Zeitgenössischer Stiller

Roman | Daniel Goetsch: Ein Niemand

Obwohl der 48-jährige Autor Daniel Goetsch schon einige Romane, Hörspiele und Dramen veröffentlicht hat, gilt er in der Literaturszene noch als weitgehend unbeschriebenes Blatt. Das kann sich nun nach seinem gleichermaßen raffinierten wie verstörenden Roman Ein Niemand schlagartig ändern. Eine Rezension von PETER MOHR

GötschDer gebürtige Züricher, der seit vielen Jahren in Berlin lebt, verknüpft in seinem neuen Roman zwei Biografien – die des Ich-Erzählers Tom Kulisch und die eines in Berlin von einem LKW überfahrenen Rumänen namens Ion Rebreanu.

Kulisch, der sich nach seinem Studium eher schlecht als recht mit der Übersetzung technischer Texte durchschlägt, wird in Berlin Zeuge eines tödlichen Verkehrsunfalls und gleichzeitig Opfer eines verhängnisvollen Irrtums.

Die Notärztin hält ihn ob seiner großen Ähnlichkeit mit dem Unfallopfer für den Bruder und händigt ihm dessen Papiere aus. Er nimmt dies apathisch hin, sieht es zunächst sogar als Chance, aus seinem eigenen, festgefahrenen Leben irgendwie zu entkommen. Dem Reiz des Identitätswechsels kann sich Kulisch nicht entziehen. Mit einer gehörigen Portion Naivität (oder soll man es Unbefangenheit nennen?) schlüpft er in die Rolle des Ion Rebreanu, reist ins Prag der 1990er Jahre, wo er sich in dessen komfortabler Altbauwohnung kommod einrichtet.

Doch die Schwierigkeiten lassen nicht lange auf sich warten. Ion hatte offensichtlich jede Menge Schulden bei ziemlich zwielichtigen Gestalten. Wo auch immer Tom in seiner neuen Rolle auftaucht, wird er für Ion gehalten. Lediglich dessen Freundin Mascha durchschaut das »Spiel«, hofft aber in Tom eine charakterlich bessere »Ausgabe« ihres Originals gefunden zu haben.

Je tiefer er als Fremder in den Dunstkreis des Toten eindringt, umso stärker wird das Gefühl, dass es dort von Personen mit wechselnden Identitäten und enormer krimineller Energie nur so wimmelt. Als er nach einer wahren Odyssee durch Südosteuropa von Bukarest wieder nach Berlin zurückkehrt, wird er bei der Einreise am Flughafen Tegel festgenommen, weil sein (Ions) Pass abgelaufen ist und er das Missverständnis nicht glaubhaft erklären kann.

»Ihr Pass weist Sie eindeutig als Rumäne aus. Ihr Name lautet Ion Rebreanu«, erklärt der Grenzschutzbeamte. »Ich bin nicht Ion. Ich bin ein anderer«, erwidert Tom ebenso krampfhaft wie vergeblich. Ein Niemand liest sich wie eine Mischung aus Polit-Thriller und psychologischem Selbstversuch. Der Roman passt sich formal der emotionalen Unausgeglichenheit des Protagonisten an – er ufert aus, er schweift ab, droht sich in Anekdoten zu verlieren, doch langweilig wird er trotzdem nie.

Das erinnert in seiner suggestiven und verstörenden Erzähldynamik keineswegs zufällig an Max Frischs Stiller. Und wenn man das Cover der Stiller-Originalausgabe von 1954 mit dem Umschlag von Goetschs Roman vergleicht, ist die Ähnlichkeit frappierend. Dieser Roman ist so gut gemacht, dass dieser visuelle Fingerzeig auf das große Vorbild überflüssig erscheint. 25 Jahre nach Max Frischs Tod hat Daniel Goetsch eine Art »zeitgenössischen Stiller« vorgelegt – ein beeindruckendes Werk, mit dem er die Messlatte für all seine künftigen Bücher sehr hoch geschraubt hat.

| PETER MOHR

Titelangaben
Daniel Goetsch: Ein Niemand
Stuttgart: Klett-Cotta Verlag 2016
222 Seiten. 18,95 Euro
| Erwerben Sie dieses Buch portofrei bei Osiander

Reinschauen
| Leseprobe

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Voriger Artikel

Farbe ins Leben!

Nächster Artikel

Die Freiheit der Existenz

Weitere Artikel der Kategorie »Roman«

Das Belfaster Schweigen

Roman | Adrian McKinty: Dirty Cops Mit seinem »katholischen Bullen« Sean Duffy befindet sich Adrian McKinty (geboren 1968 in Belfast) seit gut einem halben Dutzend Jahren auf der Überholspur. Der Detective Inspector beim Carrickfergus CID lebt inzwischen mit seiner jüngeren Freundin Elizabeth und ihrer gemeinsamen kleinen Tochter Emma zusammen in 113 Coronation Road, einer Adresse, die einem fast schon so vertraut ist wie die Baker Street 221 b. Als sein neuer Fall nicht nur ihn, sondern auch die beiden Menschen, die er am meisten liebt, in Lebensgefahr bringt, steht er vor einer schwierigen Entscheidung. Aber aufzugeben und ein skrupelloses Verbrechen

Die Erben des Rächers

Roman | Zhou Haohui: 18/4. Der Pfad des Rächers/ Die blinde Tochter

Nach dem Tod des sich Eumenides nennenden Killers in Zhou Haohuis erstem 18/4-Roman Der Hauptmann und der Mörder scheint der Albtraum für Chengdus Ordnungshüter erst einmal vorbei. Doch es dauert nicht lange, bis wieder Todesanzeigen auftauchen und Menschen ermordet werden. Erneut hat die Sondereinsatzgruppe »18/4« unter Hauptmann Pei Tao alle Hände voll zu tun. Denn an Zielen mangelt es dem mit einer Rasierklinge lautlos tötenden Mann, der der Polizei immer um einen Schritt voraus zu sein scheint, nicht. Und obwohl man schon bald weiß, wen Pei Taos Studienfreund Yuan Zhibang zur unaufhaltsamen Killermaschine ausgebildet hat – immer wieder entgeht das Phantom Eumenides mit äußerster Raffinesse den ihm gestellten Fallen. Und das nicht zuletzt deshalb, weil der Mann eine Gefährtin findet, die im dritten Band der 18/4 - Reihe dann im Mittelpunkt steht und das Geschäft der Rache übernimmt. Von DIETMAR JACOBSEN

Kalter Ritus

Roman | Yukio Mishima: Der Goldene Pavillon

Der Brand als Fanal und Selbstreinigung. Wie eine Besessenheit bis zur Brandstiftung gehen kann, erzählt Yukio Mishima in seinem Roman Der goldene Pavillon, in dem es auch, wie meist bei ihm, um sexuelle Obsessionen geht, um die japanische Kultur, ihren vermeintlichen Untergang und die Bedrohung aus dem Westen. Der Roman ist jetzt in einer Neuübersetzung erschienen. Von GEORG PATZER

Ein Geheimtipp der deutschen Literatur

Roman | Wolf von Niebelschütz: Die Kinder der Finsternis Die Kinder der Finsternis von Wolf von Niebelschütz, erschienen 1959, entführt den Leser in die faszinierende Welt des Mittelalters. Eine Pflichtlektüre findet HUBERT HOLZMANN

Wie ein Hund umgebracht

Roman | Franz Kafka: Der Process

Oft sind Klassiker totinterpretiert, und es ist nötig, sie mit frischen Augen neu zu lesen. Reiner Stach gelingt es, in seinen Kommentaren in der neu herausgegebenen Leseausgabe von Franz Kafkas Der Process die Deutungen beiseite zu schieben und den Text sehr klug wieder für sich sprechen zu lassen. Von GEORG PATZER