Katerstimmung

Comic | Robert Crumb: Fritz The Cat

Comic-Kult-Kater »Fritz The Cat« ist wie sein Urheber Robert Crumb eine Ikone der Gegenkultur. Fast 50 Jahre hat er nun auf dem Katzenbuckel. Innerhalb der bei ›Reprodukt‹ laufenden Crumb-Reihe wurde er jüngst mit einem neuen Sammelband gewürdigt. CHRISTIAN NEUBERT hat sich die hemmungslosen Eskapaden vorgenommen.

Fritz the cat - 97839564003531Kiffen, Saufen, Ficken, nicht Arbeiten. Das Leben von ›Fritz The Cat‹ erschöpft sich im Müßiggang. Der herrenlose Kater hat mehr Laster als ein durchschnittlicher Autobahnrasthof. Dabei hat Fritz schon über 50 Jahre auf dem Buckel. Dass er dennoch in Saft und Kraft steht, dass er wohl ewig jung sein wird: Der ihm gewidmete Sammelband, der jüngst im Berliner ›Reprodukt‹ Verlag erschien, belegt es.

Einen ersten Sammelband brachte ›Reprodukt‹ schon 1999 heraus, nun aber gibt´s Fritz noch geballter: Die neue Ausgabe zählt 128 statt 76 Seiten, ist dabei umfangreicher als der Comic-Klassiker-Band, der 2006 von der FAZ herausgebracht wurde. Noch dazu glänzt er im Albumformat, Hardcover, hardcore. Oder wie beschreibt man sonst eine Anthologie, die von einem streunenden Kater erzählt, der nach Jahren des Herumtreibens heimkehrt, sich von Muttern bekochen lässt – und wenig später seine kleine Schwester flachlegt?!?

Unerhört!

Diese erste Fritz-Story ist von 1964. Veröffentlicht wurde sie fünf Jahre später. Da hatte ›Fritz The Cat‹ seinen Siegeszug längst angetreten. Übrigens ausgehend von einem Kinderwagen: Robert Crumb, sein Schöpfer, aufgewachsen in Ohio, hornbebrillt, verschroben, verkauft seine selbst verlegten Comichefte von dort aus an die kalifornischen Hippies.

Die nehmen ihm das Zeug ab wie geschnitten Brot und getrocknet Gras. Und schnurstracks wird seine Figur zum erklärten Liebling einer ganzen Generation. Nicht schlecht für einen Kerl, dem Pornografie, Rassismus und Frauenfeindlichkeit vorgeworfen wurden und wegen dem gar Betreiber von Comicläden verfolgt wurden …

Inzwischen ist all das Geschichte: Crumb ist längst zur Ikone der Gegenkultur geworden, wurde vielfach prämiert, gilt als einer der bedeutendsten Comic-Schaffenden überhaupt. Internationale Ausstellungen würdigen sein Werk, ein Dokumentarfilm zeichnet seinen Werdegang nach, er selbst tut dies gemeinsam mit seiner Ehefrau Aline Kominsky-Crumb in den Paar-autobiographischen ›Dirty Laundry‹-Comics.

›Fritz The Cat‹ schaffte es ebenfalls ins Kino. Regisseur Ralph Bashi inszenierte 1972 einen Zeichentrickfilm über den tierischen Schwerenöter. Der Streifen wurde ein voller Erfolg.

Crumb jedoch befürchtete, seinen Kater an den Mainstream zu verlieren – und bereitete ihm noch im selben Jahr ein abruptes Ende. Per Eispickel, geführt von der rachsüchtigen Hand einer gedemütigten Straußendame.
 

Intensive Jahre

1964 bis 1972, acht Jahre ›Fritz The Cat‹ also. Da kommt einiges zusammen. Sprüche, die geklopft, Biere, die getrunken, Tüten, die geraucht, Wohnungen, die verwahrlost werden. Und Frauen, viele Frauen, vor denen er den Schöngeist markiert. Denen er vorgibt, Dichter zu sein, um sie rumzukriegen. Oder Schriftsteller. Je nachdem.

Zwischendurch geht Fritz auch mal zur Uni. Zumindest ist er immatrikuliert, in erster Linie wohl der Studentinnen wegen, die er belabern, befummeln, verführen und verlassen kann. Als Revoluzzer kriegt man ihn ebenfalls kurz zu sehen – wobei´s ihm da, natürlich, weniger um die Revolution als vielmehr um den eigenen Vorteil geht.

Einmal hat er es sogar zum Geheimagenten der CIA geschafft. Schon erstaunlich, zu was es ein selbstsüchtiger Tagedieb so bringen kann.

Fritz-the-Cat

Aber bringt´s das auch heute noch – gut 50 Jahre später? Die Antwort muss lauten: Unbedingt! Und das nicht einmal, um den Geist der Gegenkultur zu beschwören. Indem ›Fritz The Cat‹ sich in erster Linie mit großer Klappe und noch größerem Ego durchs Leben schlägt, scheint er zeitgemäßer denn je.

| CHRISTIAN NEUBERT

Titelangaben
Robert Crumb: Fritz The Cat
Aus dem Amerikanischen von Heinrich Anders
Berlin: Reprodukt 2017
128 Seiten, 29 Euro
| Erwerben Sie dieses Buch portofrei bei Osiander

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Voriger Artikel

Drogen per Drohnen

Nächster Artikel

Folkdays… Sometimes you just need hope

Weitere Artikel der Kategorie »Comic«

Verzweifelter Vater und souveräner Erzähler

Comic | Fabien Toulmé: Dich hatte ich mir anders vorgestellt Der hierzulande noch unbekannte französische Comiczeichner Fabien Toulmé erzählt in ›Dich hatte ich mir anders vorgestellt…‹ von der Geburt seiner behinderten Tochter. Formal und optisch eher unaufdringlich ist der Comic von einer großen Ehrlichkeit des Autors geprägt, die BORIS KUNZ sehr beeindruckt hat.

Die philosophierende Katze

Comic | Joann Sfar: Die Katze des Rabbiners Selten schaffen es Graphic Novels in die Feuilletons der Mainstream-Medien. Die Reihe ›Die Katze des Rabbiners‹ des französischen Comiczeichners und Filmregisseurs Joann Sfar ist da eine Ausnahme. Sie gilt als genreübergreifend interessant, was nicht verwunderlich ist, da die in den 2000er Jahren entstandene Reihe 2011 verfilmt wurde, für mehrere Preise nominiert war und wohl als das schönste Kurzkompendium des Judentums fungiert – sowie gleichzeitig ein toller Schmöker für Katzenfans ist. Wegen der großen Beliebtheit der Reihe verlegt der Avant-Verlag nun alle fünf Teile neu und publiziert sie in zwei Sammelbänden. Vor kurzem

Der McGuffin des Nostradamus

Comic | É.Corbeyran & N.Hamm (Text) / L. Dubois »Grun« (Zeichnungen): Die Opalverschwörung Wer an die Weissagungen von Propheten glaubt, der kann leicht auf einen Schwindler hereinfallen. Die Opalverschwörung entlarvt aber nicht Nostradamus als Scharlatan, sondern die Autoren dieses Comics. BORIS KUNZ ist ihnen ein Stück weit auf den Leim gegangen.

Besonderer Comic, tosender Applaus

Comic | Gipi: Besondere Momente mit falschem Applaus

Humor ist, wenn man trotzdem lacht, weiß Silvano Landi – ein Stand-Up-Comedian, dessen Mutter im Sterben liegt. Von ihm erzählt der Comic ›Besondere Momente mit falschem Applaus‹ des italienischen Autorenzeichners Gipi, der in deutscher Übersetzung beim Berliner avant-verlag erschien – vielschichtig, ergreifend, mit ständig wechselnder Erzählebene. Von CHRISTIAN NEUBERT

Moderne Geschichtsstunde

Comic | J.-P. Filiu (Text)/C. Pomes (Zeichnungen): Der Arabische Frühling Von einem Islamwissenschaftler und Historiker mit Erfahrung im diplomatischen Dienst verfasst und von einem Newcomer der französischen Comicszene modern illustriert, bringt Der Arabische Frühling dem Leser die Hintergründe der Revolutionsbewegung im Mittleren Osten näher – teilweise prägnant informativ, teilweise anrührend. BORIS KUNZ fragt sich jedoch, was auf der Strecke bleibt, wenn komplexe Zusammenhänge auf spannende Lektüre reduziert werden.