Eine eifrige Bastlerin und das großartigste Ding der Welt

in Kinderbuch

Kindebuch | Ashley Spires: Das großartigste Ding der Welt

Wenn eine bastelt, kann sie was erleben. Und wenn es gleich das großartigste Ding in der Welt sein soll, sowieso. Sie muss nur aufpassen, dass sie nicht dem Perfektionswahn verfällt. Denn dann wird es nichts mit der Großartigkeit. Von GEORG PATZER

Das grossartigste DingEigentlich ist sie ein ganz normales Mädchen, die mit ihrem besten Freund alles zusammen macht: Sie rennen, sie essen, sie entdecken, sie ruhen sich aus. »Sie baut Dinge. Er macht Dinge kaputt.« Dann hat sie eine Idee: Sie will etwas Besonderes bauen. Großartig soll es sein, darunter macht sie es nicht. Nein, nicht großartig: Das großartigste Ding der Welt will sie bauen. Und macht sich gleich an die Arbeit. »Sie weiß genau, wie es aussehen wird. Sie weiß genau, wie es funktionieren wird. Sie muss es nur noch bauen, aber sie baut ja ständig Dinge. Ist doch kinderleicht!«

Zuerst stellt sie einen Assistenten ein, es ist natürlich ihr bester Freund. Dass er ein Mops ist, macht weiter nichts. Und sie geht systematisch vor: Zuerst wird Material gesammelt, dann sucht sie sich einen ruhigen Platz zum Arbeiten. »Biegt und hämmert und misst, während ihr Assistent umherspringt und knurrt und kaut.« Eine wunderbare Zusammenarbeit.

»Als sie fertig ist, tritt sie einen Schritt zurück, um ihre Arbeit zu bewundern. Sie sieht sich das Ding von der einen Seite an, ihr Assistent von der anderen … Es sieht nicht richtig aus. Ihr Assistent hebt es hoch und schüttelt es. Es fühlt sich auch nicht richtig an. Sie sind ganz erschrocken, dass das Ding nicht großartig ist. Nicht einmal gut. Es ist noch nicht einmal einigermaßen okay. Es ist ganz FALSCH. Das Mädchen wirft es weg und macht sich erneut an die Arbeit.«

Und glättet und schraubt und pfriemelt. »Ihr Assistent dreht sich im Kreis und zerrt etwas hin und her.« Wieder nichts. Sägt und klebt und rückt zurecht. Hm… Dreht und zwickt und macht etwas fest. »Sie korrigiert und begradigt und untersucht es noch mal.« Ohwei. »Sie macht es eckig. Sie macht es rund. Sie gibt ihm Beine. Sie baut Antennen dran. Sie macht es flauschig. Sie macht es lang, kurz, rau, weich, groß, klein – eins riecht sogar nach Stinkekäse! Aber keines von ihnen ist GROSSARTIG.«

Perfekt ist nicht menschlich

Die kanadische Illustratorin und Autorin Ashley Spires hat ein witziges, erhellendes Bilderbuch darüber geschrieben, wie es einem gehen kann, wenn man etwas perfekt machen will. Perfekt ist nicht grade einfach, manche sagen sogar: Perfekt ist nicht menschlich. Trotzdem ist es für manche ein Ziel. Manchmal wird es auch von Vorgesetzten oder Eltern vorgegeben. Die Folge ist: Stress. In schwereren Fällen Stress und Herzinfarkt, Magengeschwüre, Depressionen, Aggressionen.

Aggressionen und Depressionen erfährt auch das kleine Mädchen. Denn da es nicht klappt, da es nicht perfekt ist, was sie baut, wird sie wütend. »Je wütender sie wird, desto schneller arbeitet sie. Sie KNALLT Dinge in die richtige Form. Sie KLATSCHT Teile zusammen. Sie PRÜGELT die Einzelteile hinein.« Aber das nützt nichts, im Gegenteil. Jetzt passt gar nichts mehr, das Ding wird nicht fertig, und großartig wird es sowieso nicht. Dann kommt, was kommen muss: Das Mädchen haut sich auf den Zeigefinger: »Der Schmerz beginnt in ihrem Finger. Dann rast er in ihr Hirn, und sie EXPLODIERT! Nicht gerade ihr bester Moment.« Und dann? Müde, niedergeschlagen, traurig sitzt sie auf dem Boden und sagt: »Ich kann das nicht. Ich gebe auf.«

Erst ein Spaziergang, den ihr Assistentenmops ihr vorschlägt, lässt sie langsam wieder zu sich kommen. Und als sie an den vielen Dingen vorbeikommt, die sie bisher gebastelt hat, sieht sie sie plötzlich mit anderen Augen. Sieht, dass so manches doch nicht schlecht geworden ist. Auch die anderen, die ihr bei ihren Arbeitsanfällen schon bewundernd zugesehen haben, entdecken die Dinge und ihre Perfektion. Halt nicht so, wie das Mädchen es wollte. Aber was für sie nicht gelungen war, ist für den älteren Herrn »das perfekte Ding, um Wölfe zu vertreiben«, und eine Frau nimmt ein Ding mit: »Damit kann ich das Loch flicken.«

Es ist ein hübsches kleines Bilderbuch, das Ashley Spires hier geschrieben und gezeichnet hat, eine Parabel von Anstrengung und Phantasie, Mühsal und freiem Spiel. Auch ihre Illustrationen zeigen punktgenau den Enthusiasmus, die wachsende Verzweiflung, das verkrampfte Bemühen, die explodierende Wut, die verzagte Depression. Mit einfachen Strichen lässt Spires ihrer Phantasie freien Lauf, erfindet, wie Shaun Tan, Dinge, deren Zweck man nicht erraten kann, deren einzelnen Bestandteile man noch entschlüsseln, aber im Kopf nicht sinnvoll zusammensetzen kann.

Und am Schluss hat auch das Mädchen etwas zusammengebaut, das ihr gefällt. Und damit fährt sie mit ihrem Assistenten eine Runde: »Sie sind nicht enttäuscht. Es ist wirklich das großartigste Ding der Welt!« Großartig muss eben nicht perfekt sein, es muss nur seinen Zweck erfüllen und Freude machen. Damit hat sie auch (beinah) den Philosophen Theodor W. Adorno widerlegt, der sagte: »Es gibt kein perfektes Leben im unperfekten.« Oder so ähnlich.

| GEORG PATZER

Titelangaben
Ashley Spires: Das großartigste Ding der Welt
(The most magnificent thing, 2014), übersetzt von Nicola T. Stuart
Berlin: Verlag Jacoby & Stuart, 2019
32 Seiten, 13 Euro,
Bilderbuch ab 4 Jahren
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