Blockbuster in Verkleidung

Comic | Jeff Lemire (Text), Dustin Nguyen (Zeichnungen): Descender – Buch 1: Sterne aus Blech

Jeff Lemire, der schon mit seiner apokalyptischen Fabel ›Sweet Tooth‹ ein ebenso meisterhaftes wie eigentümliches Genrewerk geschaffen hat, erweist sich auch in seiner Sci-Fi Reihe ›Descender‹ als guter Erzähler. Er versteht es, auch auf vertrautem Terrain originelle Wege zu gehen. BORIS KUNZ ist unter seiner Leitung in den Weltraum aufgebrochen.

Jeff Lemire Dustin Nguyen DescenderIn ferner Zukunft: Die Menschen haben bei der Kolonisierung des Weltraums festgestellt, dass sie nicht allein sind in den Weiten der Galaxien. Gemeinsam mit anderen intelligenten Spezies haben sie sich schließlich zum Vereinigten Galaktischen Rat zusammengeschlossen, der aus neun Kernwelten besteht. Eines Tages tauchen in den Orbits dieser neun zentralen Planeten gigantische Roboter auf, gegen die sich ein Sternenzerstörer des Imperiums wie ein Papierflieger ausmacht. Diese später »Harvester« genannten Roboter beginnen einen zerstörerischen Angriff auf die Welten des Galaktischen Rates, den dieser nur mit Mühe und Not abwenden kann. Die Harvester verschwinden wieder und niemand weiß, wer sie gebaut hat, woher sie kommen – und wann sie zurückkehren werden, um ihr Zerstörungswerk zu vollenden. In ihrer Angst, Wut und Hilflosigkeit richten die angeschlagenen Weltraumzivilisationen sich von nun an gegen jede Form von Robotik und Künstlicher Intelligenz. Es ist der Beginn eines gigantischen Roboter-Holocausts, den viele Modelle und Bauserien nicht überstehen. Die verbliebenen Roboter haben sich in den Untergrund zurückgezogen und sind seither auf der Flucht vor Kopfgeldjägern.

Zehn Jahre später erwacht auf einer verlassenen Minenkolonie auf einem einsamen Planeten ein kleiner Junge aus dem Kälteschlaf. Doch Tim-21 ist kein gewöhnlicher Junge. Er ist ein Roboter, als Spielkamerad für Menschenkinder konzipiert, und weist in seiner Programmierung (seiner DNA sozusagen) gewisse Ähnlichkeiten mit den Harvestern auf. Damit könnte Tim-21 der Schlüssel dazu sein, das Rätsel um die Herkunft und die Funktionsweise der Harvester zu lösen und die Zivilisation vor einem neuen Angriff zu bewahren. Kaum sind die Lebenszeichen von Tim-21 in die interstellaren Kommunikationsnetzwerke gedrungen, macht sich unter dem Kommando der pflichtbewussten Soldatin Captain Telsa eine Rettungsmission zur Bergbaukolonie auf. Mit dabei ist Doktor Jin Quon, vor zehn Jahren der führende Experte für Robotik, heute ein in Ungnade gefallener Spieler – und der Schöpfer von Tim-21.

So schnell werden Quon und seine Schöpfung nicht aufeinandertreffen, denn Tim-21 gerät zunächst in die Fänge einer Bande von Kopfgeldjägern. Doch zum Glück hat der Roboterjunge noch andere Verbündete: Den Roboterhund Bandit sowie eine simpel gestrickte, aber treue Maschine, die sich schlicht und treffend »BOHRER« nennt und deren Hass auf Menschen nur von ihrem Beschützerinstinkt gegenüber Tim-21 übertroffen wird. Und so beginnt das Abenteuer …

Ein JJ Abrams der Comics?

Erzähltechnisch verknüpft Lemire auch hier wieder zwei Elemente, die in der Kombination auch bei ›Sweet Tooth‹ schon hervorragend funktioniert haben: Während sich rund um eine kindliche Hauptfigur mehrere schräge und grundverschiedene Figuren zu einer aufregenden Odyssee zusammenfinden, wird gleichzeitig Stück für Stück ein großes Rätsel gelöst, in dem das Schicksal eines unschuldigen Jungen mit der Herkunft einer gewaltigen Bedrohung in irgendeinen Zusammenhang steht. Die Handlung wird durch viele äußere Ereignisse angetrieben und vom vielschichtigen Beziehungsgeflecht zwischen den Figuren zusammengehalten.

Fans des Genres werden wenig Mühe haben, die zahlreichen Vorbilder zu identifizieren, aus denen Lemire seine Story zusammengekocht hat: Da finden sich Elemente aus ›Star Wars‹ und ›A.I.‹, aus ›Battlestar Galactica‹, ›Moon‹ und ›Guardians of the Galaxy‹ – und auch aus alten Manga- und Animeklassikern wie ›Astroboy‹ oder ›Robotech‹. Doch das stört erst einmal nicht, denn weder wirft Lemire selbstverliebt mit Zitaten um sich, noch klaut er einfach nur schamlos. Er hat die Versatzstücke zu einer stringenten, spannenden und in sich stimmigen Handlung voller Wendungen und Überraschungen zusammengeschweißt. Auch wenn man sich hier und da etwas mehr Raum für die Charakterisierung der einzelnen Figuren wünschen würde, ist ›Descender‹ so gut erzählt, dass die Story auch außerhalb einer typischen Sci-Fi Fanbase begeisterte Leser finden könnte . Dass bereits eine Verfilmung in Arbeit sein soll, verwundert überhaupt nicht: ›Descender‹ ist eindeutig Blockbuster-Material.

Weltraumschlachten in Aquarelltechnik

Was das Comicalbum darüber hinaus lesenswert macht, ist das ungewöhnliche Artwork des talentierten Zeichners Dustin Nguyen. Das Design der Welten, Raumschiffe und Figuren ist – genau wie die Story – erstklassiges Handwerk, dem man seine zahlreichen Vorbilder ansieht. Die konkrete grafische Umsetzung aber verknüpfen auf eine ungewöhnliche Art die Einflüsse europäischer und japanischer Vorbilder. Das Ergebnis sieht ganz und gar nicht nach einem amerikanischen Mainstream-Comicheft aus: Die zarten Bleistiftzeichnungen sind direkt als Aquarelle koloriert. Stimmungsvoll, aufwändig und für einen Sci-Fi Comic eigentümlich zart und filigran. Die Farbpalette ist reduziert, das leicht Skizzenhafte der Striche, die Verläufe der Wasserfarben, ja sogar die Struktur des Zeichenpapiers bleiben jederzeit sichtbar und werden von keiner Computernachbearbeitung zugekleistert.

Der handgemachte, zurückhaltende Flair der Zeichnungen steht in einem eigenartigen Widerspruch zum martialischen Topos von Weltraumschlachten und Roboterkämpfen – und verleihen dem Comic dadurch ein ähnlich besonderes Flair, wie Lemire es mit seinen eigenen, verqueren Krakelzeichnungen auch bei ›Sweet Tooth‹ hinbekommen hat. Was man auf visueller Ebene bei ›Descender‹ serviert bekommt, hat man zwar auch alles schon mal irgendwie so gesehen – aber selten so gut!

Fazit: Von der Konzeption sicher nicht so originell wie die vergleichbaren SF-Hits ›Saga‹ oder ›Waisen‹, dafür aber auch weniger durchwachsen oder zeichnerisch standardisiert, bietet ›Descender‹ erstklassiges Erzählhandwerk eines Top-Autoren der Gegenwart, verknüpft mit einem wunderschönen Artwork, das sich nicht den üblichen Konventionen unterwirft, sondern eigene Wege geht.

| BORIS KUNZ

Titelangaben
Jeff Lemire (Text), Dustin Nguyen (Zeichnungen): Descender – Buch 1: Sterne aus Blech
(Descender: Tin Stars) Aus dem Amerikanischen von Bernd Kronsbein
Bielefeld: Splitter Verlag 2015
144 Seiten, 22,80 Euro
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Reinschauen
| Blog von Jeff Lemire
| Blog von Dustin Nguyen
| Mehr zu ›Sweet Tooth‹ (Bd. 3+4) in TITEL kulturmagazin
| Mehr zu ›Sweet Tooth‹ (Bd. 5) in TITEL kulturmagazin

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