Selbstfindung in Cadaqués

Roman | Milena Busquets: Auch das wird vergehen

»Mein Platz auf der Welt war in deinem Blick, und der schien mir so unstrittig und beständig, dass ich mir nie die Mühe machte, herauszufinden, wie er beschaffen war«, resümiert die Ich-Erzählerin Blanca das Verhältnis zu ihrer gerade verstorbenen Mutter. Mit der Beerdigung beginnt die spanische Autorin Milena Busquets ihren Romanerstling Auch das wird vergehen, der in ihrer Heimat lange Zeit ganz vorne in den Bestsellerlisten rangierte. Von PETER MOHR

busquetsKeine Frage – die hier beschriebene, komplizierte Mutter-Tochter-Beziehung hat einen stark autobiografischen Background. Die 44-jährige Milena Busquets ist die Tochter der 2012 verstorbenen renommierten Autorin und Verlegerin Esther Tusquets.

Auch der Handlungsort des Romans spielt in der Vita der Autorin eine wichtige Rolle. Milena Busquets hat Teile ihrer Kindheit und Jugend im malerischen Cadaqués (am nördlichen Zipfel der Costa Brava) zugebracht. Dorthin ist nun die Protagonistin Blanca, eine Frau um die vierzig, mit ihren zwei Söhnen, Ex-Ehemännern und mehreren Freundinnen »geflohen«, um den Tod der Mutter zu verarbeiten und ihr eigenen Leben neu zu strukturieren.

Das verträumte Cadaqués, dieser malerische, von Bergen umgebene Fischerort, der viele berühmte Maler und Schriftsteller geradezu magisch angezogen hat (von Bréton über Garcia Márquez bis Duchamp, dem im Ort eine kleine Gasse gewidmet ist) bildet eine träumerische Hintergrundkulisse. Ganz in der Nähe hat Salvador Dalí in einem selbst entworfenen Haus am Cap Creus seinen Lebensabend verbracht.

Es wird viel getrunken, viel geredet, viel geflirtet, viel fantasiert – die Welt wirkt ein wenig surreal, so wie bei Dalí. Im Rückblick bewundert, ja verehrt Blanca ihre verstorbene Mutter: »Du hast mir das irre Lachen geschenkt, die Freude am Leben, die völlige Hingabe, den Spaß an jedem Spiel, die Abneigung gegen alles, was in deinen Augen das Leben kleiner machte und einem die Luft nahm: Knauserigkeit, Mangel an Loyalität, Neid, Angst, Dummheit und vor allem Grausamkeit. Und den Sinn für Gerechtigkeit. Die Aufsässigkeit. Das überwältigende Erkennen von Glück in den Momenten, wenn man es in Händen hält und ehe es wieder davonfliegt.«

All diese Tugenden wünscht sie sich für ihr eigenes Leben, ist sich aber ihrer fehlenden Standhaftigkeit und Prinzipientreue bewusst. Blancas Grübeleien erhalten durch das Ambiente eine ungewöhnliche Leichtigkeit. Milena Busquets versteht es großartig, das mediterrane Flair zu entfachen, diese zauberhafte Mischung aus Lebensfreude und Melancholie. Es werden aber auch nachdenkliche Töne angeschlagen und kluge Gedanken formuliert, etwa über das sich ständig ändernde Verhältnis zwischen Eltern und Kindern, Großeltern und Enkeln – über das, was Familie einst war und heute (unter dem Einfluss von sozialen Netzwerken) geworden ist.

»Keine Gebete, keine Blumen, keine Musik«, hatte Blancas Mutter für ihre Beerdigung gefordert. Ohne Pomp und Pathos kommt auch Milena Busquets‘ Roman daher. Es ist nicht etwa ein prätentiöser Stil, der nach der Lektüre in Erinnerung bleiben wird, sondern die so eindringlich erzählte, so schonungslos offene, aber nicht selbstentblößende Mutter-Tochter-Geschichte dieser so hochtalentierten, dabei gar nicht mehr so ganz jungen Romandebütantin.

Und wie Milena Busquets Blancas Selbstfindung in das malerische katalanische Küstendorf Cadaqués eingebettet hat, zeugt nicht nur von großer dichterischer Komposition, sondern spiegelt auch das Lebensgefühl eindrucksvoll wider – eine Melange aus Trauer und Freude, ein Spagat der großen Gefühle. Den Namen Milena Busquets müssen wir uns für die Zukunft merken.

| PETER MOHR

Titelangaben
Milena Busquets: Auch das wird vergehen
Aus dem Spanischen von Svenja Becker
Berlin: Suhrkamp Verlag 2016
170 Seiten. 19,95 Euro
| Erwerben Sie dieses Buch portofrei bei Osiander

Reinschauen
| Leseprobe

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Voriger Artikel

Verlockendes Teufelszeug

Nächster Artikel

Der Stör hatte einen leichten Stich

Weitere Artikel der Kategorie »Roman«

Summer of 69

Roman | Ulrich Woelk: Der Sommer meiner Mutter In seinem neuesten Roman zeichnet der Autor Ulrich Woelk ein berührendes und rückwirkend leicht melancholisch anmutendes Zeitpanorama der 1960er Jahre. Der Sommer meiner Mutter enthüllt eine Stimmung zwischen Bigotterie und dem aufkeimenden Wunsch nach Selbstverwirklichung, zwischen technischem Fortschrittsglauben und menschlichem Unvermögen. Eine Besprechung von INGEBORG JAISER

Wenn Gülle im Regal steht

Roman | Juli Zeh, Simon Urban: Zwischen Welten

Die Erfolgsautorin Juli Zeh ist in den letzten Jahren zu einer Art literarischer Seismograf unseres politisch-gesellschaftlichen Alltags geworden. In ihrem letzten Roman Über Menschen (2021) hatte sie blitzschnell auf die Corona-Krise reagiert. Die zeitliche Nähe und das Abarbeiten von brisanten Alltagsthemen ist für einen Roman nicht unproblematisch, aber die routinierte Schriftstellerin Juli Zeh, die 2002 für ihren inzwischen in 35 Sprachen übersetzten Debütroman Adler und Engel den Deutschen Bücherpreis erhalten hatte, ist sich dieser Risiken bewusst. Für ihren neuen Roman Zwischen Welten hat sich die seit 2007 im brandenburgischen Dorf Bannewitz lebende 48-jährige Autorin den beinahe gleichaltrigen Simon Urban, der 2011 mit seinem Roman Plan D aufhorchen ließ, als Co-Autor gewählt. Herausgekommen ist ein zeitgenössischer Briefroman, die literarische Dokumentation einer fiktiven digitalen Korrespondenz via Mail und WhatsApp. Gelesen von PETER MOHR

Zwei Freunde – ein Verbrechen

Roman | Bernhard Aichner: Bösland

Tote gibt es noch in Bernhard Aichners neuem Thriller – aber keine Totengräber(innen) mehr. Stattdessen lässt der Tiroler Autor in Bösland zwei Männer aufeinander los, deren Freundschaft einst ein Verbrechen auseinanderbrachte. Aber hat sich die brutale Ermordung der damals dreizehnjährigen Matilda tatsächlich so abgespielt, wie es die ganze Welt aus den Nachrichten erfuhr? Von DIETMAR JACOBSEN

Wenn aus Samsa Sams wird

Roman | Ian McEwan: Die Kakerlake

»Als Jim Sams, klug, doch beileibe nicht tiefgründig, an diesem Morgen aus unruhigen Träumen erwachte, fand er sich in eine ungeheure Kreatur verwandelt.« Wer denkt bei diesem Romaneinstieg von Ian McEwan nicht sogleich an Kafkas Verwandlung und die Hauptfigur Gregor Samsa, die plötzlich zum Käfer geworden war? Gelesen von PETER MOHR

Jeden Abend ruft Hegel an

Roman | Martin Walser: Spätwerk Martin Walsers Energie ist bewundernswert. Mit nun fast 92 Jahren legt er das zweite Buch binnen eines Jahres vor – mit dem Titel ›Spätdienst‹. Wieder keine lineare Erzählung mit konventioneller Handlung, sondern ein assoziatives, ausschweifendes Gedankenkonvulut mit lyrischen und aphoristischen Sentenzen. Mal bissig, mal melancholisch, mal profund, mal kitschig. Genau so, wie in seinen beiden letzten Büchern ›Gar alles‹ (2018) und ›Der letzte Rank‹ (2017). Von PETER MOHR