Landrattengarn

Kinderbuch | Paul Biegel: Wie Tim am Strand ein Mädchen fand

 
Etwas anderes sein zu wollen als die gesamte Familie, kann leicht als Versagen ausgelegt werden. Das ist Unsinn. Ein anderes Leben zu führen, bedeutet einfach, mit anderen Herausforderungen fertig werden zu müssen. Paul Biegel erzählt von solchen Abenteuern und spinnt dabei schönstes Landrattengarn. Von MAGALI HEISSLER

Tim_MaedchenTim ist der Jüngste in einer Familie begeisterter Seeleute. Schwestern, Brüder, Papa, Mama, allesamt lieben sie das weite Meer und nutzen jede Gelegenheit, auf dem nächsten Schiff anzuheuern und davonzusegeln. Tim hält davon gar nichts. Als er zwölf ist, findet seine Mutter, dass er von nun an auf sich selbst aufpassen könne und packt gleichfalls ihren Seesack. Von da an ist Tim allein in dem alten Haus hoch oben auf der Klippe.

Er bleibt nicht allein. Obwohl er keine Abenteuer sucht, sondern bloß Strandgut, findet das Abenteuer ihn. Piraten, Meerjungfrauen, vergrabene Schätze, ein Zauberfernrohr, Bösewichte und Mädchen in Bedrängnis, Tim hat keine Ruhe, eher er nicht ein Held geworden ist. Allerdings weder ein furchtloser noch ein makelloser. Die gibt es nur im Märchen und Tim ist schließlich ein ganz normaler Junge.
 
Märchen und Alltag
 
Ein Zwölfjähriger auf sich allein gestellt, ist eine Ausgangssituation, die Kinderherzen höher schlagen lässt. Tims Elternhaus ist alt, ein wenig unheimlich und liegt ziemlich verlassen. Die meiste Zeit ist Tim allein mit dem Strand und dem Meer da draußen, das ihn so gar nicht anzieht. Faszinierend dagegen ist, was Tim am Strand findet. Als erstes eine Kiste, schwer, nur unter größter Anstrengung zu öffnen und natürlich gefüllt mit etwas sehr Geheimnisvollem. Prompt beginnt ein Abenteuer, das erste von vier.

Auch wenn das Abenteuer immer die Abweichung vom Alltag darstellt, gelingt es Biegel, seinen kleinen Helden niemals völlig aus dem normalen Alltagsgeschehen herauszuzaubern. Seine Fantasiewelt ist durchaus geerdet. Kochen, putzen, Türen geschlossen halten, ungebetene Gäste bewirten, einkaufen haben ihren Einfluss auf Tims Tagesablauf. Die Fundstücke sind die märchenhafte Überhöhung von Ereignissen, die im Kern dazu dienen zu zeigen, wie ein Kind sich angesichts realer Probleme bewährt.

Tim muss lernen sich durchzusetzen, seine Interessen verteidigen, logisch zu denken, Schwierigkeiten anzugehen. Er kämpft gegen große Ängste. Ein Onkel, der ein böser Pirat ist, aggressive Meerjungfrauen, Schatzdiebe und Lügen, die sich fast nicht aufklären lassen. Biegels Erzählton ist leicht, von Humor und dem ihm eigenen Einfallsreichtum geprägt, aber er überspielt nie völlig den Ernst der jeweiligen Lage. Gleich, wie fantastisch das Geschehen ist, wie märchenhaft etwas ausgemalt wird oder wie witzig manche Ereignisse sind, die Überzeugung, dass Kinder sich mit moralischen Fragen beschäftigen sollen, ist immer spürbar. Und da Biegel eben Biegel ist, sind seine Antworten nicht die, die vermeintlich auf der Hand liegen.
 
Souveräner Umgang mit Klischees
 
Das Buch ist kein Roman, sondern eine Zusammenstellung von vier Geschichten von Tim, die ihrerseits zunächst in Teilen erschienen sind. Das macht die Lektüre geeignet für Kinder, die nicht allzu lesegeübt sind oder aber nicht gern lange am Stück lesen. Vorlesen lassen sie sich auch prächtig. Die Übersetzung gibt auch die kleinen Nuancierungen gekonnt wieder.

Inhaltlich fällt auf, dass Biegel mit vielen Klischees arbeitet, er geht aber so souverän damit um, dass man ewig schluchzende Jungfern, trinksüchtige holzbeinige Piraten und böse Waisenhausverwalterinnen erträgt. Er erzählt respektlos, findet überraschende Vergleiche und Lösungen, die unerwartet aus einer Richtung kommen, an die man nicht gedacht hat.

Annemarie van Haeringen nimmt die Klischees auf, illustriert aber sparsam, auf das Wesentliche konzentriert. Körperhaltungen oder die Gestik drücken Stimmungen aus, weniger die Mimik. Atmosphäre geben die Farben. Sie sind intensiv, oft Ton in Ton, vor allem bei Rot, oder aber stark gegeneinander gesetzt, wie helles Blau und Gelbbraun bei Strandszenen. Sie brilliert bei Darstellungen von Geschehnissen in der Nacht. Der Effekt ist noch unheimlicher, als es Biegels Worte schon sind. Es gibt viele ganzseitige Abbildungen und zahlreiche kleine Bilder neben, unter und über dem Text. Der Held, Tim, ist sehr präsent, seine jeweilige Stimmung ebenso. Man fiebert mit ihm, beim Anschauen wie beim Lesen. Ein liebevoll gestaltetes Layout – so sind etwa die Überschriften der Unterkapitel rot – runden das Ganze ab.

| MAGALI HEISSLER

Titelangaben 
Paul Biegel: Wie Tim am Strand ein Mädchen fand
(Juttertje Tim, 1991) Übersetzt von Ita Maria Berger
Illustriert von Annemarie van Haeringen
Stuttgart: Urachhaus 2015
158 Seiten 15,90 Euro
Kinderbuch ab 7 Jahren
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