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In Ungnade gefallen

Krimi | Qiu Xiaolong: Schakale in Shanghai

Oberinspektor Chen Cao ist wieder da. Wenn auch nicht ganz. Denn der in seiner Freizeit als Dichter und Übersetzer tätige Mann ist von seinem Posten bei der Shanghaier Polizei entfernt worden. Plötzlich sieht er sich als Direktor an der Spitze eines Komitees für Rechtsreformen. Und weiß nicht, wem er diesen merkwürdigen »Aufstieg« zu verdanken hat, der ihn und die Seinen alsbald ins Fadenkreuz mächtiger Männer ohne jeden Skrupel befördert. Schakale in Shanghai heißt das neue Buch von Qiu Xiaolong. Eine Rezension von DIETMAR JACOBSEN

SchakaleEr ist immer seinem Gewissen gefolgt, wenn er die Aufklärung brisanter Kriminalfälle betrieb. Gerechtigkeit ging Oberinspektor Chen Cao stets über alles, auch über die Parteidisziplin, der er sich dank seiner guten Beziehungen zur Pekinger Führung nicht in jedem Fall zu beugen brauchte. Doch nun scheint er den Bogen überspannt zu haben. Oder ist die Beförderung zum Direktor des Shanghaier Komitees für Rechtsreformen gar kein Trick einflussreicher Genossen, den unbequemen Polizisten loszuwerden?

Während ihn diese Frage noch umtreibt, geschehen merkwürdige Dinge um ihn herum. Fallen werden gestellt, denen er nur wie durch ein Wunder entkommt. Sein Dienstwagen fliegt in die Luft und reißt seinen Fahrer fast in den Tod. Eine neue Bekannte fällt einem Auftragskiller zum Opfer. Und Unbekannte verwüsten die Wohnung seiner Mutter. Es ist also höchste Zeit, dass Chen Cao die Mauer des Schweigens, zu dem selbst enge frühere Mitstreiter sich ihm gegenüber plötzlich verpflichtet zu haben scheinen, durchbricht und denen auf die Spur kommt, die ihn offensichtlich mit allen Mitteln kaltstellen wollen.

Chen Cao auf der Abschussliste

Schakale in Shanghai ist bereits der achte Roman des 1933 in Shanghai geborenen und in den späten Achtzigern in die USA emigrierten Qiu Xiaolong rund um seinen Kunst und Literatur liebenden und schönen Frauen und einem exotischen Essen nicht abgeneigten Helden Chen Cao. Wie in seinen sieben Vorgängern gelingt es dem Autor auch diesmal wieder, über eine spannende Handlung und jede Menge landeskundlicher und kulturhistorischer Informationen ein Sittenbild des modernen China zu zeichnen. Dabei entsteht das Porträt eines Landes zwischen zwei nur schwer miteinander vermittelbaren Extremen: auf der einen Seite die wirtschaftliche Modernisierung im Hochgeschwindigkeitstempo, auf der anderen das Fehlen wirklicher Demokratie in einem autokratischen Einparteiensystem.

Hat Chen Cao es in seinen bisherigen Fällen noch jedes Mal geschafft, den Balanceakt zwischen seiner Verpflichtung, geltendes Recht zu vertreten, und einem Gewissen, das ihm gebot, Gerechtigkeit auch gegenüber jenen walten zu lassen, die ihre herausgehobene gesellschaftliche Position wie ein Panzer zu schützen schien, so tappt er diesmal fast bis zum Schluss des Romans im Dunklen. Welche so einflussreichen wie skrupellosen Mächte hat er womit verärgert, muss er sich fragen, und wie kann er verhindern, dass sich das unsichtbare Netz, von dem er sich umgeben fühlt, immer enger zusammenzieht?

Korrupte Kader und geheime Geschäfte

Mehr Privatdetektiv denn Polizist, kann Chen sich dennoch auf die Hilfe alter Freunde und Kollegen verlassen. Sein Ex-Untergebener Yu, der zu seinem Nachfolger ernannt wurde, riskiert seinen Job und spannt seine ganze Familie in die verdeckten Ermittlungen ein. Der Computerexperte Melong, der Chen schon in einem früheren Fall helfend zur Seite stand, unterstützt ihn auch diesmal wieder nach Kräften. Und Weiße Wolke, die neureiche Besitzerin eines Frisörsalons und alte Freundin des Ex-Oberinspektors, nutzt ihre beruflichen Kontakte zu den Frauen der Mächtigen in Shanghai, um in Erfahrung zu bringen, wer Chen unbedingt und mit allen Mitteln aus dem Weg haben will.

Schakale in Shanghai endet wieder einmal mit einem Triumph des Helden. Aber es wird von Roman zu Roman knapper. Und gefährlicher, weil die Feinde des Oberinspektors auf immer prominenteren Posten im Parteiapparat sitzen und kaum mehr direkt, sondern nur noch mit List und Tücke angegriffen werden können. Für einen Moment überlegt Chen Cao diesmal sogar, sein Land zu verlassen, um sein Leben zu retten. Aber es gibt so viel, was ihn mit China verbindet, dass er sich letztlich zu diesem entscheidenden Schritt nicht durchringen kann. Was letztendlich auch gut für uns Leser ist, die wir uns schon jetzt auf einen weiteren Chen-Cao-Roman freuen dürfen.

| DIETMAR JACOBSEN

Titelangaben
Qiu Xiaolong: Schakale in Shanghai
Oberinspektor Chens achter Fall
Wien: Paul Zsolnay Verlag 2016
318 Seiten, 19,90 Euro
Erwerben Sie dieses Buch portofrei bei Osiander

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