Mogelpackung

Comcic | Xavier Dorison (Text); Terry Dodson (Zeichnungen): Red Skin 1: Welcome to America

Eine nackte, wohlgeformte Schönheit, die Worte »Red Skin« stehen auf ihrem Rücken, lächelt den Leser verführerisch über die Schulter hinweg an. Ein Schelm, wer bei einem solchen Titelbild Arges denkt. Doch mehr nackte Haut als auf dem Cover hat die eigenwillige Superhelden/Agenten-Persiflage nicht zu bieten. Das ist nicht der einzige Grund, warum BORIS KUNZ ein wenig enttäuscht war.

Red SkinIrgendwann während des Kalten Krieges: Die Bevölkerung der USA liebt Filme und Comics über Superhelden, schließlich gibt es im wahren Leben keine. Das ändert sich mit dem Auftauchen des sog. »Zimmermanns«, einem selbst ernannten Sittenwächter in der traditionellen Kostümierung der Gründerväter, der einen brutalen Rachefeldzug gegen die verkommene Seite des American Way of Life führt. In der beeindruckenden Einstiegssequenz dieses Comicalbums fällt ihm eine gefeierte Pornodarstellerin zum Opfer. Der Zimmermann wird zur Symbolfigur für ein rechtes, biederes und konservatives Amerika – und ist damit sogar Russland ein Dorn im Auge, wo man es lieber sähe, wenn in den USA ein etwas liberalerer Geist herrschte. Also schickt Russland seine Geheimwaffe: Vera Jelnikoff, eine ebenso durchtrainierte wie verführerische Agentin, die der kommunistischen Regierung gegenüber völlig loyal ist und sich körperliche Fähigkeiten antrainiert hat, wie sie auch in einem Comic gerade noch ohne den Biss einer radioaktiven Spinne oder die Herkunft vom Planeten Krypton erklärbar sind.

Vera legt sich also eine Tarnidentität als naives Mädchen aus Dakota zu, nimmt unter dem Namen »Alabama Jane« undercover einen Job als persönliche Assistentin eines Pornoregisseurs in Kalifornien an und macht sich des Nachts im roten Kampfanzug auf die Jagd nach dem Zimmermann, wobei sie regelmäßig auf dessen Jünger trifft: Junge Männer im Hillbilly-Outfit, die als selbst ernannte Bürgerwehr ihr Unwesen treiben, aber trotz ihrer Überzahl gegen die durchtrainierte kommunistische Geheimagentin keine Chance haben und über das ganze Album hinweg Prügel beziehen.

Spionin ohne Spitzenhöschen

Soweit die Prämisse, die auf den ersten Seiten auch recht unterhaltsam eingeführt wird. Dabei gibt sich der Comic anfänglich noch sophisticated, wenn Veras Vorgesetzte über die Wirkung von Propaganda philosophieren. Doch spätestens beim Auftritt der Gegenspieler in ihren Zimmermannskostümen wird sehr deutlich, dass ›Red Skin‹ einem amerikanischen Superheldencomic an Albernheit und Absurdität in nichts nachsteht. Dafür allerdings gibt es keine übernatürlichen Superkräfte, Vera ist eben »nur« eine durchtrainierte Kampfmaschine, was die Kampf- und Actionelemente also eher auf das Level von Batman oder Daredevil festlegt. So weit, so gut – auch das kann ja großen Spaß machen.

Doch leider verläuft sich die Story im Mittelteil in einigermaßen repetitivem Geplänkel: In mehreren Prügelszenen, die sich kaum voneinander unterscheiden, schlägt ›Red Skin‹ einer gleichförmigen Masse von No-Name-Gegnern die Hucke voll, ohne jemals ernsthaft in Gefahr zu geraten, verletzt zu werden oder sonst ein Zeichen von Schwäche zu zeigen: Das sind Erzählweisen aus der Mottenkiste der Superheldencomics – und im Vergleich zu blutigen Gewaltorgien im Stil von ›Kick Ass‹ schon wieder so retro, dass es fast cool ist.

Leider schützt der Comic bald auf mehreren Ebenen die Unbekümmertheit und Naivität seiner Protagonistin vor, wo sie sich am Anfang der Story wesentlich tiefschürfender gegeben hatte, und wirft ein paar logische Brüche auf, die nicht liebenswert naiv, sondern einfach nicht gut durchdacht sind: Warum zum Beispiel findet Vera nichts dabei, ständig ihre (ohnehin als Tarnung sehr notdürftige) Fliegerbrille vor Zeugen abzunehmen, sodass sie eigentlich jederzeit als Alabama Jane wiedererkannt werden könnte? Insbesondere, weil sie ja als umwerfend schöne Frau dargestellt wird, die selbst erfahrene Pornoproduzenten ins Schwitzen bringt.

Wieso geht gerade eine Geheimagentin derartig leichtfertig mit einer Tarnidentität um? Und warum ist sie einerseits so naiv, dass sie sich in einem Supermarkt staunend darüber wundert, warum die Menschen in Kalifornien nicht vor leeren Regalen Schlange stehen und ob es Waren nur gegen Lebensmittelkarten gibt – und hat auf der anderen Seite in ihrer Identität als Superhelden eine abgeklärt-coole Tonlage drauf, die man sich eigentlich nur zulegen kann, wenn man in einer Sprache und einer Kultur ganz zu Hause ist?

Damit wird auch die zweite Ebene der Story ebenso wenig ernst genommen, wie der Superheldenaspekt – nämlich die klassische Geschichte eines kommunistischen Spions der sich mit der Lebenswelt des Westens konfrontiert sieht und seine Ideologie zu überdenken beginnt (von ›Ninotschka‹ über ›The Americans‹ bis hin zu ›Deutschland 83‹ auch immer wieder beliebt). Obwohl man von Autor Xavier Dorison (›Das Dritte Testament‹, ›Asgard‹ etc.) eigentlich durchdachtere Unterhaltung gewohnt ist, hat man hier das Gefühl, dass er selbst nicht recht wusste, was er aus seiner witzigen Grundidee eigentlich machen soll. Wer etwas so Albernes erzählen will, der muss in die Vollen gehen, was Mark Millar oder Frank Miller ja immer wieder bewiesen haben.

Ein Frank Miller Comic ohne Frank Miller

Red Skin LeseprobeErst als es in Richtung Showdown geht, schwingt sich die Erzählung zu neuer Spannung auf, etwa wenn die Protagonistin auch vor bittere Entscheidungen gestellt wird: Soll sie unschuldigen Menschen das Leben retten oder ihren Befehlen gehorchen? Leider zeigen diese Szenen auch, wie spannend ›Red Skin‹ hätte werden können, hätten Dorison und Zeichner Terry Dodson sich etwas mehr Mühe gegeben, ihr Werk mit Leben und Emotion zu füllen: Da bittet eine schwer verletzte Schwangere Vera in einer brenzligen Situation darum, sie ins Krankenhaus zu bringen – und wird vom Zeichner wie ein Stück Kulisse behandelt: Kein einziges Mal bekommt man ihr Gesicht zu sehen.

Auch das fällt auf (und steht in deutlichem Gegensatz zu den Versprechungen des Covers): Es wird überhaupt recht wenig gezeigt. Zumindest für einen Comic, der teilweise im Pornomillieu spielt, und in dem Nahkampfszenen im Vordergrund stehen, wirkt ›Red Skin‹ erstaunlich brav und zurückgenommen: Kaum Blut, kaum nackte Haut – dass sich der Reißverschluss von Veras eng anliegendem Kampfanzug nicht bis ganz oben schließen lässt, ist schon das höchste der Gefühle. Und das bei einem Zeichner wie Terry Dodson, dem wir immerhin den eigentümlichen Erotik-Steampunk-Comic ›Träume‹ verdanken. Leider wirkt ›Red Skin‹, als hätte der Comic sich an den prüden Comics Code halten müssen, der seinerzeit den amerikanischen Publikationen das Leben schwer gemacht hat.

Bei all diesen Widersprüchen ist es auch kein Wunder mehr, dass ausgerechnet in dieser sehr amerikanischen Geschichte die Zeichnungen des Amerikaners Terry Dodson so ›französisch‹ wirken wie sonst in keinem seiner Comics. Keine großen Splashpanels, keine großen Effekte, auch der Strich der Figuren wirkt weniger cartoonhaft, sondern erinnert eher an Zeichner wie Colin Wilson, die aus der Moebius-Schule kommen. Es wirkt tatsächlich so, als hätte sich mit der Figur Red Skin ein Archetyp aus einem der Superheldencomics von Dodson (›Black Cat‹ etc.) oder eine Figur von Frank Cho in ein französisches Comicalbum verirrt, sich dort mehr schlecht als recht getarnt, und weiß irgendwie nicht so ganz, was sie dort mit sich anfangen soll. Genauso unentschlossen wirkt – leider! – dieses ganze Comicprojekt.

| BORIS KUNZ

Titelangaben
Xavier Dorison (Text), Terry Dodson (Zeichnungen): Red Skin 1: Welcome to America
Aus dem Französischen von Marcel Le Comte
Bielefeld: Splitter Verlag 2015
64 Seiten, 14,80 Euro
| Erwerben Sie dieses Buch portofrei bei Osiander

Reinschauen
| Dorison auf Wikipedia (Französisch)
| Webseite von Terry Dodson

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