für einen Experten in Sachen »Sippenmord«. Und der Pusher schubst seine Opfer vor Autos oder Züge und macht sich anschließend schnell davon. Einzigartig und gefürchtet, aber auch gefragt in der Tokioter Unterwelt ist das Trio. Kann sich ein ehemaliger Mathelehrer mit eher schwach ausgebildeter Muskulatur gegen eine solche Killerelite durchsetzen? Kotaro Isaka, der schon in Bullet Train ein halbes Dutzend Auftragsmörder im Shinkansen zwischen Tokio und Kyoto aufeinanderhetzte, macht auch in Suzukis Rache keine halben Sachen und lässt ordentlich die Fetzen fliegen. Von DIETMAR JACOBSEN

Eine Geschichte des Leidens, Sterbens und Überlebens

Roman | Ronya Othmann: Vierundsiebzig

Wer kennt schon die Jesiden? Kaum jemand. In ihrem ebenso einzig- wie großartigen Roman ›Vierundsiebzig‹ erzählt Ronya Othmann jetzt von der Geschichte dieses Volkes, das zugleich eine eigene Religionsgemeinschaft ist; davon, wie die Angehörigen dieses Volkes (in ihrer Selbstbezeichnung Êzîden) in der Diaspora leben müssen. Der Roman erzählt vom »Ferman«, wie die Jesiden die an ihnen begangenen Pogrome bezeichnen. 73 Fermane hatte es bis 2014 bereits gegeben. Dann kam Nummer 74. Fanatiker des »Islamischen Staats« (IS) überfielen am 3. August das jesidische Dorf Kotscho im nordirakischen Sindschar-Gebiet. Die Vereinten Nationen stuften das Massenverbrechen als Genozid ein. Im Januar 2023 tat das auch der Deutsche Bundestag. Doch nicht nur darum sind Ronya Othmanns großem Roman zahlreiche Leser zu wünschen – sondern auch, weil für die Autorin der Ferman weit mehr ist als ein politisch-historisches Verbrechen. Denn Ronya Othmann stammt selbst aus einer jesidischen Familie. Von DIETER KALTWASSER