Tür in die Zukunft – Fenster in die Welt

Kinderbuch | Arche Kinder Kalender 2017

365 neue, unverbrauchte Tage hat das neue Jahr zu bieten. 52 Wochen, von denen noch keiner weiß, wie das Wetter sein wird und was auf der Welt geschehen wird. Einen ganz besonderen Begleiter durch das kommende 2017 empfiehlt ANDREA WANNER

Arche Kinderkalender 2017Seit sechs Jahren gibt es den Lyrik-Wochenkalender für Kinder jeden Altern und natürlich auch die Eltern. Was als Geheimtipp seinen Anfang nahm, findet sich zwischenzeitlich Jahr für Jahr an vielen Wänden: Kindergedichte aus aller Welt mit dem Originaltext und einer Übertragung ins Deutsche von bekannten Übersetzerinnen und Übersetzern. Mit vierfarbigen Originalbildern, die so schön und einfallsreich sind, wie die Texte. Ausgewählt vom Team der Internationalen Jugendbibliothek, München schleicht sich so Woche für Woche Literarisches zum Vorlesen, Selberlesen, vielleicht sogar zum Auswendiglernen ins Familienleben.

Der Januar beginnt mit einem Besuch vom Mond. Eine kugelrunde und eindeutig weibliche »luna« aus dem italienischen Gedicht von Vivian Lamarque steigt über eine Strickleiter, die in einer nachtblauen Welt zwischen den Sternen geknüpft zu sein scheint, ins Zimmer eines kleinen Jungen Die beiden scheinen gute Freunde zu sein und schauen sich lächelnd an. Die Nacht, die Sophie Fatus erschaffen hat, wirkt heiter, sodass man sich beruhigt schlafen legen kann.

Zwei Wochen später versetzt uns Yayo Kawamura in ein Wiener Café, in dem ein Berliner ein Paar Wiener und zwei Berliner bestellt und verspeist. Passend zu dem vergnüglichen Nonsens von Regina Schwartz hat auch Kawamura eine sehr witzige Caféhausszene mit kleiner Slapstickeinlage gestaltet.

Im März sorgt ein portugiesisches Gedicht von Laura Mirouri über „Os sapatos malcheirosos“ für Heiterkeit: die Gerüche, die von den »Stinkeschuhen« die nach den Käsefüßen von Tante Magda riechen, sind so schrecklich, Paulo Galindro einem kleinen Mädchen und einer Katze jeweils eine Wäscheklammer auf die Nase packte in seinem Kalenderblatt …

Die Texte stammen aus Japan, Russland, Norwegen, Serbien, Frankreich, Dänemark, England, Jamaika, Sie besingen ungewöhnliche und erstaunliche Helden wie Rote Bete, den Tod, Vampire, Melonen, Langzahnmonster oder Finken. Sie überraschen mit filigranen Zeichnungen, originellen Collagen, witzigen Comics …

Jedes Blatt ist eine neue Einladung, die Welt kennenzulernen, unterschiedlichen Kulturen zu begegnen, sich mit ganz unterschiedlichen Situationen auseinanderzusetzen. Manchmal verzückt schon der Klang der fremden Sprache, noch ehe man weiß, worum es sich eigentlich handelt. Dann ergänzen die fremden Schriftzeichen das Bild: rätselhaft für alle, die das nicht lesen können, und trotzdem wunderschön. Und zum Glück ja auch übersetzt! Albernes wechselt sich mit Ernstem ab, verrückte Einfälle reihen sich an philosophische Gedanken. Woche für Woche. Treffend formuliert das Georg Bydlinski im Juli ein seinem ›Gedicht von den Gedichten‹:

Manche Gedichte sind winzig klein,
können kleiner als Ameisen sein.
Manche Gedichte sind riesengroß,
größer als Elefantenpopos.
Manche Gedichte sind leise wie Schnee
oder wie Sonnenlicht auf dem See.
Manche Gedichte sind lauter als laut,
wie wenn ein Riese auf Trommeln haut …

Er endet mit der Frage »Welche Gedichte liebst du?«

Hier bietet sich die Chance, die Frage Woche für Woche zu beantworten. Egal, was 2017 bringen wird, hier sind schon mal 53 wundervolle Möglichkeiten, das Jahr für Kinder und Erwachsene dekorativ und literarisch zu würzen.

| ANDREA WANNER

Titelangaben
Arche Kinder Kalender 2017
Mit 53 Gedichten und Bildern aus aller Welt
Hrsg. von der Internationalen Jugendbibliothek München
60 Blatt mit 53 vierfarbigen Illustrationen, 18 Euro

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Voriger Artikel

Düstere Zukunftsvision

Nächster Artikel

Morde, die keine waren

Weitere Artikel der Kategorie »Kinderbuch«

Unsicherer Grund

Kinderbuch | Stefanie Höfler: Feuerwanzen lügen nicht

Nits und Mischa sind beste Freunde, solange sie denken können. Aber was weiß Nits tatsächlich über den Menschen, dem er vertraut und dem er sich nahe fühlt? Ein Lügengebilde bricht zusammen, sorgt für Verletzungen und neue Blicke auf den anderen. Von ANDREA WANNER

Da staunt der Pinguin

Kinderbuch | Michael Engler: Humboldt und Beaufort

Ich kann den kleinen Knirps gut verstehen: einen Stein mit Kanten sucht er, der kleine Pinguin Humboldt, der mit seinen Artgenossen auf dem »riesigen, weißen Kontinent Antarktika« lebt. Und er sucht, und sucht, und sucht. Wann immer ich an der Küste bin, dann suche ich Bernsteine und lasse mich dabei von nichts abbringen, meist bleibt die Suche leider ohne Erfolg. Wie es dem liebenswerten Pinguin ergeht, das erzählt ein spannendes Buch. BARBARA WEGMANN stellt es vor.

Alles, nur kaum Eier

Kinderbuch | Heinz Janisch / Walter Schmögner: Ein verrücktes Huhn Verrückte Hühner kennen alle – kein Zweifel, dass es sie wirklich gibt. Heinz Janisch erzählt, wie ein Bauer an seinem jedoch fast verzweifelt. Sein verrücktes Huhn legt nämlich anstelle der Eier fast immer irgendeinen Klamauk ins Nest. Mit den Bildern von Walter Schmögner entsteht so ein verrückter Lesespaß. Von JOHANNES BROERMANN

Überwältigend schön

Kinderbuch | Coralie Bickford-Smith: Der Baum und der Vogel

Nach »Der Fuchs und der Stern« ist nun das zweite Buch von Coralie Bickford-Smith im Insel Verlag erschienen: ›Der Baum und der Vogel‹ ist ein faszinierendes Werk, findet ALEXA SPRAWE

Wenn ein Buch dreidimensional wird

Kinderbuch | Maike Biederstädt: Das Wetter

Ganz unabhängig vom Inhalt: gute Pop-up-Bücher sind wie kleine Kunstwerke und die, die sie erschaffen, haben oft viel Talent, so wie hier Maike Biederstädt. Die Papieringenieurin und Illustratorin demonstriert und präsentiert auf fünf fantastischen, aufklappbaren Seiten Wettersituationen, erklärt im Text Wetter, Wellen und Wind, Regen und Sturm, Wüste und Trockenheit. Eine prima Grundlage und Hilfe für alle, die beim Stichwort Klimawandel mitreden wollen, meint BARBARA WEGMANN.