Der Tanz auf dem Vulkan

Bühne | ›Cabaret‹ im Staatstheater Darmstadt

Es wirkt wie eine Warnung, wenn das Staatstheater Darmstadt in sorgenvollen Zeiten – in denen eine depolitisierende Unterhaltung und ein aufsteigender Rechtsextremismus vermeintlich besorgter Bürger sich abwechseln – das Musical ›Cabaret‹ auf die Bühne bringt: ein Stück, das am Ende der Weimarer Republik in Berlin spielt, ein Stück über Protagonisten, die in einem Kabarett ausgelassen feiern und sexuelle Ausschweifungen genießen, um die finanziellen und politischen Nöte zu vergessen, während draußen der Nationalsozialismus langsam die Kontrolle übernimmt. Die Regisseurin Nicole Claudia Weber, der musikalische Leiter Michael Nündel und der Choreograph Christopher Tölle haben das Musical von 1966, nach dem Buch von Joe Masterhoff, der Musik von John Kander und den Gesangstexten von Fred Ebb auf die Bühne gebracht. PHILIP J. DINGELDEY hat sich die Premiere am vergangenen Samstag angesehen.

Cabaret01In einem Cabaret-Club verführt der zynisch-mephistophelische Conférencier zu einem Tanz auf dem Vulkan im Berlin Ende der 1920er und Anfang der 1930er. Das Musical erzählt vom exzessiven Berliner Nachtleben, von kläglichen Versuchen der privaten Selbstfindung oder sich mit sozialen und politischen Begebenheiten in Zeiten der Wirtschaftskrise und der Suspendierung des demokratischen Repräsentationsstaates, vom Aufeinanderprallen von Antisemitismus und Weltoffenheit sowie von der Orientierungslosigkeit in chaotischen Zeiten totalitärer Umbrüche.
Da ist etwa die ältere, ärmliche Zimmerwirten Frau Schneider, die versucht, mit dem jüdischen Obsthändler, Herrn Schulz, eine Liebesbeziehung zu beginnen. Da sind die Girls und Boys des Cabarets, die ihren Körper vermieten. Da ist die arische Prostituierte Fräulein Kost, die sich ständig mit Schneider streitet und mit dem Nationalsozialismus sympathisiert. Da ist die englische extravagante, aufbrausende und flamboyante Sally Bowles, der Star des Cabarets, der gerne ein Filmschauspieler werden würde und mit dem US-amerikanischen bisexuellen Schriftsteller Clifford Bradshaw zweitweise im Haus von Frau Schneider das Bett teilt. Bald ist Sally schwanger und weiß nicht, vom wem. Sie und Clifford überlegen, eine gemeinsame Existenz aufzubauen; doch ihren Plänen kommt der Aufstieg der Faschisten zuvor.

Nazis zwischen Freizügigkeit und Biedermeier

Weber hat das Stück klassisch inszeniert. Kaum etwas wurde an den Texten verändert, es finden sich kaum neue Bezüge, etwa zur Flüchtlingsdebatte. Vielleicht ist das auch nicht nötig, denn problemlos lässt sich das vom Zuschauer auf die heutige Zeit geistig transferieren, wenn etwa (wieder einmal) eine Gruppe von wahnsinnigen Deutschen auf – nach rassischen und/oder kulturellen Kriterien – Undeutsche schießen lassen will.

Sehr gelungen ist das Bühnenbild, das Friedrich Eggert arrangierte: Denn die große Bühne besteht aus einem vierseitigen riesigen Rondell, das zum Szenenwechsel benutzt wird, mit meist sehr konkreter Einrichtung, etwa dem Cabaret und Zimmern von Frau Schneider. Eindrucksvoll fließen so die Szenen auch optisch ineinander, oft sieht man das Agieren anderer Protagonisten an anderen Orten, etwa dem Club, während die eigentliche Handlung noch in Cliffords Zimmer abläuft, was die Gleichzeitigkeit des Geschehens betont.

Auch die Kostüme sind authentisch im Stil der 1920er Jahre gehalten. Am auffälligsten sind hier nicht einmal die freizügigen Kostüme der Girls im Club, sondern das von Fräulein Kost, inszeniert von Marianne Curn, die erst, wie eine gemeine Straßendirne auftritt und später als braves arisches Mädel – was im Übrigen auch deren schauspielerisches Talent unterstreicht, denn eine solch kognitiv-dissonante Figur (zwischen Freizügigkeit und Biedermeier) lässt sich nicht leicht spielen.

Die Frauen spielen und singen die Männer an die Wand

Cabaret02Bis auf sehr wenige choreographische Fehler bei den Tänzen im Cabaret, sind auch Spiel und Gesang der Schauspieler recht gelungen: Dorothea Marie Müller als Sally Bowles und Michael Pegher als Zeremonienmeister spielen auffällig gut: Müller als hyperaktive, bipolare und wankelmütige Sängerin und Prostituierte, die Männer dominiert und doch unfähig ist, ein stetes Leben zu führen und sich, bei all ihrer Dominanz, als naiv im Umgang mit dem Politischen erweist; und Pegher als eine bösartig grinsende, mit starkem deutschen Akzent und kräftiger Stimme singende Gestalt, die auf groteske Form das Publikum unterhält, die auch für Toleranz eintritt, das soziale Elend in Songs kritisiert oder den nationalistischen Militarismus parodiert, aber am Ende mit den Nazis kollaboriert und immer impliziert, dass ihm klar ist, dass die Zeit des Feiern bald zu Ende sein wird. Trotz großartigem Spielens gelingt es beiden aber nicht, im Gegensatz zu den anderen Schauspielern, an die filmische Darstellung von 1972 (unter der Regie von Bob Fosse) mit Liza Minelli und Joel Grey heranzukommen, aber das ist wohl auch zu viel verlangt.

Außer ihnen und Curn ist vor allem Petra Welteroth noch herausragend, die als Hausmütterchen Frau Schneider mit einem klaren, schnörkellosen und manchmal banalen Gesang diametral dem Berliner Nachtleben gegenüber steht. Welteroth spielt eine ältere verzweifelte Hausherrin, die sich zwar mit dem politisch-sozialen System arrangieren will, aber im Endeffekt geistig aufgeschlossener ist, als so mancher rechtsextreme Geist im weltoffenen Cabaret. In dieser Inszenierung wirken, bis auf Pegher, die männlichen Schauspieler und Sänger, fast blass gegenüber den weiblichen.

Einige Songs wurden aus dem Film für die Musicalfassung übernommen, was der Aufführung aber keinesfalls schadet. Die deutliche Klimax in den Finalen der beiden Akte bleibt erhalten und wirkt geradezu bombastisch. Der eigentliche Höhepunkt ist das Finale der ersten Aktes, wenn sich die Hausgesellschaft und die Gäste des Cabarets zusammenschließen zu dem harmonisch-idyllischen und gleichzeitig rassisch-imperialistischen Song ›Der morgige Tag ist mein‹, um sich im Gleichschritt an den Faschismus anzupassen. Was sonst oft seicht vorgetragen wird, zeigt unter Leitung von Nündel klar den aggressiven und manipulativen Charakter von nationalsozialistischen Liedern, die jeden Biedermeier und Kitsch, jeder Idylle und auch jedem Popsong mit einer Gänsehaut misstrauen lassen, und weist erschreckende Parallelen zu den Pegidisten auf. Das sorgte auch für stehende Ovationen.

Zu denken gibt aber auch die Darstellung des zweiten Finales, wenn sich der Zeremonienmeister verabschiedet und das Orchester auf groteske Weise die Songs mischt. Während man im Spielfilm an dieser Stelle noch einen Blick auf das nun fast gänzlich braune Publikum des Cabarets werfen kann, zerbricht hier nur das Cabaret-Leuchtschild mit der Aufschrift »Willkommen«. Kein Wunder, die deutsche Willkommendkultur wird gerade erschüttert, und vielleicht soll diese Ermahnung verhindern, dass rechtes Gedankengut in die Hirne des Theaterpublikums künftig einzieht.

| PHILIP J. DINGELDEY
| Fotos: CANDY WELZ

Titelangaben
John Kander/ Fred Ebb: Cabaret
Staatstheater Darmstadt
Regie: Nicole Claudia Weber
Musikalische Leitung: Michael Nündel
Choreographie: Christopher Tölle

Der Conférencier des Cabarets: Michael Pegher
Sally Bowles: Dorothea Maria Müller
Clifford Bradshaw: Markus Schneider
Fräulein Schneider: Petra Welteroth
Fräulein Kost. Marianne Curn
Herr Schulz: Thomas Mehnert
Ernst Ludwig: Christoph Bornmüller

Termine

Samstag, 6. Februar 2016, Beginn: 19.30 Uhr
Samstag, 27. Februar 2016, Beginn: 19.30 Uhr
Freitag, 11. März 2016, Beginn: 19.30 Uhr
Freitag, 18. März 2016, Beginn: 19.30 Uhr
Donnerstag, 14. April 2016, Beginn: 19.30 Uhr
Mittwoch, 27. April 2016, Beginn: 19.30 Uhr
Samstag, 14. Mai 2016, Beginn: 19.30 Uhr
Sonntag, 29. Mai 2016, Beginn: 19.30 Uhr

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