Konsumkritik

Kinderbuch | Saskia Hula: Ein Hauptgewinn ist immer drin

Werbung ist so eine Sache. Da werden einem die tollsten Dinge vorgegaukelt, da wird Bedarf geweckt, der vorher nicht da war. Da soll man sich für alles Mögliche interessieren, an das man nie im Leben gedacht hätte. Und manchmal ist das ungeheuer geschickt verpackt, weiß auch ANDREA WANNER.

HauptgewinnEin trister Regentag. Und es ist nicht der erste, sondern bereits der dritte. Winnie und Banane sitzen im Hof und wissen nicht so recht, was sie mit sich anfangen sollen. Zu allem Überfluss sind Ferien.

Banane ist ein dicker, grauer Elefant mit grüner Hose und Winnie ist eine Erstklässlerin. Die beiden sind befreundet – ihre Mütter übrigens auch. Wie es der Zufall will, finden sie mitten in diesem Regengrau einen Zettel, einen Werbeflyer für ein Premiun-Hopp-Master-Deluxe-5000-Trampolin, das tatsächlich auch für einen Elefanten groß genug und bis 800 Kilo belastbar ist. Das Beste: Man kann es gewinnen! »Dieses Trampolin könnte schon morgen Ihnen gehören!« Das Einzige, was man dafür tun muss, ist die Karte mit ausgefüllter Adresse zurückschicken, Genial, finden die beiden, füllen den Zettel mit Bananes Adresse aus und räumen bei ihm zuhause schon mal das Wohnzimmer leer. Jetzt heißt es nur noch warten.

Saskia Hula hat sich eine witzige Geschichte ausgedacht, die viel mit der Realität zu tun hat. Preisausschreiben, kostenlose Probeabos, Vergünstigungen und Zusatzgeschenke: Welches Kind lässt sich nicht davon begeistern. Und das Trampolin, das vorher weder Thema noch Wunsch war, wird zum zentralen Inhalt. Dazu gibt es comicähnliche Illustrationen on Ina Hattenhauer. Ganz genau beobachtet sie die beiden Freunde, hält ihre Emotionen mit wenigen Strichen gekonnt fest und platziert sie in einem originell gestalteten Umfeld. Da tummeln sich kleine gelbe Vögelchen auf den Seiten und erleben ihre eigenen Abenteuer. Die Wohnzimmerumräumaktion wird zum genialen Chaos, bei dem man das Mobiliar der Familie Elefant samt Blick in das Bücherregal bestaunen kann. Da steht ›Elmar und Babar‹ , ein Buch über Porzellan, zwei Bände mit den Titeln ›Dicke Haut‹ und ›Dünnes Fell‹, ein Ratgeber ›Rüsseln für Anfänger‹ und, und, und. Wer genau hinschaut, wird mit dem Entdecken gar nicht fertig.

Die Geschichte geht weiter und beschert eine Überraschung. Denn schon am ersten Tag kommt der Briefträger – und bringt: Werbung. »Werbung für Sonnencreme, für Tiefkühlspinat, für dreiteilige Koffersets und für Kaffeemaschinen mit Milchaufschäumer.« Und das ist erst der Anfang. Tag für Tag kommt die Post und das für das Trampolin leer geräumte Wohnzimmer füllt sich allmählich mit Katalogen, Gratisproben, Bittbriefen, Prospekten und Teilnahmekarten für weitere Preisausschreiben. Bananes Mutter kommt der Sache auf die Spur: Die Adresse, mit der die beiden das Trampolin gewinnen wollten, hat die Lawine losgetreten. Und jetzt? »Warten ist so langweilig«, stellt Banane fest und die beiden beginnen, sehr kreativ mit dem vielen Material, das sich da angesammelt hat, zu basteln. Plötzlich haben sie eine kreative Beschäftigung, das Warten ist vergessen.

Tja, da ist es fast schade, dass der Postbote am Ende noch einmal klingelt. Zumindest der pädagogische Effekt ist am Ende dahin. Die Konsumkrik auch. Was bleibt, ist ein witziges Bilderbuch. Und vielleicht hat doch die eine oder der andere ein bisschen etwas von dem begriffen, was sich hinter der Fassade von Preisausschreiben und Werbung verbirgt.

| ANDREA WANNER

Titelangaben
Saskia Hula: Ein Hauptgewinn ist immer drin
Mit Illustrationen von Ina Hattenhauer
Wien: Nilpferd 2015
40 Seiten. 14,99
Bilderbuch ab 5 Jahren
| Erwerben Sie dieses Buch portofrei bei Osiander

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Voriger Artikel

Bringing down the System one song at a time

Nächster Artikel

Was heißt erwachsen werden?

Weitere Artikel der Kategorie »Kinderbuch«

Fußballfieber

Kinderbuch | Eymard Toledo: Benè, schneller als das schnellste Huhn / Fabrizio Silei: Abseits In Brasilien erfolgt der Anpfiff. Nachhaltig Fußball anschauen kann man – auch ohne die Abseitsregel zu verstehen – mit zwei Bilderbüchern zum Thema. ANDREA WANNER hat das runde Leder und die beiden Geschichten darum verfolgt.

Pure Magie

Kinderbuch | Norman Messenger: Stell dir vor … Das Wunder-Bilder-Buch Stell dir vor, du hast Durst, eine Tasse und eine Teekanne. Aber leider eine Kanne ohne Ausguss. Stell dir ein Haus vor, aus roten Backsteinen, einem Dach nebst Dachrinne und einer grünen Haustür. Und stell dir vor, das Haus hat kein einziges Fenster. Stell dir eine Uhr vor, eine schöne, bemalte Uhr mit Zifferblatt und den Zahlen von Eins bis Zwölf. Aber ganz ohne Zeiger. Verrückt? Norman Messenger nimmt uns mit in eine Welt, in der all das möglich ist. ANDREA WANNER staunt.

Von Anfang an

Kinderbuch | Marianna Coppo: … aber wo ist die Geschichte

Wie beginnen Geschichten? Ganz einfach: mit einer weißen Seite. Da ist noch nichts, rein gar nichts. Und dann muss etwas passieren, sonst wird es keine Geschichte. Über das, was dieses »Etwas« ist, kann man geteilter Meinung sein. ANDREA WANNER fand die Geschichte über die Entstehung einer Geschichte hinreißend.

Ungeahnte Freiräume

Kinderbuch | Marc-Uwe Kling: Der Tag, an dem die Oma das Internet kaputt gemacht hat Das Internet, so meinen manche, hat durch seinen grundsätzlichen Wandel unseres Kommunikationsverhaltens und der Mediennutzung zu einer Veränderung in der Gesellschaft geführt, die mit der Erfindung des Buchdrucks verglichen werden kann. Was, wenn es nicht funktioniert. Von ANDREA WANNER

Schwebende Kinder im Regen

Kinderbuch | Baek Hee Na: Wolkenbrot

Wie so oft ist auch die diesjährige Astrid-Lindgren-Gedächtnispreisträgerin in Deutschland wenig bekannt. Von der Koreanerin Baek Hee Na gibt es grade ein Buch auf Deutsch. Es erzählt mit ›Lichtbildern‹ eine banale Geschichte mit phantasievollen Bildern über zwei Kindern, die fliegen können. Von GEORG PATZER