Der Glanz vergangener Zeiten

Comic | Antonio Hernández Palacios: El Cid

Neben dessen Westernepen ›Manos Kelly‹ und ›Mac Coy‹ bringt der ›avant‹-Verlag auch die Mittelalterserie ›El Cid‹ des großen spanischen Comiczeichners Antonio Hernández Palacios in einem würdigen Prachtband heraus. Für ältere Leser bedeutet das ein Wiedersehen mit einem alten Bekannten aus dem ›Kauka‹-Verlag, für Neueinsteiger wie BORIS KUNZ den Beginn einer faszinierenden Erzählung, die ein großes Epos hätte werden können.

Antonio Palacios - El CidWir schreiben das Jahr 1063. Das heutige Spanien ist ein geteiltes Land, der Süden der Iberischen Halbinsel wird von den Mauren beherrscht. Zwischen ihnen und den christlich regierten Provinzen unter dem kastilischen König Ferdinand I. herrscht ein brüchiger Friede. Immer wieder gibt es Querelen zwischen den christlichen und maurischen Herrschaftshäusern. Und auch an seinem eigenen Hof ist Ferdinand I. kein wirklicher Friede vergönnt: Zwei seiner Söhne, die Infanten Sancho und Alfonso, haben sich gegenseitig auf dem Kieker – weil sie beide darauf hoffen, als Alleinerbe des väterlichen Reiches eingesetzt zu werden.

Während Alfonso als zwar intriganter aber auch kluger Stratege durchaus in der Lage wäre, die Machtposition seiner Familie auszubauen, scheint der ungestüme und kämpferische Sancho eher in der Lage zu sein, das Reich der Christenheit aggressiv zu vergrößern, den Herrschaftsbereich Kastiliens nach Süden auszuweiten und die Mauren auf den afrikanischen Kontinent zurückzudrängen. Und an der Seite Sanchos befindet sich sein treuer Knappe Rodrigo Diaz de Vivar – von dem zu dieser Zeit noch niemand ahnen kann, dass er eines Tages als ›El Cid‹ in die Geschichte eingehen und als bedeutende Figur der sog. Reconquista zum Nationalhelden Spaniens mutieren sollte.

You know the name – but do you know the legend?

Nachdem er schon in seinem ungewöhnlichen Western ›Manos Kelly‹ die Besiedelung des amerikanischen Kontinents aus dem Blickwinkel der Spanier erzählt hatte, war Antonio Hernández Palacios mit ›El Cid‹ drauf und dran, mit seiner Version eines Nationalepos einen Meilenstein der (vermutlich nicht nur spanischen) Comicgeschichte zu schaffen. Unbestrittenes Vorbild war ihm dabei natürlich Hal Fosters ›Prinz Eisenherz‹, doch während Foster sich eher willkürlich von Episode zu Episode durch ein Fantasie-Mittelalter bewegte, hatte Palacios von Beginn an einen großen Erzählbogen vor Augen. Der Titelheld El Cid tritt hier zunächst eher als Sidekick des Prinzen Don Sancho in Erscheinung, der in den ersten Alben eigentlich die treibende Kraft der Handlung ist. Diese orientiert sich zwar grob an historischen Ereignissen, doch war Palacios deutlich mehr an der Legende als an historischer Genauigkeit interessiert.

So lernen wir Don Sancho und Rodrigo Diaz zunächst in einer sehr klassischen Abenteuergeschichte um die Befreiung einer edlen Jungfrau kennen, die in einer unzugänglichen Burg gefangen gehalten wird. ›Sancho von Kastilien‹ (original veröffentlicht 1971) ist eigentlich eher eine Räuberpistole im Stil von Robin Hood voller überhöhter und fast mythologischer Motive, voller tapferer Krieger, bedrängter Schönheiten, gerissener Schurken und verborgener Geheimgänge. Dennoch gelingt es Palacios damit, eine in sich stimmige und glaubwürdige Version des Mittelalters zu schaffen.

Diese geht im zweiten Kapitel mit dem Titel ›Die Ständeversammlung von León‹ (1972) beinahe nahtlos in den Auftakt eines Historienepos über, in dem die Erbfolge von Ferdinand I. unter dessen zahlreichen Nachkommen verhandelt wird. In den folgenden Kapiteln ›Die Einnahme Combiras‹ (1982)und ›Der Kreuzzug nach Barbastro‹ (1984) schließlich hat Palacios endgültig den Bogen raus, wie man die Chroniken von Eroberungsfeldzügen als Abenteuergeschichte erzählt. Dabei wechselt er geschickt zwischen historischem Namedropping, beinahe dokumentarisch anmutenden Passagen – welche die Praxis einer Belagerung nachzeichnen – und reiner Legendenneuschöpfung: So zögert er nicht, Sanchos Gegenspieler aus dem ersten Band, den Burgherren Adolfo, als phantomhaften Erzschurken vom Kaliber eines Colonel Olrik immer wieder in die Handlung einzuflechten. Dann wieder überrascht er den Leser mit einer erstaunlich nüchternen Darstellung der Glaubenskriege, die keine Seite zu Helden stilisiert und die Christen oftmals als brutalere Kriegsherren zeigt als ihre maurischen Gegner.

Dreckig, filmisch, expressiv

Das Gefühl von Authentizität, das sich dabei einstellt, hat vor allem mit der visuellen Gestaltung des Mittelalters zu tun. Palacios zeichnet keine geschniegelten Helden in Strumpfhosen, sondern vernarbte, bärtige (und oftmals gar nicht so leicht voneinander zu unterscheidende) martialische Krieger mit verbeulten Helmen und schartigen Schwertern. Sein ausdrucksstarker und aufwendiger Zeichenstil erinnert dabei durchaus auch an amerikanische Zeichner wie Frank Miller, Jack Davis oder den späten Carmine Infantino. Die expressive Farbgebung ist in den ersten Alben noch etwas eigenwillig und bunt, wird in den späteren Bänden dann aber immer stimmungsvoller und schafft damit einen noch höheren Grad an Glaubwürdigkeit. Die Darstellung des Mittelalters als eher düstere und dreckige Welt war sicher keine Pionierleistung, sondern zu dieser Zeit auch in der Filmwelt schon durchaus en vouge – doch ist dieser Stil gut gealtert: Manche Bilder aus El Cid sehen aus, als hätten sie Ridley Scott als Mood-Vorlagen für sein ›Königreich der Himmel‹ gedient.

Antonio-Palacios-Manos-KellErzählerisch und grafisch kann man in dieser Gesamtausgabe die gleiche künstlerische Entwicklung zwischen markiger Kolportage und ernsthafter großer Historienerzählung verfolgen, wie in Palacios Western ›Manos Kelly‹ – und leider endet auch ›El Cid‹ bereits nach nur vier Kapiteln und lässt die Nachwelt mit dem Fragment eines großen Epos zurück, das eigentlich auf 20 bis 25 Bände konzipiert gewesen ist. Und was für ein Epos wäre das gewesen! Sicherlich hätte es heute seinen Platz zwischen den großen Klassikern: Zwar keiner historischen Genauigkeit verpflichtet, dennoch weit von der reinen Fantasiewelt eines ›Prinz Eisenherz‹ entfernt. Visuell auf einer Ebene mit Herrmanns ›Türmen von Bos Maury‹, doch inhaltlich komplexer. Historisch sicherlich weniger akkurat als Gilles Chaillets ›Vasco‹ – dafür aber mit mehr Feuer und Leidenschaft erzählt. Künstlerisch vielleicht nicht auf Augenhöhe mit Bourgeons ›Gefährten der Dämmerung‹, dafür aber ohne esoterische Mythologisierung. Was nach der Lektüre von ›El Cid‹ vor allem als Eindruck bleibt, ist der Gedanke daran, was aus diesem Comic noch hätte werden können …

| BORIS KUNZ

Titelangaben
Antonio Hernández Palacios: El Cid
(El Cid) Aus dem Spanischen von André Höchemer
Berlin: avant-verlag 2016
208 Seiten, 39,95 Euro
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Reinschauen
| Über Manos Kelly
| Wer war El Cid?

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